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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-03-01 · 6 (3.1938) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
6 (3.1938)
Date
1938-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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No. 6 März 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 3 Kleingemein In Berlin war vor kurzem eine der bedeutsamsten Tagungen unserer an wichtigen Zusammenkünften gewiß nicht armen Zeitläufte: Der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hielt Sitzung. Am Abend vorher war in der Synagoge Fasanenstraße eine Kundgebung, die außerordentlich starken Besuch aufwies, auch aufs würdigste und eindrucksvollste verlief. Die Kundgebung Zur Begrüßung sprach der Präsident des Landesverbandes, Kammergerichtsrat i. R. Leo W o 1 f f über Entstehung und Entwicklung der Landesverbände. Der preußische nahm bald nach seiner Gründung die erste Stelle ein, sodaß sich ihm nahezu alle nord- und mitteldeutschen Landesverbände anschlössen, zumal da die Aufgaben während der letzten fünf Jahre gewachsen seien. Eine genaue Abgrenzung von den Aufgaben der Reichsvertretung sei erfolgt/ alle für die Juden Deutschlands geleistete Arbeit setze aber die Existenz der Gemeinden als der örtlichen Arbeiisträger voraus. Rabbiner Dr. Julius Galliner, Berlin, berichtete: In den ersten Jahren seien einfach Zuschüsse an Gemeinden und Beamte gewährt worden,- die neue Zeit habe aber neue Wege erfordert: Zusammenlegung der Gemeinden, der Lehrerbezirke, der Rabbinafe. Die Zahl der Bezirksrabbinate konnte von drei auf 36 gebracht werden und wird sich noch weiter erhöhen; 55 000 Menschen werden schon jetzt durch sie ständig betreut. Immer umfangreicher werde - auch, die Arbeit auf dem Gebiet des jüdischen Schulwesens, das der Landesverband zusammen mit der Reichs Vertretung aufbaue. Von den 26000 jüdischen Schulkindern im Gebiete des Landesverbandes sind 18 000 in jüdischen Schulen. Vierzig jüdische Lehrer werden zur Zeit an der Lehrerbildungsanstalt des Landesverbandes herangebildet. Bezirksrabbiner Dr. Seligsohn, Bonn, referierte über die Arbeit des Landesverbandes für die Kleingemeinden. Die durch die Einrichtung der Bezirksrabbinate ermöglichte Tätigkeit sei nicht zuletzt auch ein gewaltiger Erziehungsfaktor für die Rabbiner selbst, die infolgedessen ihre. Arbeit dem einzelnen Menschen zuwenden,- alle rabbinische und jüdische Tätigkeit müsse dem Dienst an jeder einzelnen jüdischen Seele gelten. - Rabbiner Richter, Stettin, schilderte den Rückgang der einzelnen Gemeinden. Dem Landesverband zu danken seien die von ihm geschaffenen Einrichtungen: Bezirksrabbinate, Kulturfahrten, Wanderbücherei und Jüdisches Gemeindeblatt. Jedem einzelnen Juden sei dadurch die Möglichkeit des Anschlusses an das jüdische Geistes- und Kulturleben gegeben. Nicht Gelehrsamkeit sei das Ziel dieser Bildungs- und Kulturarbeit, sondern die Erfassung und Anrufung des bedrückten und einsam gewordenen jüdischen Menschen: daß er den Sinn und das waltende göttliche Gesetz erkenne und wisse, er stehe nicht allein, und alles, was er erlebt, sei in Wahrheit kein Abbau, sondern eine Umpflanzung, schmerzvoll, aber notwendig und darum zuletzt doch segensvoll. Das Thema Landesverband und Auswanderung behandelte mit ähnlichen Ausführungen Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee. Die Arbeit des Landesverbands müsse dazu führen, daß die Fortgehenden das hier Empfangene draußen bewähren als ungebrochene Juden! Die Menschen hier müssen die Gewißheit bewahren, daß wir nicht in einer Zeit des Abbaus, sondern der Umpflanzung leben, und die Auswandernden müssen sich drüben als Träger jüdischen A u f b a u s fühlen/ sie sollen sich ins allgemeine wie ins jüdische Leben ihres neuen Landes einfügen als selbstbewußte aufrechte Juden. Wie die Thorarollen aufgelöster Gemeinden aus Deutschland den durch Vermittlung des Landesverbands in fremden Ländern neuerrichteten Gemeinden dienen, so müssen unsere Menschen den Geist der Thora mit sich tragen, wohin sie kommen 1 Das musikalische Programm des Abends wurde vom Orchester der Künstlerhilfe unter seinem Dirigenten Dr. Hermann Schildberger, dem Cellisien Godfried Zeel a-nder und dem Bariton Wilhelm Guttmann eindrucksvoll ausgeführt. Die geschäftliche Sitzung An ihr nahmen fast alle Berliner Mitglieder und stellvertretenden Mitglieder des Großen Rats teil, ferner die Vertreter der angeschlossenen nichtpreußischen Landesverbände earbeit 1938 und die Vorsitzenden oder Vertreter der Provinzialverbände. - Der Präsident, Leo W o 1 f f, gedachte der seit der letzten Sitzung verstorbenen Mitglieder des Rates und des Verbandstages, darunter des ehemaligen stellvertretenden Präsidenten des Verbandstages, Rechtsanwalt Kollenscher. Als erster Referent sprach Rabbiner Dr. Galliner. Nach ausführlichen Darlegungen des schon am Vorabend kurz Gesagten äußerte er sich zu dem Thema Lehrerbildung und jüdische Schule. Die letzte Prüfung von Absolventen der Lehrerbildungsanstalt des Landesverbandes sei günstig gewesen: von den 24 zum Examen zugelassenen Hörern hätten 23 das Examen bestanden, obwohl die Anforderungen, einschließlich Musik und Sport, sehr erheblich seien, weil die Ausbildung nicht allein im Hinblick auf den Lehrerbedarf im Inland, sondern auch mit Rücksicht auf die Auswanderungsmöglichkeiten der jungen Lehrer erfolge. Die Prüflinge seien bereits fast alle im Amte. Die Bearbeitung der Schulsachen solle nach einem Beschluß des Rats bei der Reichsvertretung von dieser auf die Landesverbände übertragen werden,- die Vorarbeiten seien im Gange. Ueber die Finanzen berichtete Adolf Schoyer; er berührte dabei auch die Frage, wie bei Gemeindeauflösungen die vorhandenen Vermögenswerte erhalten werden können. Er wies dabei auf die Maßnahme hin, die der Landesverband getroffen hat, um einen Verlust der materiellen und religiösen Werte zu verhindern. Mit Entschiedenheit sei Stellung zu nehmen gegen den Versuch einiger Gemeinden, die größeren Zensiten einer Nachbargemeinde zu veranlassen, unter Hinweis auf besondere Steuererleichterungen in ihren Bezirk zu ziehen. Gesteigerte Aufmerksamkeit müsse der von den Gemeinden zu treibenden Finanz- und Sparpolitik gewidmet werden. Die Höhe der derzeitigen Steuereingänge dürfe über die kritische Lage der Juden und ihrer Einkommensverhältnisse nicht hinwegtäuschen. Der Syndikus des Landesverbandes, Dr. Hermann Schildberger, wies darauf hin, daß der Landesverband mit der von ihm geschaffenen Einrichtung ständiger Kulturfahrten, der Wanderbücherei und des Gemeindeblattes sich als jüdischer Kulturfaktor ersten Ranges erwiesen habe. Der Wanderbücherei sei eine Jugendbücherei von 300 Bänden angegliedert worden. Bisher seien insgesamt 47 Bezirksstellen mit 190 Gemeinden durch die Bücherei versorgt worden. Ueber die Binnenwanderung der Juden in Deutschland referierte ausführlich Max Birnbaum unter Hinweis auf die regelmäßig von ihm veröffentlichten Berichte der vom Landesverband eingerichteten Meldestelle. Um den Mitgliedern des Rates einen unmittelbaren Eindruck von der Verbandsarbeit im Lande selbst zu geben, waren diesmal zwei Vertreter von Provinzialverbänden zu Referenten aufgefordert worden. Rechtsanwalt Dr. Willy Katzenstein, Bielefeld, hob die Bedeutung der vom Landesverband ständig erfolgenden Beratung der Kleingemeinden in Steuer-, Kultus- und Beamtenfragen hervor und ebenso die Beratung bei notwendig werdenden Liquidationen von Gemeinden. Dr. Lux, Breslau, ergänzte diesen Bericht in Bezug auf die Finanz- und Sozialarbeit. Auch er erwartet einen rapiden Steuerrückgang, doch sei radikales Sparen im Augenblick nicht die geeignete Maßnahme; jedoch müsse alles getan werden, um sich auf dieses Ergebnis vorzubereiten. Für die Spezialarbeit ist er Anhänger der ehrenamtlichen Arbeit, glaubt aber, daß kein Ehrenbeamter der Unterstützung durch Fachkräfte entraten kann. Eine Zentralisierung der gesamten Wohlfahrtsarbeit sei anzustreben. Anschließend sprach Dr. Klee über die Auswanderung. Von Januar bis September 1937 seien etwa 19000 Menschen aus jüdischen Gemeinden ausgewandert. Dr. Klee faßte an Hand eines Zahlenberichtes dessen Ergebnis zusammen und forderte, daß bei der Finanzierung von Auswanderern in Zukunft eine stärkere Heranziehung von ausländischen Verwandten erfolgen müsse. Im Verlauf der Aussprache wurde dann der Haushaltsplan für 1938 durchberaten. Haushaltsplan und Umlage 1938 Der Voranschlag 1938 ist gegenüber dem Vorjahr nur wenig verändert. Einnahmen und Ausgaben balancieren mit RM 553 000.-, der Haushaltsvorschlag wurde einstimmig angenommen, ebenso auch der vom Finanzdezernenten bean-

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