Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 310 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3io Leo Rosenberg: Getreidemarkt bedeutend vertreten und auf der berühmten „Kalaschnikower Börse" sind sie heimisch. Der Anteil der Juden beschränkt sich jedoch nicht auf die Ausfuhr; er ist auch im Innen-und namentlich im Kleinhandel von größter Bedeutung. Von großer Bedeutung für die jüdische Bevölkerung von Nordwestrußland ist der Flachshandel, dessen Mittelpunkt die Gouvernements Kowno und Witebsk sind. Der Flachs geht nach dem Auslande, zum Teil auch an die innerrussische Industrie. Der Flachshandel ist im Ansiedlungsgebiet fast ausschließlich in jüdischen Händen konzentriert- In diesem Handelszweig wurden vor noch nicht langer Zeit auch zahlreiche jüdische Arbeiter — als Flachsbrecher — beschäftigt, was ihnen namentlich in der winterlichen Arbeitslosigkeit sehr zustatten kam. Gegenwärtig werden leider billigere ländliche Arbeitskräfte bevorzugt, die die jüdischen Arbeiter bereits fast völlig verdrängt haben. Von minderer Bedeutung ist der jüdische Handel mit tierischen Produkten der Jagd und Fischzucht. Zu den bedeutendsten Zentren dieses Handels außerhalb des Ansiedlungsgebietes hatten die Juden natürlich keinen Zutritt. Hingegen liegt dieser Handel im Süd- und Südwestgebiet zum großen Teil in jüdischen Händen, was häufig zu lebhaften Klagen seitens der nichtjüdischen Konkurrenz führt. Eine bedeutende Rolle spielen die Juden in der seit etwa einem Jahrzehnt in Steigen begriffenen Ausfuhr animalischer Produkte, namentlich von Geflügel und Eiern. Auch in dem Astrachaner und Zariziner Fischzuchtgebiet betätigen sich die Juden nicht allein als Händler, sondern auch als Arbeiter und Angestellte^ wobei namentlich die jüdischen Packer sehr geschätzt sind und das Fach ziemlich beherrschen; die Klagen über die „Verjudung" dieser echtrussischen Fischzucht standen in den „monarchistischen Verbänden" immer auf der Tagesordnung. . Die Anfänge einer bedeutenderen jüdischen Betätigung auf dem Gebiete des Holzhandels datieren aus den 6oer und 70er Jahren, als nämlich durch Aufhebung der Hörigkeit eine Unmenge Landgüter und Waldbesitz in den freien Verkehr geworfen wurde. Von besonderer Bedeutung war dieser Handelszweig im Nordwestgebiet, wo mit ausgedehnten Waldflächen auch * sonstiger erheblicher Landbesitz in jüdische Hände überging. Der jüdische Holzhandel darf wohl als einer der bedeutendsten und auch hinsichtlich der Kapitalkonzentration fortgeschrittensten Zweige der ostjüdischen Handelstätigkeit bezeichnet werden*). Ergeht nach drei Richtungen: ein bedeutender Teil des Exports geht — hauptsächlich auf dem Dnjepr — aus dem Nordwesten nach den waldarmen südlichen Gouvernements, ein anderer Teil auf dem Landweg nach Polen und Deutschland, während der Rest der Ausfuhr zwecks Verschiffung nach den baltischen Häfen geht. Am Holzhandel sind die Juden sowohl mit bedeutendem Kapital als auch als Angestellte, Vermittler, häufig auch als Arbeiter beteiligt, so in den Gouvernements Wilna und Kowno als Traftenführer usw., wo diese jüdischen Arbeiter nach Tausenden zählen und in dieser überaus schweren Arbeit eine ungewöhnliche physische Leistungsfähigkeit an den Tag legen. Als eigentliche Bahnbrecher und Pioniere bewährten und bewähren sich noch heute die Juden im Manufakturhandel. Teilen sie den Ruhmestitel als Schöpfer der westrussischen Textilindustrie mit den Deutschen, so fiel die schwierige Aufgabe der Eroberung des großen innerrussischen Absatzmarktes *) Ein eigenes Fachblatt besaß der jüdische Holzhandel des Ostens in dem bis auf den Kriegsausbruch in jiddischer Sprache in Wilna erscheinenden Organ „Der holz-hendler".