Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Kattowitzer Konferenz
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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614 Umschau: Geschichte „Die Juden erkennen, daß ihre Rettung im Aufgehen im russischenVolke besteht. Die volleAnnäherungundVerschmelzung mit der russischen Bevölkerung, das ist der Messias, dessen Kommen mit solcher zitternden Erwartung der bessere Teil unserer aufgeklärten Juden ersehnt." Es ist vor allem die studierende Jugend und die diplomierte Intelligenz, die diese Assimililation ergreift, sie wollen ins Volk gehen, ins russische Volk; sie werden „narodniki", die jüdische Frage interessiert sie überhaupt nicht mehr. Aber schon Ende der siebziger Jahre macht sich eine leise Schwenkung bemerkbar. Vereinzelte Vorläufer erscheinen. Smolensky hatte schon seit einem Jahrzehnt in seinem „Haschachar" Nationalismus gepredigt, aber sein Nationalismus war ein Erbe Krochmals und ein Vorläufer Achad Haams: es war ein rein geistiger Nationalismus mit Hebräisch als toter Kultursprache. Da erschien 1879 im Haschachar ein offener Brief an den Redakteur „Weod mussar lo lakächnu" von Ben Tehuda (ein anderer: „Scheela nichbada" v/ar wenige Monate in gleichem Sinne vorhergegangen), der statt eines geistigen Nationalismus einen territorialen in Palästina, statt Hebräisch als Kultursprache ein lebendiges Hebräisch des Alltags verlangte. Smolenskj" erschienen diese Forderungen zu kühn, er verhielt sich zu ihnen ablehnend. Aber ganz kurze Zeit später sollte die allgemeine Abkehr von der Assimilation erfolgen. Die Pogrome kamen; ihren Eindruck kann man sich heute nur noch schwer vorstellen. Alte Aufklärer wurden zu Nationalisten, sie sahen wie Jehuda Leib Gordon alle Träume zusammenstürzen. Aber wichtiger ist noch der Eindruck auf die junge, russisch erzogene Generation. Da war der talentierte Vorkämpfer der extremen Assimilation Leo Lewanda, der noch 1879 in der Programmeinleitung der neuen Zeitschrift „Russkij Jewrej" („Der russische Jude") geschrieben hatte: „Wir müssen energisch all das unterstützen, was zur unwiederbringlichen Umgeburt des russischen Juden in einen russischen Bürger führen kann", und der noch 1880 nach den ersten Progromanzeichen alle Schuld den Juden zuschrieb und ihrem Hang zum Luxus, der bei den anderen böses Blut erzeuge. Da war Moses Leib Lilienblum, der Verteidiger eines extremen Realismus (Pissarewismus nach dem russischen Kritiker Fissarew genannt), da war Dr. Leon Pinsker selbst, der alte Odessaer Vorkämpfer für die Assimilation, da war vor allem die Jugend, die Hochschüler, die noch eben narodniki gewesen waren, wie Wladimir Temkin — sie alle machte das Jahr 1882 zu Nationalisten. Zu Territorialisten und in weiterem Verlaufe zu Zionisten. Zu diesen gesellten sich noch Männer, die obwohl Vorkämpfer der Assimilation durch ihr Alter oder durch die Umstände ihrer Erziehung noch innigeren Zusammenhang mit dem tradionellen Judentum bewahrt hatten, wie die Redakteure der größten damaligen hebräischen Journale, Dr. Gordon, der Redakteur des Lycker Hamaggid und AI. Zederbaum, der Herausgeber desHameliz, der seinem Titel nach ein Vermittler sein wollte „ben am jeschurun üben mamschala, ben haämuna üben hahaskala" („zwischen dem Volke Israel und der Regierung, zwischen dem Glauben und der Aufklärung"). Da war Smolensky, den die Ereignisse zum Zionisten machten, und der, als seine Versuche, die Alliance für seine Pläne zu gewinnen scheiterten, sie in einem heftigen Angriff „im lo achschaw, ejmatai" (wenn nicht jetzt, wann denn?) des nationalen Verrats bezichtigte. Da war Saul Pinchas Rabinowicz, später einer der eifrigsten Chowewezionisten, der sich aber in der Folgezeit nie mit dem politischen Zionismus versöhnen konnte und zurückgezogen sich der hebräischen Uebertragung des Graetz widmete. Ueberall entstanden nun kleine Zirkel von Zionsfreunden. Es war aber schwer, all diese verschiedenen Menschen und Bestrebungen zu vereinen. Manche sind von der Vergangenheit völlig losgelöst, Pinsker will von Palästina nichts wissen. In Odessa entsteht ein Verein, der an 500 Mitglieder zählt, zur Gründung eines Judenstaates in Amerika. Pinsker und so manchen andern interessierte die ökonomische Seite der Judenfrage, die Rettung vor dem Antisemitismus. David Gordon ging es schon damals vor dem Auftreten Achad Haams um eine Art geistigen Zionismus. Aber allmählich gelang es den Bemühungen Rabinowitschs, Mohilewers, Gordons und anderer doch, eine Einigung herbeizuführen. Pinskers große Pläne der Gewinnung der Alliance und der Westjuden scheiterten kläglich, es war die Tragödie dieses Mannes, daß er, der zu großzügiger Arbeit berufen war, nur die philiströse Krähwinkelei der Chowewe - Zion - Gruppen als Tätigkeitsbasis gewann. Man schlug eine Konferenz vor, die ein Zentralorgan wählen solle. Die Tagung mußte aus politischer Vorsicht außerhalb Rußlands stattfinden. Der Warschauer Verein unter Führung von I. P. Rabinowitsch schlug Kattowitz vor, wo ebenfalls ein Verein „ Jischub Erez Israel" bestand; in der Odessaer Gruppe regte Efraim Deinard Konstantinopel als Versammlungsort an, um von dort mit dem Sultan zu verhandeln. Pinsker entschied für Kattowitz. Dfe Sitzungen fanden im Lokal des Bnei Brith Ordens statt. Es fanden im ganzen vier Sitzungen statt, am 6.r- 7., 9. und 10. November 1884. Das Protokoll wurde deutsch und hebräisch geführt, doch wurde, wie mir Teilnehmer dieser Konferenz erzählten, meist in einem Gemisch von Deutsch und Jiddisch gesprochen. Es waren 36 Delegierte anwesend, von denen aber vier noch Studenten waren, die aus