Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 309 (sequence 5)
- Language
- German
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- Odesa 2× ep/1000834
- Kursk 1× ep/1044963
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Vom ostjüdischen Handel 309 Wandel der Dinge nicht empfunden werden, denn mit der Notwendigkeit stellten sich gleichzeitig ungeahnte Möglichkeiten ein. Es gab nun einen freien Absatzmarkt, freie Arbeit und freigewordene Kapitalien — mit neuem Mut und neuer Kraft ging der Jude ans Werk. Was er in den folgenden Jahrzehnten für die Wirtschaftsentwicklung bedeutete, das haben zeitgenössische russische Schriftsteller und Volkswirtschaftler in Lehrbüchern und Beschreibungen voll und rückhaltlos zu würdigen gewußt. Er wurde zum Pionier und tatkräftigen Mitschöpfer des neuen russischen Handels und der russischen Industrie. Die neue wirtschaftliche Bewegung im Ostjudentum hatte in den siebziger Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Es war dieses ein Jahrzehnt fieberhafter Arbeit und glanzvoller Leistungen, mit dem eine neue Epoche in der Wirtschaftsgeschichte des Ostjudentums einsetzt. Die jüdische Zucker-, Mühlen- und Manufakturindustrie sah ihre Entstehung, Lodz und Bialystok werden zum ersten Male genannt. Zu gleicher Zeit entstand auch der große jüdische Getreide-, Flachs-, Holz- und Manufakturhandel. Es, war natürlich, daß mit der Bauernbefreiung und dem in die gleiche Zeit fallenden Ausbau des russischen Eisenbahnwesens in allererster Reihe der alte jüdische Getreidehandel einen großen Aufschwung nehmen mußte. Das war vor allem in Südrußland der Fall, wo diese Entwicklung durch das den Juden gewährte Recht zur Niederlassung in Nikolajew, das die Juden bald zu einem Mittelpunkt dieses Handels machten, und die Verbesserung der rechtlichen Situation der ausländischen Juden sehr begünstigt wurde. Wie die russische Regierung zu jener Zeit über die jüdische Wirtschaftstätigkeit dachte, geht aus einem amtlichen Schreiben aus dem Jahre 1858 hervor, in dem es heißt: „Die Niederlassung der Juden in den rein landwirtschaftlichen Gebieten Rußlands ist der kommerziell-gewerblichen Entwicklung dieser Gebiete sehr förderlich, da sie ihre Kapitalien und ihren Unternehmergeist mitbringen und ihr Wettbewerb sehr vorteilhaft ist. Im Jahre 1825 besaßen die Juden kein einziges Handelsgeschäft in Odessa, während 1847 bloß einige wenige jüdische Häuser namhaft gemacht werden. Bereits 1878 aber kam etwa 6o°/0 der gesamten Ausfuhr Odessas auf den* jüdischen Handel. Durch die Beteiligung der Juden bekam der ganze Getreidehandel einen anderen Charakter. Vorher nämlich war dieser Handel so gut wie ausschließlich in griechischen Händen monopolisiert. Den Gutsbesitzern un<J Bauern wurden äußerst niedrige Preise gezahlt, der Absatz ging überaus langsam und gemächlich vor sich und der Profit erreichte etwa 3O°/0. Dies alles war mit dem Eingreifen der Juden ganz anders geworden*). Wie in Odessa geschah es auch in den anderen südrussischen Zentren Nikolajew und Cherson, die beide ihre Handelsbedeutung den Juden verdanken. Eine nicht geringere Rolle spielten die Juden in dem nach dem Baltikum gehenden Getreideexport des Nordgebietes. Das gleiche geschah auch in den Gouvernements Orlow und Kursk, wo namentlich die Deutschen vergebliche Versuche zur Belebung des Getreidehandels machten; mit dem Aufkommen der Juden aber nahm derselbe einen großen Aufschwung. Die Juden sind auch auf dem Petersburger *) Der ausgezeichnete russische Wirtschaftshistoriker Janssonmeint in dieser Beziehung in seiner Monographie über den „Getreidehandel in Wolhynien" (Moskau 1896): „Mit dem Aufkommen der Juden reduzierte die Konkurrenz das Wuchergeschäft auf den vierten Teil, und das Getreide lagerte einen Monat nach dem anderen. Um einen guten Nutzen zu ergangen, mußte man viel einkaufen und rasch umsetzen; allein darin ist ein Wetteifern mit den Juden kaum möglich."