Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 1 (10.1938)
- Date
- 1938-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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I Nr. Oktober 1938 „Jüdisches Gemeindeblaii für Frankfurt" Seite 3 Lebenssehnsucht — Lebensfreude Eine Betrachtung zum Rosch Haschonoh von Fabius Schach Unser Rosch Haschonoh, der Tag der Jahreswende, führt den Beinamen „Tag des Gedenkens", der Besinnung, und die nachbiblische Zeit, die alles Aeußere zu verinnerlichen strebte, machte ihn zum Tag der Schicksalswende, der Entscheidung über Leben und Glück. Im Mittelpunkt unseres Sehnens und Flehens steht das Leben mit seiner Schwere, das Leben, das wir lieben und um das wir kämpfen. Die Lebenssehnsucht äußert sich in fast allen Gebeten dieses Festes, von Gott, „dem Quell ewigen Lebens", erbitten wir Lebenserneuerung, innere und äußere Befreiung. Und in dieser Auffassung charakterisiert sich der echte Jude, der durch alle Wandlungen der Zeit sich selbst, seiner Gemeinschaft und seinem Gotte treu .geblieben ist. Lebensdrang, Lebenssehnsucht, - das ist der stärkste Trieb, den die Vorsehung in die menschliche Natur gelegt hat. Um diesen Trieb dreht sich alles menschliche Tun und Trachten, von diesem Zentrum geht alle Kraft aus, alles Kämpfen und Denken, alles Gute und Böse. Das ist allen Menschen, ja allen Lebewesen gemein. Aber wie wir" dieses Leben seelich erfassen, welch inneren Werf wir ihm verleihen, das ist die tiefste Differenzierung der Empfindungs- und Gedankenwelt. Darin ruht das Individuelle, das unser persönliches Gut ist, Frucht unserer Entwicklung, unserer Geschichte, unserer Gemeinschaft. Wir Juden waren stets Lebensbejaher, das hat uns durch alle Drangsale der Zeit erhalten. Wir waren, wie Schopenhauer uns nennt, „die unverbesserlichen Optimisten in der Geschichte". Das machte uns zu Kämpfern, und wer kämpft, glaubt an den Sieg. Wir lebten nicht in der' Minute, sondern in der Ewigkeit, das machte uns stark, wie alles, was in der Geschichte wurzelt, was in die Zukunft hineinragt. Das liegt nicht in unserer Urnatur, sondern in unserer langen sittlichen_Erziehung, wie wir überhaupt das Beste, das in uns lebt, der religiösen Entwicklung verdanken. Der Philosoph Hegel hat schon recht, wenn er sagt, daß das Religionsgesetz den Juden aus seiner Nafurgebundenheit herausgerissen und in eine göttliche Universalität hineingehoben hat. Es entstand so eine höhere Volksindividualität, aus einem engen Rahmen weit ausstrahlend, was wir heute Kulturmenschheit nennen. Die Religion ist es, die uns geprägt, uns den neuen Charakter aufgedrängt hat. Wenn Spinoza es so. ansieht, als wenn Gott in seinem Grimmzorn den Juden das schwere Gesetz als Strafe gab, so ist es auf persönliche Verbitterung zurückzuführen, die stets auch die großen Geister einseitig macht. Die Sittlichkeit setzt dem Triebleben Grenzen, macht aber innerlich frei. Wer im höheren Sinne frei sein will, darf nicht ohne Hemmungen sein, muß seine Triebe überwinden, um Herr über sich selbst zu sein. Der Hemmungslose ist Knecht seiner Leidenschaft, willenloses Instrument blinder Eingebung. Darauf beruht alle Ethik. Die Pirke Abot drücken es so aus: „Wer ist Held? Der seine Triebe beherrscht". Wie faßt das Judentum das Leben auf? Das Leben ist ein Geschenk Gottes, verliehen zu höherem Zweck. Der Mensch soll das Leben genießen, aber mit Maß, er soll es nicht mißbrauchen. Er soll sich am Schönen bereichern, aber sich nicht berauschen. Und alles Schöne muß dem Guten dienen, muß religiös stimmen, von der Schöpfung zum Schöpfer erheben. Im Gegensatz zum Hellenismus spricht das Judentum: „Nicht das Schöne ist gut, sondern alles wahrhaft Gute ist schön". Das Gute strahlt eine andere Art von Schönheit aus, man muß es nur erkennen. Nicht die Gottheit zu versinnlichen, sondern alles Sinnliche einem höheren Zwecke dienstbar zu machen und zu heiligen, ist die Aufgabe des Menschen. Die Kabbala nennt das Leben ein Instrument, man lerne, damit gute Musik zu machen.- Der Mensch ist nicht unbeschränkter Besitzer des Lebens, er ist Verwalter nur und ist verantwortlich für das, was er aus dem Leben macht. Er muß einer höheren Macht Rechenschaft ablegen, wie er das-kostbare Gut verwertet. Er ist Mensch, er hat menschlich zu denken und zu handeln. Er ist sittliches Wesen, er erfüllt seinen Lebensberuf erst, wenn er aufwärts strebt, nach Vollkommenheit ringt. Er ist ein organischer Teil seiner Gemeinschaft, ihre Größe ist seine Größe, ihr Schmerz sein Schmerz. Er hat Pflichten gegen sein Volk, und an diesen Pflichten soll er sich stärken und bereichern, darin Ziel und Richtung finden. Der Jude sieht, wie schon vor Spinoza unsere Propheten und Denker verkünden, alles aus der Perspektive der Ewigkeit an. Wie er Gott den „Ewigen" nennt, so muß er auch die Wahrheit und Gerechtigkeit, die vom Göttlichen ausgehen, als Ewigkeitswerte ansehen, und das gibt ihm Zuversicht und Siegeskraft. Das allein ist, seelisch gesehen, unsere Zuflucht. Man überwindet die Not der Stunde leichter, wenn man an die Ewigkeit glaubt. Man nimmt die Stürme des Lebens weniger tragisch, wenn man den Sinn des Lebens erkennt und ein höheres Ziel vor Augen hat. Die jüdische Geschichte bestätigt diese Auffassung. Es gibt kein zweites Volk auf Erden, das im Laufe der Jahrhunderte soviel gelitten hat wie das jüdische. Aber es wußte, wofür es litt, es hatte ein Ideal zu verteidigen, es zeigte der Menschheit, wie man für eine erkannte Wahrheit lebt und stirbt. Und daher ging es aus allen Katastrophen innerlich stärker hervor. War es in einem Winkel dunkel, dann leuchtete es aus einem anderen um so heller. Wir sehen im Laufe unserer wandlungsreichen Geschichte ein wechselvolles Panorama, ein Aufblühen immer neuen jüdischen Geisteslebens, bald in Babylonien, bald in Aegypten, bald in Spanien, bald in Afrika, bald in Frankreich, bald in Polen und Deutschland, und zuletzt haben wir vor uns ein erhebendes Bild in Palästina und in Amerika. Und überall ist es anders und doch wiederum dasselbe. Teile der Judenheit werden zersplittert, verlieren den Boden unier den Füßen, aber der Wind weht Blüten und Körner nach anderen Landen, und neues Leben entsteht. Das stimmt uns inmitten aller Sorgen optimistisch, schützt uns vor Verzweiflung. Ist es denn heute viel anders als vor hunderten von Jahren? Juden aus Deutschland werden nach allen Weltteilen verschlagen und sie tragen jüdische Ideale und Errungenschaften der Kultur, neue Lebensmöglichkeiten und modernen Geist in fremde Lande und bereichern die neue Heimat. Das Geschick der Menschen bewegt sich nicht auf gerader Linie, und wir vermögen nicht immer den Sinn der Ereignisse zu fassen. Und doch ist das Weltgeschehen kein Zufall, es waltet darin ein höherer Sinn, den vielleicht erst spätere Generationen erkennen werden. Der religiöse Mensch verzweifelt nicht, auch wenn er die Wege der Vorsehung nicht begreift. Unsere Stärke ist nicht allein die physische Vitalität, sondern die sittliche Kraft, die das religiöse Gemüt ausströmt. In schwerer Zeit erwachsen schwere Pflichten für jeden, für den Hochstehenden wie für den Niedrigen. Unser Schicksal liegt nicht in unserer Hand, aber wie wir es auffassen, das hängt von uns ab. Es muß sich zeigen, wieviel gesundes Leben noch in unserer Mitte ist, um die schwere Krise zu überwinden. Wir befinden uns im Stadium der Liquidation. Liquidation ist kein Konkurs und kein Akkord, sondern eine ehrliche, würdige Abwicklung, eine Auflösung, um Neues irgendwo aufzubauen. Zeigen wir unsere jüdische Würde, zeigen wir, daß wir der gewalligen Aufgabe, die uns das Schicksal diktiert, gewachsen sind. Man tut unseren Reichen nicht unrecht, wenn man sagt, daß sie zu größeren Opfern verpflichtet sind. Zeigen wir, daß das jüdische Herz noch schlägt und daß es zu den höchsten Opfern im Dienste der Gemeinschaft und der jüdischen Zukunft bereit ist. Zeigen wir in der Not, daß wir uns als Brüder fühlen, daß wir dem Namen Jude Ehre machen. Der Rosch Haschonoh ist uns ein Tag des Gedenkens, des Rückschauens, um den Weg zu neuem Leben im alten Geiste zu finden. Schweren, aber reinen Herzens treten wir in hei-