Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 8 (5.1938)
- Date
- 1938-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 8 Mai 1938 Berufliche Umschichtung, Erziehung und Vorbereitung der Menschen, das sind die wichtigsten Mittel im Zuge dieser Aktion. Seitdem Arthur Ruppin, den wir jetzt als Gast in Frankfurt begrüßt haben, in grundlegenden Worten den Juden der Gegenwart ihre Lage beschrieben hat, wissen wir, welche Richtung unsere Bemühung zu gehen hat. Liquidation ist kein schönes Wort. Das Bewußtsein aber, daß unsere Menschen Bausteine für ein neues Le- - ben unserer Gemeinschaft sind, kann dem Geschehen neuen Sinn geben. Deshalb wollen wir mit allen Mitteln, solange wir können, die Instrumente schmieden, die den Juden in Deutschland in neuer Form zu neuem Leben verhelfen. Die Aktion für Hilfe und Aufbau hat im Rahmen dieses Neubaus hervorragenden Anteil und verlangt die tätige Mithilfe aller. DAS SCHRIFTWORT Eines Satzes Anfang — und welche Fülle! Von Max Dienemann Reinheit ist bedingt durch Dauer und also nur bei Gott Das Eingangswort des 21. Kapitels im 3. Buche „sprich zu den Priestern" wird in Verbindung gesetzt zu dem Psalmwort (12, 7) „Seine Spruche sind reine Sprüche"/ nur Gottes Sprüche sind rein, aber nicht die eines Menschen. Folgendes wird gesagt (Jirmej. 10. 10) „Er ist ein Gott der Wahrheit",- wieso der Wahrheit? Denn er ist ein lebendiger Gott und König der Welt. - Diese Ausdeutung des Bibelwortes zielt nicht gerade auf den einen Abschnitt hin und seinen Inhalt, sie ist ein allgemeiner Hinweis darauf,. daß nur Gottes Wort unverbrüchlich ist, und daß Bürgschaff für eirt an Menschen ergangenes Versprechen nur in der Ewigkeit Gottes gegeben ist. Es ist so ein zugleich pessimistisches und optimistisches Wort, aufwühlend und beruhigend, liebe erhalt Welt und Gemeinschaft Inmitten der Bestimmungen über Opfer ist ein Abschnitt, der mit den Worten anhebt (3. M. 22, 27) „wenn ein Rind, ein Lamm oder eine Ziege geboren wird". Diese Worte sind Ausgangspunkt von mancherlei Deutung und Belehrung. Die in diesem Abschnitt enthaltene Anordnung, daß ein Neugeborenes in den ersten sieben Tagen der Mutter nicht einmal zum Opfern fortgenommen werden darf, wird als Ausfluß der Liebe Gottes zu jeglichem Geschöpf angesehen und mit dem Psalmvers (36, 7) in Verbindung gebracht. „Deine Liebe ist wie Gottesberge, Deine Gerichte sind große Tiefe". Nachdem dieser Vers einmal genannt worden ist, wird in ihm selbst eine Fülle der Möglichkeiten entdeckt. „Du mußt den Vers in seinem Wortlaut umstellen und darin erst deutenr lies: Deine Liebe überragt Deine Gerichte, wie die Goriesberge emporragen über die große Tiefe,- wie sie die Wasser der Tiefe, in Zwang halten, daß sie die Welt nicht überschwemmen, so hält die Liebe die Strafe in Zwang, daß sie nicht über die Welt komme". — D. h., wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, hätte weder Welt noch Menschheit Bestand und ein Recht auf Sein, denn alles ist der Sünde voll, und nur allein Gottes Verzeihen hält Welt und Menschen in Dauer. Das einmal angeschlagene Thema wird abgewandelt. „Als Rabbi Jehoschua ben Lewi nach Rom kam, sah er dort, wie man marmorne Säulen mit Teppichen zudeckte, damit sie in der Hitze keine Sprünge bekommen und in der Kälte nicht vom Frost beschädigt werden. Zugleich aber sah er, wie ein Armer nur eine Schilfmatte hatte, um sich auf sie zu legen und mit ihr sich zuzudecken. Auf die Säulen ■wandte er den Vers an: „Deine Liebe ist wie Gottesberge, -wenn Du gibst, gibst Du in Fülle; auf den Armen wandte er den Vers an: „Deine Gerichte sind große Tiefe, wen Du schlägst, schlägst Du gründlichst". - So wie der Ausspruch dasteht, läßt er uns unbefriedigt. Es ist zu viel Verzicht und zu wenig Erregung darin. Wir nehmen jedenfalls die Erzählung als solche hin und denken dabei, wie sehr auch in unserer eigenen Mitte gesündigt wird dadurch, daß man sich ■um seine Sachen sorgt und auf ihre Erhaltung alle Kraft richtet, statt darauf, möglichst Vielen den Weg ins Neue zu bahnen; daß man Sachen mehr nachtrauert als dem Schicksal von Menschen. Jeder für Alle Jener Eingangsvers, der eben genannt war, spricht von einer Opferabsicht, noch ehe das Opfer vorhanden ist. Das gibt einem Erklärer Anlaß, diesen .Vers in Verbindung zu bringen mit einem Vers aus Jjob (41, 3) „wer kam mir zuvor, daß ich vergalt? unter allen Himmeln mir gehört er zu". Und es wird nun gesagt: „Der heilige Geist ruft aus, wer denkt an die Beschneidung, noch ehe ihm der Knabe geboren ist? wer an die Anfertigung des Geländers (5. M. 22, 8), noch ehe er dazu kam, sich ein Dach zu bauen? wer an die Mesusah, noch ehe ihm ein Haus vergönnt ist? an die Schaufäden, ehe ich ihm das Gewand gab, wer an die Sukkah, noch ehe er den Boden dafür hat? wer an den Lulaw, ehe er das Geld hat, ihn sich zu kaufen? wer an die Ecke für die Armen, ehe er ein Feld hat? wer an die Hebe und den Zehnten, ehe er Ernte hat? Ihm muß ich vergelten, mir gehört er zu". .In diese, scheinbar gewundene Sprache ist der Gedanke gekleidet: so wertvoll die Hingabe dessen ist, der aus der Fülle des Besitzes seine Pflichten zu erfüllen sucht, wertvoller noch ist die Hingabe dessen, der die Pflichten schon im Auge hat, noch ehe die Voraussetzungen für, sie gegeben sind, d. h. dem die Voraussetzungen nur sinnvoll und wichtig sind, weil sie Pflichten nach sich ziehen. Eine Bemerkung von erschreckender Gegenwartsbedeutung f als wäre sie ganz auf uns und unsere Aufgaben gemünzt. - Da aber jener Jjobvers herangezogen und unserm Bewußtsein eingefügt ist, wird seine Deutung noch weiter ausgesponnen. Gemeint ist der Junggesell, der in einem Ort wohnt und freudig mitträgt an den Lasten für Lehrer und Schule. Der Heilige, gelobt sei er, spricht: mir liegt es ob, ihm sein Tun zu vergelten." - In dem Lob ist zugleich der Tadel an alle die, die da meinen der Gesamtheit nur in den Dingen verpflichtet zu sein, von denen sie denken, daß sie ihnen selbst zu gute kommen. Das Ganze ist ein Hymnus auf die Solidarität aller, das Einstehen eines Jeden für Alle. Verheißung und Erfüllung Dasselbe Eingangswort wird aber auch in Verbindung gebracht mit dem Vers aus Kohelet (3, 15) „was war, ist längst dahin, und was sein soll, längst gewesen; und Gott sucht das Verschwundene". Der zweite Satzteil ist kaum -zu verstehen,--das Verschwundene heißt im -Hebräischen ' Fj*7"^3J7» das aber heißt wörtlich „das Verfolgte". So versteht es hier der Midrasch. Er sagt: „in bezug auf die Opfer hat der Heilige, gelobt sei er, gesagt, das Rind wird vom Löwen verfolgt, die Ziege vom Leopard, das Lamm vom Wolf, bringt mir nicht dar von den Verfolgern, sondern von den Verfolgten, darum heißt's „wenn ein Rind oder ein Lamm oder eine Ziege geboren wird . . . vom achten Tage an wird es angenommen als Opfer". Und der Midrasch selbst gibt die Nutzanwendung. „Israel wird immer verfolgt, und darum hat Gott es erwählt und sich zü eigen gemacht". Aber da dieser Koheletsatz einmal genannt' ist, wird nun auch sein erster Satzteil beachtet. Und es kommt nun bei seiner Auslegung zu einer seltsamen Gegensätzlichkeit des Verstehens. „Was heißt das, was war, ist längst gewesen? Die einen erklären: sagt dir jemand,' daß wenn Adam nicht gesündigt hätte, er heut noch leben würde, so sag ihm, Elijahu hafte auch nicht gesündigt und lebt nicht mehr. Und was heißt das; was sein soll, ist längst gewesen? Wenn einer dir sagen wird, der Heilige, gelobt sei er, wird die Toten beleben, sag ihm, das ist schon geschehen durch Elijahu und Elischa und Jecheskel. Wenn jemand dir sagen wird, der Heilige, gelobt sei er, wird einstens das Meer in Festland wandeln, sag ihm, das ist schon geschehen, denn er hat in den Tagen Mosches bereits das Meer in trockenes Land gewandelt." Die anderen Erklärer verstehen den Vers gegenteilig, sie sagen: „Alles was, Gott in künftigen Tagen zu tun verheißen hat, hat er - teilweise — bereits in dieser Welt durch die Hand der Bewährten getan (als Bürgschaft des Kommenden). Er will in künftigen Tagen die Toten beleben und hat ein Zeichen dafür schon durch Elijahu und Elischa und Jecheskel gegeben. Er hat verheißen, einst Meer in Trockenland zu verwandeln, und hat durch Mosche bereits die Kraft zu solchem Tun bewährt. Er hat verheißen, erblindete Augen sehend zu machen, und durch Elischa hat er bereits solches bewährt; so heißt es (2. Kg. 6, 17) „ER öffnete die Augen des Knaben". Der Heilige, gelobt sei er, hat verheißen, die Unfruchtbaren zu bedenken, so bewährte er es bereits bei Abraham und Sara, wie es heißt (1. M. 21, 1) „und ER bedachte Sari7', das ist's,