Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 1 (10.1938)
- Date
- 1938-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt" Nr. 1 Oktober 1938 I Damenhüte Damenkleider Neue Modelle für Herbst u. Winter SOFIE ROSSBACH früher Leiterin bei Gerstel Kaiserstrasse 25 (Laden) ] liger Stunde der Jahreswende vor Gott. Wir wissen, daß wir gesündigt haben, - wie alle Menschen, daß wir geirrt haben, - wie alle Sterblichen. Wir nehmen das Schicksal unserer Gesamtheit auf uns und erflehen von Gott die Kraft, das Schwere zu tragen. Wir beten um Leben, um ein bescheidenes, würdiges Leben innerhalb des großen Kreises der Kulturmenschheit. Wir sind voller Zuversicht, daß Israel nicht verloren geht, weil es ein Recht auf Leben hat, weil es der Menschheit noch viel zu geben hat. Was auch das Schicksal bringen mag, es soll uns der Väter würdig finden: einig, opferfreudig, gerecht und zi elb e wüßt. von Rabbiner Dr. „Die himmlischen Heerscharen", so erzählt eine alte Legende, „versammelten sich vor dem Heiligen, gelobt sei er, und sprachen vor ihm: Herr der Welt, wann ist Roschhaschonoh? Da antwortete Gott: Mich fragt ihr? Ich und ihr, wir wollen das Ratskollegium in Jerusalem befragen." In der Tat, die Natur weiß nichts von Jahren, Monden und Festtagen. Zeitlos durchkreisen Sonnen und Monde ihre ewige Bahn. Aber wir Menschen treten gleichsam der ruhelosen Zeit in den Weg, ordnen sie nach Maß und Zahl, gebieten ihr Halt, indem wir bestimmen: Heute ist Neumond, heute ist Neujahr, heute steh' für einen Augenblick stille, Sonne und Mond, steh' stille, ewig wandelnde Erde! Die Menschen, die innerhalb des Judentums den Kalender festsetzten, waren seit der Zeit Hillels, kurz vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, die oberste Ratsbehörde in Jerusalem, genannt Synhedrin, an dessen Spitze der Nassi oder, wie ihn die Romer nannten, Patriarch, stand. Ihm oblag, oder vielmehr sein Vorrecht war es, den jedesmaligen Monatsahfang, die Festsetzung der Schaltjahre, den Beginn der Feste etc. zu bestimmen. Dies geschah mit einer mathematischen Genauigkeit, die den Julianisch-Gregorianischen Kalender übertrifft. Denn in diesem wurde zwar die ursprüngliche Julianische (nach Julius Caesar, von dem die erste Kalenderordnung herrührt) Unstimmigkeit beseitigt, die zwischen dem Jahr 46 vor der christlichen Zeitrechnung und dem Jähr 1582 nach der christlichen Zeitrechnung durch Nichtbeachtung eines für.ein Jahr minimalen Plus entstanden war, indem Papst Gregor XIII. die Streichung von elf Tagen vornahm, auf. welche Summe inzwischen der vernachlässigte Rest angewachsen war. Auf den 4. Okiober folgte in jenem Jahr 1582 unmittelbar der 15. Oktober! Außerdem wurde bestimmt, daß nur jede vierte Jahrhundertwende ein Schaltjahr sein dürfe, so daß die Jahre 1700, 1800 und 1900 keinen 29. Februar haben durften. Aber trotz »dieser Korrektur des Julianischen Kalenders durch Papst Gregor wird es nach Ablauf von etwas mehr als 3000 Jahren wieder einen Tag zuviel geben, der ausgeschaltet werden muß. Demgegenüber ist der jüdische Kalender; der vor Julius Caesar schon fest bestimmt war, von einwandfreier astronomisch-mathematischer Genauigkeit. Die Patriarchen besaßen astronomische Tafeln, auf denen die genaue Umlaufzeit des Mondes um die Erde und der Erde um die Sonne (oder wie man damals annahm, der Sonne um die Erde) aufgezeichnet war. Sie hatten auch, was für die Festsetzung des Kalenders von unabweisbarer Wichtigkeit war, den Anfangspunkt, das heißt, biblisch gesprochen, Jahr und Tag der Schöpfung bis auf die Sekunde errechnet. So ist nach der Berechnung unserer Weisen. die Welt 3761 Jahre vor unserer Zeitrechnung, an einem Sonntag abends 11 Uhr 11 Minuten 30 Sekunden am 6. Oktober, also im Herbst, erschaffen worden. Dieses Resultat blieb nicht unbestritten. Denn wir lesen - im babylonischen Talmud (Roschhaschonoh 10 b und IIa): Rabbi Elieser sagt: Im Tischri ist die Welt erschaffen wor-__ den,- Rabbi Josua hingegen sagt: Die Welt ist im Nissan geschaffen worden. Und beide belegen ihre Ansichten mit Bibelversen aus der Schöpfungsgeschichte. Obschon für die Ansicht Rabbi Josuas der Bibelvers spricht: „Dieser Monat (Nissan) sei euch, der Anfang der Monate, der erste sei er euch für die Monate des Jahres", (2. Buch Mose 12, 2), so geht aus anderen Bibelversen (2. Buch Mose 23, 16 und 34, 22) wieder hervor, daß im Herbste der Anfang des Jahres gefeiert Das jüdische Jahr Caesar Seligmann wurde. Jedenfalls beginnt die Zählung der Jahre am 1. Tischri, während die Zählung der Monate mit Nissan beginnt. Und zwar haben im regelmäßigen Jahr Nissan .... 30 Tage Ijar .... 29 Tage Siwan . . ." . 30 Tage Tammus . . . 29 Tage Aw..... 30 Tage im überzähligen Jahr - Elul Tischri . . Marcheschwan Kislev Tewet . Schwat Adar 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage Nissan Ijar . . . Siwan Tammus Aw Elul . . Tischri Marcheschwan Kislew Tewet Schwat Adar im mangelhaften Jahr Nissan Ijar . Siwan Tammus Aw Elul . . Tischri Marcheschwan Kislew Tewet Schwat Adar 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage 29 Tage- 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 30 Tage 30 Tage 29 Tage 30 Tage 29 Tage Zu diesen drei Typen von Jahren kommen nun aber noch die Schaltjahre hinzu, in denen hinter dem letzten Monat Adar noch ein zweiter Adar, Adar scheni oder Weadar, mit 29 Tagen eingeschaltet wird, während der erste Adar im Schaltjahr 30 Tage zählt. Warum und wann im jüdischen Kalender die Schaltjahre eingefügt werden, und warum es regelmäßige, überzählige und mangelhafte Jahre gibt, soll im folgenden in möglichster Kürze erzählt werden. Das jüdische Jahr ist, im Gegensatz zu unserem bürgerlichen Jahr, kein Sonnenjahr, sondern ein Mondjahr. Das heißt: Nicht der Umlauf der Erde um die Sonne, der sich in 365 Tagen (genau in 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden) vollzieht, sondern der zwölfmalige Umlauf des Mondes um die Erde, der sich in zwölf mal 29y2 Tagen (wozu noch ein Bruchteil von Minuten und Sekunden hinzukommt), also in 354 Tagen (genau in 354 Tagen, 8 Stunden, 48 Minuten und 40 Sekunden) vollzieht, liegt dem jüdischen Kalender zugrunde. Die Kombination von Mond- und Sonnenjahr mußte stattfinden, weil, die jüdischen Festtage ausgesprochene Frühlings- und Herbstfeste sind und die Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter nichts mit dem Umlauf des Mondes um die Erde, sondern mit dem der Erde um die Sonne zu tun haben. Daß sich der Wechsel der Jahreszeiten ungefähr in einem Zeitraum von zwölf Monaten vollzieht, wußte man aus langer Erfahrung. Ein jüdischer Monat zählt astronomisch genau demnach den zwölften Teil von 354 Tagen, 48 Minuten und 40 Sekunden. Das ergibt für jeden Monat 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten' und 3y2 Sekunden. Mit diesem Rest von 12 Stunden und soundso viel Minuten und Sekunden läßt sich natürlich für die Bestimmung der Dauer eines Monats praktisch nichts anfangen. Dieser Rest mußte