Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zur Geschichte der "Zionsliebe"
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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352 S. L. Zitron: Zur Geschichte der Zionsliebe die jüdische Masse in Polen eine besonders starke Wirkung aus. Es dauerte nicht lange, bis von vielen polnischen Grenzstädtchen Menschen mit körperlichen Gebrechen, kinderlose Frauen und allerhand Bedrängte zu Gutmacher zu reisen anfingen, um sein Gebet oder seinen Rat zu erbitten. Gutmacher hatte dadurch viele Kränkung. Auf keinen Fall wollte er beim Volke als Wunderrabbi gelten. Andererseits aber brachte er es bei seinem guten, erbarmungsvollen Herzen nicht fertig, diese elenden Geschöpfe abzuweisen, ohne jedem das passende Trostwort zu sagen. Dies führte schließlich dazu, daß Hunderte von Menschen zu ihm aus der Fremde kamen. Er mußte um ihrer willen seine Studien vernachlässigen, seine inbrünstigen Gebete, seine Absonderung aufgeben. Das konnte er nicht ertragen und veröffentlichte in der hebräischen Zeitschrift „Hamagid" einen Brief, wo er die Leute aufforderte, die Wallfahrten zu unterlassen, denn er sei in Wahrheit ein einfacher Sterblicher, der sich selbst nicht zu helfen vermöge. „Sind meine Gebete wirklich Gott so genehm, wie ihr glaubt — so schrieb Gutmacher im „Hamagid" — so versichere ich euch, daß ich nicht für mich allein, sondern für die jüdische Gesamtheit bete." Das schuf aber keine Abhilfe. Das Volk dachte, daß ein großer Bescheidener wie Gutmacher gerade so schreiben müßte, und hörte nicht auf, zu ihm zu pilgern. Gutmacher reinigte seine Seele mehr und mehr, bis er anfing zu glauben, daß, wenn es viele seinesgleichen gäbe, die Stunde der Erlösung nahen würde. Wo aber jene Vielen herschaffen? Wie schafft man ein Geschlecht, daß der Erlösung würdig sei? Einst war er der Ansicht gewesen, die jüdische Erlösung werde schließlich von selbst kommen, in diesem oder jenem Geschlecht. Jetzt aber meinte er, man müsse das Ende herbeiführen, man müsse veranlassen, daß die Erlösung geradezu im gegenwärtigen Geschlecht komme, sonst gehe alles verloren. Der Satan untergräbt im Galuth unsere heiligen Güter Tag um Tag, er verwandelt unsere Thora zu Asche, verschlingt unseren Geist, vernichtet unsere Gesittung. Verlieren wir diese heiligen Dinge, so haben wir uns selbst preisgegeben. Es verstrich eine Zeit. Der Gedankengang Gutmachers entwickelte sich weiter und zwar in einer ganz anderen Richtung. Es wurde ihm klar, weder der jüdische Körper noch die jüdische Seele könne hier im Sumpf des Galuth gesunden. Die jüdische Seele kann ihre Auferstehung erst feiern, wenn sie zu ihrem Urquell zurückkehrt, zur Urstätte der heiligen Väter. Es muß daher im jüdischen Volksleben vor allem ein anderer Vorgang stattfinden, der Prozeß der Selbstbefreiung. Aber wie und wodurch kann diese Befreiung verwirklicht werden? Eines Tages erhielt Gutmacher von seinem vieljährigen guten Freund, vom berühmten Rabbi Zwi Hirsch Kalischer eine briefliche Einladung zu ihm, nach Thorn zu kommen, um über eine hochwichtige Volkssache zu beraten. Das war die erste Versammlung jüdischer Notabein und Rabbiner in Deutschland, die R. Hirsch Kalischer Ende 1860 einberief, um die Frage der Besiedlung Palästinas zu erörtern, und in der der Grundstein der Chibat-Zion-Bewegung gelegt wurde, die einen großen Teil der jüdischen Orthodoxie Deutschlands umfaßte und später von hier aus in andere Länder übergriff. In Thorn wurde für Gutmacher mit einem Mal das ganze Problem der jüdischen Erlösung beantwortet, mit dem er sich jahrelang befaßt hatte. Seine Augen strahlten in jugendlichem Feuer und sein schönes, patriarchalisches Gesicht leuchtete von