Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zur Geschichte der "Zionsliebe"
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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350 S. L. Zitron: er so lange entbehrt und gesucht hatte — Gemütsbefreiung und Seelenruhe. Erst durch den Sohar lernte er verstehen, was Mensch heißt und was Jude heißt. Indem er sich in den Gedankengang des Buches versenkte, wurden seine Vorstellungen von der gesamten Weltordnung und von dem jüdischen Wesen im besonderen von Grund aus verwandelt. Klar erstanden vor seinem Geist Richtlinien fruchtbringender menschlich-nationaler Arbeit. Jetzt erst glaubte er zu begreifen, wozu er lebte. Auf den Gedanken des Sohar baute sich Gutmacher eine mystische Philosophie auf. Nach dem ursprünglichen Schöpfungsplan sollte der Mensch das Ebenbild des Unendlichen sein. Da kam aber die Schlange und verleitete ihn zum Sündenfall. Der Mensch verlor die göttlichen Attribute, das himmliche Licht war dem Verlöschen nahe, das Weltall wollte ins Chaos zurücksinken. Da erschien der Jude mit seiner Sinailehre, und wieder strahlte im Menschen die Gottheit auf. Der Jude, die Thora und die Gottheit schmolzen ineinander und bildeten eine einheitliche, untrennbare Substanz. Aber der Satan machte es sich zum Zweck, den Juden in sein Sündennetz zu fangen, damit die dunklen Kräfte wieder die Herrschaft bekämen. Lange stellte er dem Juden Hindernisse in den Weg, aber vergeblich: die Drei-Substanz blieb vereinigt. Der erste Riß in der Dreiheit war die Sünde um das goldene Kalb. Aber die vierzigjährige Wanderschaft in der Wüste war dem Juden ein Schmelztiegel, in dem seine Seele sich läuterte; rein kam sie nach dem Heiligen Lande. Die Dreiheit war hier wieder eins. Israel und die Schechina vermählten sich unter dem Himmel des gelobten Landes. Hier entstand jener Geist, der der Welt die großen Propheten, die ersten Schöpfer und Träger allmenschlicher Gesittung und allmenschlichen Ethos schenkte. Palästina wurde zum Brennpunkte des Weltalls. Aber die Schechina wollte die Treue Israels auf die Probe stellen. Der Satan mischte sich ein und brachte den Juden zum Fall. Der Jude fiel von Stufe zu Stufe. Er verleugnete seine Art, er verriet die Ideale der Thora. Die Schechina erzürnte ob des Treubruchs und verjagte Israel von ihrer heiligen Erde, stieß es von Land zu Land, von einer Fremde in die andere. Der Übermensch verschwand, es blieb nichts als die nackte, in der Unterwelt der Sünde umherirrende jüdische Seele. Soll man diese Lage mit ewiger Verzweiflung betrachten? Hat der Satan wirklich schon den vollen Sieg über das Volk Israel errungen? Gibt es wirklich keine Rettung mehr für die jüdische Seele? Nein! Wohl hat ein Glied der Dreisubstanz sich ihr enthoben, die Schechina. Das zweite Glied aber, die Thora, blieb bei uns; die Thora ist mit uns im Galuth, sie geht Schritt um Schritt mit uns. Wohl ist der jüdische Geist niedergehalten und gebannt, aber seine Funken glimmen noch unter der Asche des Galuth, und wo sich nur ein Fünkchen der jüdischen Lehre und Gesittung findet, dorthin muß und wird auch die Schechina kommen: wenn nicht in diesem Geschlecht, so doch im nächsten, in dem Geschlecht, das ihrer würdig ist. Und sie wird mit sich die Erlösung bringen. Wie und wodurch kann das Geschlecht der Erlösung würdig werden? Das hängt eher vom Einzelnen als von der Gesamtheit ab. Der Einzelne muß alle seine Kräfte einsetzen, um seine Seele rein zu machen. Die Seele aber kann allein gereinigt werden durch Selbstentäußerung, durch Hingabe an die Ideale der Thora und durch Gebete. Je größer die Zahl solcher gereinigten Seelen, um so näher ist die Stunde der Erlösung.