Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Kattowitzer Konferenz
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 613 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Geschichte 613 FORSCHUNG UND ERKENNTNIS GESCHICHTE Die Kattowitzer Konferenz Zweierlei sind die Ausgangspunkte, von denen aus man zum Zionismus gelangen kann (denn der dritte, der Zustand des „guten Juden" führt nur zur zionistischen Partei): Orthodoxie und Assimilation. Der fruchtbarere Ausgangspunkt ist der letztere.- Diese von mir so oft betonte Tatsache wird mir noch gewisser, wenn ich das Protokoll der Kattowitzer Konferenz lese, für dessen Herausgabe wir Dr. N. M. Gelber dankbar sein müssen *) Auch hier in Kattowitz vereinigten sich diese zwei Welten, wenn man auch aus dem durchaus nur rückblickend zusammengestellten Protokoll, das eher ein Bericht im Stile der damaligen hebräischen Presse ist, als eine genaue Wiedergabe der Verhandlungen, nur mühsam und unter Zuhilfenahme der Geschichte vorher und nachher sich das Bild lebendig machen kann. Die orthodoxen Anhänger der Zionsidee waren auf natürlichem organischen Wege zum Zionismus gekommen. Er floß aus ihrer ganzen Weltanschauung, aus ihrer ganzen Einstellung in das traditionelle Judentum, an dessen Anfang die Einwanderung in das allen künftigen Geschlechtern Abrahams gelobte Land stand, sie bedurften keines gewaltigen Anstosses von außen. Ihr Beispiel ist der bekannte Thorner Exeget und Religionsphilosoph Zwi Kalischer, der schon ^32 für die Besiedelung des heiligen Landes mit Juden eintrat. In Briefen an R. Akiba Eger und R. Moses Sofer suchte er nachzuweisen, daß Messias erst erscheinen könne, wenn auf natürlichem Wege bereits eine Anzahl von Juden in Palästina ansässig sei. Er wies darauf hin, man müsse vom türkischen Sultan die Erlaubnis verlangen, auf dem Berge Moria den Opferdienst wieder aufzunehmen und jüdische Ackerbaukolonien im Lande unter dem Schutze der europäischen Mächte zu gründen. Seine Anregungen fielen auf fruchtbaren Boden, und ähnliche Ansichten wurden gleichzeitig von anderer Seite selbständig entwickelt. Schon 1861 wurde von Dr. Haim Lorje in Frankfurt a. Oder eine Vereinigung „Jischutf Erez Israel" begründet. 1862 erschien Kalischers „Derischat Zion", 1866 ein „Kol Kore", den Kalischer gemeinsam mit EHjahu Gutmacher, einem Rabbiner, den seine mystisch - kabbalistischen Traditionen zum Zionismus geführt hatten, veröffentlichte und worin sie einen Jahresbeitrag von zwei Talern *) Erschienen im Buchverlag von M.Hickl, Wien-Brünn. für eine palästinensische Kolonialgesellschaft verlangten. Nicht viel anders als der Standpunkt dieser Männer war der von Sir Moses. Montefiore. Alle waren überzeugt, daß diese Kolonisation nur eine zeitweilige Vorbereitung sei, der die endgültige erst beim Erscheinen des Messias folgen werde. Bei ihnen handelte es sich nicht um Linderung der Not der jüdischen Massen, nicht um Heilung moralischgeistigerSchäden, die sie gar nicht kannten,nicht um die Gleichberechtigung des Volkes durch Erlangung der Stützpunkte staatlicher Selbständigkeit, sondern nur um die Erfüllung religiöser Gebote, um die Vollendung der Tradition, Völlig anders war die zweite Gruppe derer, die aus der russischen Assimilation kamen. Sie waren extreme Anhänger der Auflösung Israels gewesen, Sprache, Sitte und Tradition der Ahnen waren ihnen fremd, für sie bedeutete der Zionismus, die Neueinstellung in die traditionellen Hoffnungen, einen völligen Bruch mit ihrem bisherigen Leben, und es bedurfte eines starken, äußeren Erlebnisses, einer äußeren Katastrophe, die zu einer inneren wurde, um diese Wandlung herbeizuführen. Für sie alle waren gleicherweise die Pogrome des Jahres 1881 dieser äußere Anlaßpunkt. Die Assimilationsgeschichte der russischen Juden hat sich in drei Stufen vollzogen. Zuerst in den vierziger Jahrendes vergangenen Jahrhunderts die Wilnaer Periode, Anbeter der Berliner Aufklärung, die noch völlig im Ghetto staken und deren Haskala mehr ein Traum als eine Wirklichkeit war. Erst die fünfziger Jahre vollzogen eine Schwenkung zu realer Assimilation: sie verlangten nicht so sehr allgemein-menschliche Aufklärung als Russifizierung. Am Ende dieser Periode gründeten Ossip Rabinowitsch und Joachim Tarnopol die erste jüdische Zeitschrift in russischer Sprache, den „Raßwj et" (Aufklärung), der, als er nach einem Jahre von der Zensur untersagt wurde, unter dem Namen „Zion", aber mit noch stärkeren assimilatorischenTendenzen herausgegeben wurde. Seine neuen Redakteure waren Emanuel Solowjeitschik und Leo Pinsker. Die Intelligenzgeneration, die jetzt heranwuchs, stand völlig im Bann der russischen Kultur und ihrer demokratischen und sozialpolitischen Bestrebungen: es ist dies die Zeit der sechziger Jahre, mit ihrer Blüte der russischen Kultur, ihrer Umgestaltung des russischen wirtschaftlichen Lebens, der man sich anpassen mußte, ihrer seit dem Polenaufstand verstärkten Russifizierungstendenz der Regierung. 1869 beginnt in Odessa die jüdischrussische Zeitung „Den)« (Tag) zu erscheinen, in der Em. Solowjeitschik unter dem Titel „Zur Aufklärung der jüdischen Frage" schreibt: