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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 351

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Zur Geschichte der "Zionsliebe"
Date
1918-01-01
Page
351 (sequence 5)
Language
German
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Zur Geschichte der „Zionsliebe" 351 Rabbi Elijahu Gutmacher wurde sehr jung Rabbiner. R. Akiba Eger befahl ihm, sofort zu heiraten und das Rabbinat in Pieschen anzunehmen. Dort, in Pieschen, begann in Gutmacher jener Reinigungsvorgang, von dem er geträumt und den er sich zum Lebenszweck gewählt hatte. Er unterdrückte in sich alle Leidenschaft und erlaubte sich von der Welt nur soviel zu genießen, als er für die Fortdauer seines Körpers für notwendig erachtete. Wo er einer Not, eines Unglücks bei einem Einzelnen oder bei einer Gemeinschaft gewahr wurde, eilte er als erster zu Hilfe und half über seine Kräfte. Seinen ganzen Ehrensold verteilte er an die Bedürftigen. Bei armen Kranken, bei notleidenden Kindbetterinnen saß er zu Häupten, brachte ihnen Labung und erleichterte ihnen die schweren Augenblicke durch milde Tröstungen. Allen mittellosen Waisen und Witwen war er Vormund und Beschützer, jedem verbitterten Herzen neigte er sich zu und nahm sein Leid in sich auf. Um dem Nächsten zu helfen, schonte er nicht die eigene Gesundheit, weder Unwetter noch weite Entfernungen hielten ihn zurück. Dabei machte er zwischen den Menschen keinen Unterschied. ,,Die Not — sagte er — ist allen Menschenvölkern gemeinsam, und gemeinsam muß auch die Hilfe sein." Immer dünkte es ihn, daß all sein Tun noch allzuwenig sei, daß er hier und dort mehr Kraft anwenden, mehr Opfer bringen sollte. Er war deshalb mit sich nie zufrieden. Die einzelnen Äußerungen dieser Unzufriedenheit pflegte er jede Nacht vor dem Schlafengehen in einem Tagebuch aufzuzeichnen. In diesem Tagebuch schrieb er nieder, was er an jedem Tag an Guttaten vollbrachte, und fast immer schloß er das Verzeichnis mit einer Selbstrüge und Selbstzüchtigung. Nach einem Tage voller Wohltun schlief er spät in der Nacht ein mit den Worten auf den Lippen: „Heute habe ich meine Pflicht vor meiner Seele gar nicht erfüllt!" Während Gutmacher selbst mit sich unzufrieden war und in sich Fehler über Fehler fand, bewunderte ihn seine ganze Umgebung. In Pieschen und der Umgegend nannte man ihn nicht anders als ,,den Heiligen". Gutmacher hatte in Pieschen eine Jeschiwa gegründet, wo 400 Schüler von nah und fern zusammenkamen, die er in seinem Geist erzog. Er malte sich aus, diese Schüler würden der Kern sein, aus dem die Schar jener geläuterten Seelen entstehen würde, die die Erlösung herbeibringen sollten. Über 34 Jahre leitete er seine Jeschiwa zu Pieschen; in all diesen Jahren wurden dort viele Hunderte von jungen Leuten erzogen, aber sein Traum war in ihnen nicht verwirklicht. Das wirkte auf Gutmacher sehr niederdrückend. Er sagte sich und schrieb in sein Tagebuch, daß nur er selbst und kein anderer daran schuld sei. Denn er habe sich nicht genug vervollkommet, um als Muster für das junge Geschlecht gelten zu dürfen. Damals verließ Gutmacher Pieschen und wurde Rabbiner in Grätz in der Provinz Posen, an der russisch-polnischen Grenze. Dort machte er neue Versuche zur Seelenreinigung: er verbrachte Stunden der Einsamkeit in der Natur, diente Gott unter freiem Himmel, stand inmitten der Waldbäume und betete mit lautem bitterem Gewein. Zu jener Zeit war er schon über sechzig Jahre alt. Sein Alter verlieh ihm ein ehrfurchtgebietendes Äußere. Von hohem Wuchs, schlank, mit großen schwarzen Augen und einem langen schneeweißen Bart, hatte er ein herrliches, patriarchalisches Aussehen. All das samt seiner asketischen Lebensführung führte dahin, daß viele begannen, Gutmacher für einen göttlichen Mann 2U halten, und im Volke verschiedene Legenden und Wundergeschichten über ihn Slch ver&reiteten. Diese Legenden überschritten die Landesgrenze und übten auf

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