Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 6 (3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 6 März 1938 fragte Umlagebeschluß, demzufolge für das Rechnungsjahr 1938 erhoben werden: 1. für den Landesverband: a) 1,25 % des Reichseinkommenssieuersolls der Mitglieder der Synagogengemeinden für das Jahr 1936 b) 3 % des Vermögenssieuersolls 1936 der Mitglieder der Synagogengemeinden, jedoch nicht mehr als 10 % "des Zuschlags zur Reichsvermögenssteuer, den die Gemeinde selbst erhebt. 2. für die Reichsvertretung : a) 1,1 % des Reichseinkommenssteuersolls 1936 b) RM 0.40 Kopfgeld. Das Kopfgeld errechnet sich nach dem Ergebnis der Volkszählung 1933, abzüglich 25 %. Wahlweise kann das Kopfgeld in Höhe von RM 0.40 nach der Bevölkerungszahl vom 1. Oktober 1937 gezahlt wer len. Zur Annahme gelangte ferner folgender, von einer großen Anzahl Ratsmitglieder eingebrachte Antrag: „Nachdem durch den Anschluß der kleineren norddeutschen Verbände der Preußenverband etwa 4/s der Juden in Deutschland umfaßt, beschließt der Rat, das Dezernentenkollegium zu ermächtigen: 1. dem Preußischen Landesverband einen den veränderten Zuständen entsprechenden Namen.zu geben, 2. nunmehr mit den noch nicht angeschlossenen Verbänden (einschließlich dem Hälberstädter Verband) in offizielle Verhandlungen einzutreten, die den Zusammenschluß aller Gemeinden bezw. Gemeinde verbändein Deutschland zu einem Verband der Jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich zum Ziel haben." Mit einem Dankeswort' des Alterspräsidenten Geheimrat Falkenheim,Königsberg,schloß die inhaltsreiche Tagung. DAS SCHRIPTWORT Die Vollendung des Heiligtums von Max Dienemann Das Wo.: (2 M. 38, 21) „dies ist die Berechnung der W o h n a n g" wird von der alten haggadischen Deutung dahin v: rstanden, daß M o s c h e, obgleich alle Spende ihm zu lieusn Händen übergeben war, vor dem Volk über alles und jv.ces, und wie es verwendet wurde, Rechenschaft ablegte. „Warum aber legte er vor ihnen Rechnung ab, da doch der Heilige, gelobt sei er, ihn selbst als vertrauenswürdig erklärt hat?" Heißt es doch (4. M. 12,7) „nicht also mein Knecht Mosche, in meinem ganzen Hause ist "er allen Vertrauens würdig". Aber es ist so, daß Mosche hörte, wie Israel hinter ihm her redete. Was redeten sie? Rabbi Jizchak allerdings ssgte, sie redeten zu seinem Ruhm, sie sprachen: Selig die Fi au, die diesen Mann geboren, alle seine Tage spricht der Heilige, gelobt sei er, mit ihm, alle seine Tage ist er in vollem Frieden mit dem Heiligen, gelobt sei er. Rabbi Chama aber sagte, zu seinen Schanden redeten sie hinter ihm her: Sieh dir seinen Nacken, seinen Hals an, sieh dir seine Schenkel, seine Knie an,, was er ißt, was er trinkt, ist von den Juden, alles, was er hat, ist von den Juden. Der andere sagte darauf: Du Hohlkqpf, wenn einer Gewalt hat über das ganze Werk des Heiligtums, wie soll er da nicht reich sein? Als Mosche das hörte, sprach er zu ihnen: Bei eurem Leben, sobald das Heiligtum vollendet ist, lege ich vor euch Rechnung ab, darum: „Dies ist die Berechnung der Wohnung". An dieser ganzen Erzählung braucht in Wirklichkeit kein Wort wahr zu sein, nichts davon mag sich in Wahrheit so zugetragen haben, keines dieser Worte mag gesprochen worden sein, alles ist Legende, und doch wohnt ihr eine höhere Wahrheit inne. Die nämlich, ein Mensch mag noch so lauter sein, er mag inmitten seiner Gemeinschaft noch so hoch stehen, noch so viel geleistet haben, unendlich Vielen geholfen" haben, er ist doch vor Verdächtigungen nicht sicher, und die Gedankenlosigkeit Vieler bewirkt, daß sie leeres Zeug hinter ihm drein reden, sie meinen es vielleicht garnicht so schlimm und im Ernst, aber das Wort ist gesprochen und haftet Darum muß, je höher einer steht, je mehr er zu gebieten und zu verwalten hat, er desto mehr bedacht darauf sein, vor aller Welt sein Tun auszubreiten. Die große Oeffentlichkeit ist der stärkste Schutz vor Verleumdung und übler Nachrede. Das Eingangswort des genannten Satzes „dies ist", es ist Ausgangspunkt einer Bemerkung, deren Sinn nicht. auf der Oberfläche liegt. „Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Israel: Als ihr das goldene Stierkalb machtet, habt ihr mich mit dem Wort „dies ist" erzürnt, als ihr spracht (2 M. 32,4) „dies ist dein Gott"; nun, da ihr die Wohnung fertig macht mit dem Worte „dies ist die Berechnung", erweise ich mich auch wieder gnädig. Der Heilige, gelobt sei er, spricht weiter zu Israel: In dieser Welt erwies ich mich euch gnädig mit dem Worte „dies i s t", gleicherweise in künftigen Tagen, denn so heißt es (Jeschaj. 49,12) „Siehe, diese da kommen von der Ferne, diese von Norden und Westen, und diese aus dem Lande der Siniter"; und ferner (Jeschaj. .60,8) „Wer sind diese, die herbeifliegen wie Gewölk, wie Tauben zu ihren Gittern?" — Scheinbar ist das eine hergeholte Deutung, an ein an sich nicht einmal bedeutungsvolles. Wort sich anheftend, aber sie hat ihren tiefen Sinn. Gemeint ist, daß eine innere Verbindung besteht zwischen Abfall und Errichtung des Heiligtums; wir würden heute sagen, zwischen Abfall, Entfernung und Rückkehr in die Synagoge, Rückkehr zu jüdischer Zielsetzung, daß ein neues jüdisches Bewußtsein manchen begangenen Fehler austilgen, wiedergutmachen kann, und daß aus einer Rückkehr, die Abfall tilgt, künftige Gesamterlösung sich vorbereitet. . Es wird erzählt, daß, als Mosche zu Spenden für daV Heiligtum aufforderte, die Spenden so zahlreich eingingen, daß über und über genug da war - wenn wir doch auch solches erleben könnten! - und daß noch übrig blieb, so daß Mosche Befehl ergehen lassen mußte, nichts mehr zu bringen (2 M. 36,3-7). Aber als Aharon dem Drängen des Volkes nachgebend, zu Spenden für das goldene Stierkalb aufforderte, waren sie auch so gebewillig. Welcher Gegensatz! Und es ist nicht der einzige. „Als das Volk zu Aharon kam und von ihm verlangte, daß er ihm einen Gott mache, erinnerte er sie daran, daß sie ja eben erst am Sinaigestanden hatten: Gestern erst, sprach er zu ihnen, habt ihr gesprochen (2 M. 24,7) „alles was Goti geredet hat, wollen wir tun, und jetzt sagt ihr: Auf mache uns einen Gott!?" Wieder 'ein Gegensatz. Als er sie aufforderte, Gold für die Herstellung des Gußbildes zu geben, da gab alles. Volk so reichlich, daß er zu ihnen sagen mußte: genug I Ünd ebenso gaben sie willigst Gold zur Wohnung, bis man ihnen sagte : genug! Ein Gleichnis dazu: Ein Jüngling kommt in eine Stadt, da hebt man eben Spenden für wohltätige Zwecke ein, man sagt ihm.- gib, und er gibt. Er geht weiter, da fördert man zu Spenden auf für ein leichtsinniges Theater, und wieder gibt er, bis man ihm sagt: genug. Was bedeutet das Ganze für uns? Es ist die Aufhellung der Tatsache, daß in jeglicher Gemeinschaft und in jeglichem Menschen die stärksten Gegensätze hart beieinander wohnen, und im ganzen kann man schwer für sich einstehen, ob man nicht morgen etwas tun wird, was dem heutigen Gerichtetsein entgegengesetzt ist. Und zugleich,ist in dem Ganzen eine mit leisem überlegenem Spott vorgetragene Verurteilung derer, die ihre Hilfe nicht aus festen Ueberzeugungen zielbewußt geben sondern stimmungsmäßig, einfach aus der verschwommenen Ansicht, man solle etwas unterstützen, weil es sich als gutes Werk ausgebe, oder weil es dem Begehren irgend einer Menge entspreche. Das abschließende Wort (2 M. 40, 17) „Im ersten Monat im zweiten Jahr, am ersten des Monats wurde die Wohnung aufgestellt, und Mosche stellte die Wohnung auf", eregi die Aufmerksamkeit der Erklärer. „Alle möglichen weisen Leute waren dort und kamen zu Mosche und konnten die Wohnung nicht aufstellen, wußten nicht, alles richtig an Ort und Stelle zu bringen, da nahm jeder sein Werk, das er gefertigt, und so kamen sie zu Mosche und sprachen: Hier sind Bretter, hier Haken, hier Riegel. Als Mosche sie sah, ruhte sofort der" Geist der Heiligkeit auf ihm, und er stellte alles auf. Und eigentlich hat Mosche die Wohnung garnicht aufgestellt, sondern ein Wunder geschah, und sie stellten sich von selbst auf, denn es heißt D p 1 fii "was ganz wörtlich heißt „die Wohnung war aufgestellt". Und ähnlich war es auch mit dem Tempel auf Zion. Wenn der Heilige, gelobt sei er, nicht selbst alles bestimmt hätte, nicht Schlomo und nicht ganz Israel hätten ihn aufstellen können; so hat .auch David gesagt (Ps. 127,1) „Wenn ER nicht baut ein Haus, vergeblich mühen sich die Bauleute darum". - Da-