Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Gemeindeorthodoxie und Separatismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 80 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101204-3108904--6749-3108941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
So Alfred Wiener: engste zusammen, und schaffen sich ein Betätigungsfeld, um ihrer Geistesrichtung, ihren Idealen entsprechend zu leben und zu wirken. Das führt zu einer wachsenden Vertiefung in die geistigen Schätze der Vergangenheit, das Religiöse erfüllt mehr und mehr die Seelen, und eine neue Jugend, welche die alten Ideale auf ihre Fahnen schreibt, kämpft begeistert für ihre Verwirklichung. Aber auch hiermit ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Auch die Alten haben manches in ihrer Denkungsart und ihrer Lebensführung der Gegenwart angepaßt. Weite Kreise empfinden die Notwendigkeit, gegenüber dem Trennenden das große Gebiet des Gemeinsamen in den Vordergrund zu rücken und die Trennung auf dasjenige Gebiet zu beschränken, in dem ein versöhnender Ausgleich ausgeschlossen erscheint. Die Anhänger der neuen Richtung haben erkannt, daß ihre Extremisten weit über das Maß einer gesunden Entwicklung hinausgegangen sind. Manches von dem, was sie einst verwarfen, erscheint ihnen jetzt gerechtfertigt, und anderes, das sie selbst nicht anerkennen, mögen sie wenigstens nicht mehr bekämpfen. Ohne daß im einzelnen eine direkte Annäherung erfolgt ist, bildet sich eine Atmosphäre, in der sich der scharfe Gegensatz, der bisher bestanden hatte, zu mildern beginnt. Die Zusammenarbeit a,uf Gebieten, auf denen der grundsätzliche Gegensatz weniger in Erscheinung tritt, führt zu einem gewissen Verständnis des anderen und löst den Wunsch aus, das Trennende nach Möglichkeit zu beschränken. Aber diesen Bestrebungen steht ein Hindernis entgegen. Diejenigen, die einst aus der Trennung ein Prinzip gemacht haben, sehen darin etwas wie ein Lebenselement. Sie sträuben sich gegen eine Annäherung, sie betonen wieder und immer wieder in schärfster Form das die Geister Scheidende, und die Mehrzahl ihrer Anhänger betrachtet mit mehr oder weniger bewußtem Mißtrauen alles das, was als Konzession gegen die anderen erscheinen könnte. Je mehr in tatsächlicher Beziehung die Basis für eine Annäherung gegeben ist, um so schärfer wird der theoretische Gegensatz betont. Da. das Extrem regelmäßig größere Folgerichtigkeit für sich hat, werden die Argumente schärfer, prägnanter und rein logisch überzeugender, aber der langsame Wegfall der tatsächlichen Voraussetzungen ihres Systems raubt ihnen die gesunde Basis und muß, wenn die Führer nicht im rechten Moment den Weg des Ausgleiches finden, die nachteiligsten Folgen zeitigen. II. Im Vorstehenden ist der Gang der Entwicklung innerhalb der deutschen Judenheit während der letzten anderthalb Jahrhunderte charakterisiert; dabei ist besonders die Entstehung der sogenannten Austrittsbewegung in den Vordergrund gerückt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die neologe Bewegung wesentlich erstarkt, sie hat die Führung in den Großgemeinden erlangt. Die Zahl ihrer überzeugten Anhänger, und noch mehr die der Mitläufer, die sich kritiklos dem anpaßten, was als Geist