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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-03-01 · 6 (3.1938) · p. Seite 5

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
6 (3.1938)
Date
1938-03-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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: m^^mcs^mmQm Nr. 6 März 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seife 5 mit soll gesagt sein, ein Heiligtum - und nicht nur ein Haus ist ein Heiligtum, sondern das ganze Leben soll eines sein - wird nicht errichtet, wenn man die Form der einzelnen Teile schön und richtig ausarbeitet, nur die innere Erfülltheit der Seele kann das Werk gelingen lassen. Ja noch mehr, auch der beseelteste Mensch, er mag vom Geist der -Heiligkeit erfüllt sein wie einst Mosche, kann nicht allein und aus eigener Kraft wirken. Auch wenn der Mensch das Seinige dazu tut, der letztlich Wirkende bleibt Gott. Es heißt bei. der Vollendung des Heiligtums (2 M. 39, 43) „Mosche segnete sie". Wie lautete der Segen, mit dem er Israel segnete? Möge die Gnade walten, daß die Gegenwart Gottes ruhe auf dem Werk eurer Hände. Rabbi Meir sagte: So segnete er sie (5 M. 1, 11) „Er, der Gott eurer Väter, füge zu euch hinzu: wie ihr bemüht wart, und das Werk dieser Wohnung und die Gegenwart Gottes ruhte auf dem Werk eurer Hände, so möget ihr gewürdigt werden, vor ihm zu bauen das Haus der Wahl, und auch dann möge die Gegenwart Gottes ruhn auf dem Werk eurer Hände". Sie antworteten (Ps. 90, 17) „Es sei SEINE, unseres Gottes, Huld über uns, und das Werk unserer Hände richte auf über uns, ja das Werk unserer Hände richte es auf". Auch hier wieder der Gedanke, daß alles menschliche Tun nicht zum Ziele kommt, wenn nicht Gottes Tun es vollendet. Zugleich aber wird auf das Tun des Menschen auch Wert gelegt, denn der Segen lautet nicht, Gott möge euch segnen, wobei, das Tun des Menschen ganz abseits bliebe, sondern Gott möge dem Werk eurer Hände seine Gegenwart nicht versagen. Eine der großen Spannungen des religiösen Bewußtseins: alles Tun vergeblich ohne Gott und doch zugleich aller Segen auf dem Tun ruhend. Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte Rabbi Schimon ben Gamliel II von Dr. Abraham Heschel Die Stellung des Heiligen Landes in der jüdischen Welt, das Verhältnis der Diaspora zum palästinischen Judentum befand sich in einer Krise. Seit dem Fall Jerusalems hatten sich zahlreiche Juden in Syrien, Kleinasien, Aegypten, Nordafrika und vor allem in Babylonien niedergelassen. Sie waren als Flüchtlinge^ als Kriegsgefangene oder als Objekte des Sklavenhandels dorthin gekommen. Der Traum von der baldigen Wiederherstellung <\es Tempels und die Autorität des in Jawne wirkenden Synhedrions erhielt jedoch die geistige Hegemonie Palästinas aufrecht. Nach dem Zusammenbruch des Bar-Kochba-Aufstandes war das verheerte Land nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig völlig entkräftet. Jerusalem wurde in eine heidnische Stadt verwandelt und in Aelia Capitolina umbenannt. Den Juden war das Betreten der Stadt bei Todesstrafe verboten. Kaiser Hadrians Unterdrückungsmaßnahmen, namentlich das Verbot des Toralernens, der Beschneidung und der Ruhe am siebenten Tage, hatten die geistige Vernichtung der Nation zum Zwecke gehabt. Römische Häscher streiften durch das Land, und wer den Bräuchen der Väter die Treue hielt, mußte gewärtig sein, zu sterben. Eine starke Auswanderung setzte ein, die auch die von den Hadrianischen Maßnahmen besonders getroffenen Gesetzeslehrer erfaßte. Das geistige Leben in Palästina hörte auf. Das Lehrhaus in Jawne ging ein. Ueber die Auswanderung der Gelehrten wird erzählt : Als sie das Land verließen, weinten sie alle, zerrissen die Kleider und sprachen: „Der Aufenthalt in Palästina wiegt die Erfüllung aller Gebote der Tora auf . . ." Einer von ihnen, Chananja, ließ sich in der Stadt Nehar Pekod in Babylonien nieder. Er gründete dort ein Lehrhaus und errichtete ein Gerichtstribunal, das die kalendarischen Festsetzungen, die vom palästinesischen Synhedrion, der dafür zuständigen Behörde, infolge der Hadrianischen Unterdrückungen nicht vorgenommen werden konnten, vollziehen sollte. Der Metropole, in der noch kaum namhafte Gelehrte zu finden waren, war damit das Vorrecht genommen. Aber in der Haltung der Römer gegenüber den Juden trat mit der Zeit eine Aenderung ein. Die heiligen Gesetzeslehrer zogen eines Nachts durch Rom an den Häusern der Machthaber vorbei und riefen.- „O Himmel, sind wir nicht eure Brüder, sind wir nicht Kinder eines Vaters, sind wir nicht Kinder einer Mutter? Womit sind wir anders als alle übrigen Völker und Stämme, daß ihr uns so erbarmungslos verfolgt?" - Die Aufhebung der Hadrianischen Edikte, die nach einer talmudischen Sage durch diesen Umzug herbeigeführt wurde, ermöglichte den Juden, ihre Selbstverwaltung in Palästina langsam wieder aufzubauen. Die Lehrer, darunter einige, die aus Babylonien zurückgekehrt waren, versammelten sich in Uscha, einer galiläischen Stadt, und berieten die Wiederherstellung des jüdischen Gemeinwesens. Das Synhedrion wurde neu.gegründet, und zum Patriarchen wählte man Rabbi Schimon, Sohn des Rabbi Gamliel II. Der in jungen Jahren stehende Würdenträger hatte im Hause seines Vaters eine Ausbildung in jüdischer, aber auch in griechischer Weisheit erhalten und hatte auch Interesse für physiologische und botanische Studien. Die Tatkraft und das siaatsmännische Talent, die er von seinem Vater geerbt hatte, befähigten ihn zur Wiederherstellung der palästinensischen Judenheit. Der Patriarch schickte eine Gesandtschaft nach Nehar Pekod. Sie sprachen zu Chananja: „Die Böcklein, die du zurückgelassen hast, sind gehörnte Ziegenböcke geworden,- diese sandten uns zu dir und sprachen zu uns folgendermäßen: Gehet hin und sagt es ihm in unserem Namen (daß er mit Hinblick auf die Wiedergeburt in Palästina das Synhedrion in Babylonien auflösen möge),- gehorcht er, so ist es gut, wenn nicht, so sei er in Bann getan. Sagt es auch unseren Brüdern in der Diasspora; gehorchen sie, so ist es gut, wenn nicht, so mögen sie auf einen Berg gehen und einen Altar errichten, Chananja möge auf der Harfe spielen und allesamt mögen Gott verleugnen und sprechen: „Wir haben keinen Anteil an dem Gott Jisraels!" Hierauf begann das ganze Volk laut zu weinen: „Behüte und bewahre, wir haben Anteil am Gott Jisraels!" (Warum dies alles? - Weil es heißt: Denn von Zion geht die Tora aus und das Wort des Herrn von Jerusalem)." Die Autorität des palästinensischen Synhedrions war wiederhergestellt. Es galt aber nicht nur die Institutionen, sondern auch das geistige Leben zu erneuern. Der Zusamrrfenbruch des Aufstandes hatte keinen Zusammenbruch des Glaubens zur Folge gehabt, dafür jedoch eine Resignation, die verheerend durch das jüdische Bereich ging. Die enthusiastische Gläubigkeit sublimierte sich in Weltverachtung, die Mannhaftigkeit in Verzweiflungswut. Die Juden büßten ihr Verhältnis zur Wirklichkeit ein. Rabbi Schimon ben Gamliel befand sich in einem tiefgehenden geistigen Gegensatz zu Rabbi Akiba. Rabbi Akiba lehrte: Das Lernen stehe höher als das Tun, Rabbi Schimon ben Gamliel dagegen: „Nicht die Lehre ist die Hauptsache, sondern das Tun". Rabbi Akiba sah in jeder Redev/endung der Tora ein Objekt der Deutung, Rabbi Schimon ben Gamliel dagegen (ähnlich wie Rabbi Ismael) meinte, die Tora bediene sich einer hyperbolischen Redeweise, die man nicht wörtlich nehmen müsse. Rabbi Akiba und seine Schule zogen die dialektische Erörterung der Aneignung des bloßen Wissens vor, Rabbi Schimon ben Gamliel hat das Wissen vor dem Scharfsinn bevorzugt. Diese Opposition war um so deutlicher, als die Schüler Rabbi Akibas, die Zeitgenossen des Rabbi Schimon ben Gamliel, die Grundsätze ihres Meisters ins Extreme entwickelten. Der Vorrang des Lernens hatte sich ursprünglich auf die Begründung gestützt: „Das Lernen führt zum Tun". Für die Schüler Rabbi Akibas besaß das Lernen nicht einen bevorzugten, sondern einen ausschließlichen Wert. Rabbi Schimon ben Jochai sagte.- „Wenn man zur Zeit des Pflügens pflügen, zur Zeit des Säens säen, zur Zeit des Mähens mähen, zur Zeit des Dreschens dreschen und zur Zeit des Windes mahlen wird, was soll dann aus der Tora werden?" Er zog sich mit seinem Sohn in eine Höhle zurück. Als sie nach zwölf Jahren herauskamen und Leute pflügen und säen sahen, sprach Rabbi Schimon: „Sie lassen das ewige Leben und befassen sich mit dem zeitlichen Leben". Die Sage ex-

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