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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-10-01 · 1 (10.1937) · p. Seite 22

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
1 (10.1937)
Date
1937-10-01
Page
Seite 22 (sequence 24)
Language
German
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Seite 22 jüdisches gemeindeblatt für frankfürt No. 1 Oktober 1937 JUGEND UND GEMEINDE Selbstbesinnung! Dieser Tage kam ein jüngerer Chawer zu mir und beklagte sich: "Er meinte, wie arg es doch sei, daß viele jüdische Stellen für Jugendarbeit unzugänglich seien und stützte sich darauf, daß z. B. die Jugendbeilage unseres Gemeindeblattes nicht mehr diesen Namen verdiene. Zwar bringe sie nette und nützliche Dinge, aber nichts, was' sich wirklich mit der jüdischen Jugend und ihren Sorgen befaßt, nichts, was uns in den schwierigen Fragen, vor die wir gestellt sind, helfen kann. Ich habe dem Chawer antworten müssen, daß er wohl Unrecht hat, wenn er die Schuld dafür etwa bei Stellen und Redaktionen sucht, sondern daß niemand anderes schuld ist, als die Jugend selbst, die sich unfähig erwies, die hervorragende Gelegenheit wahrzunehmen und von dieser Tribüne aus auszusprechen, was sie bewegt. Wir sind schuldig. Der Chawer „verzog sich" — seiner Mitschuld bewußt. Und wirklich — wir sollten uns schämen. Doch damit ist noch keine ausreichende Antwort auf seine Frage gegeben. Der Grund liegt tiefer. Es mag eine Eolle spielen, daß — was alle Führungsfragen der Jugendbünde so sehr erschwert, — allen Bünden eine Zwischengeneration fehlt, daß es am Nachwuchs mangelt, daß die „alten" Führer müde sind, immer wieder zu sprechen und zu schreiben, während keiner sie ablöst. Vor allem aber scheint mir das Grundübel zu sein: Es haben sieb innerhalb der jüdischen Jugend Schranken erhoben, die unübersteigbar scheinen. — Der große Strom zu den Bünden, den es vor ein paar Jahren gab, ist zu Ende, zumal die Aufnahmefähigkeit der Bünde durch Führermangel begrenzt ist. Man ist abgestempelt. Man ist „bündisch" oder nicht. Wie selten sind die 14- oder 15-jährigen Jungen oder Mädchen geworden, die sich ernsthaft und gründlich mit der Frage beschäftigen, ob sie in einen Bund gehen sollen oder nicht. Höchstens in den untersten Jahrgängen, die für die Bünde überhaupt in Frage kommen, gibt es noch so etwas. Die Bünde selbst sind verwöhnt. Vor Jahren haben sich Bünde oft monatelang um die Werbung eines neuen Chawers bemüht, man hat endlose Gespräche geführt, zahllose Elternbesuche gemacht, bis der Betreffende schließlich „gekeilt"war. Und heute? Vielleicht einmal ein Wort der Werbung, aber durch den großen Strom verwöhnt, der doch lange vorübergerauscht ist, kein dauerndes, unablässiges Bemühen mehr um den einzelnen Menschen. Gedankenträgheit der Unerfaßten, Genügsamkeit der Bündischen, das führte zu. der Stille, die beiden Teilen abträglich sein muß. Weiter fehlt auch die echte Bewegung zwischen den Gruppen. Wenn da Werbung vorkommt, ist es nicht die rechte. Es ist nicht die echte Auseinandersetzung zwischen Gruppen oder Menschen, die eine Ueberzugung haben oder die auch nur von einer Idee oder einer Gemeinschaft begeistert sind. Die > Jugend droht sich in den eingefahrenen Geleisen der „Alten" zu verlieren. Wir müssen annehmen, daß dies alles Anzeichen dafür sind, daß die Jugendbünde heute in der Gefahr schweben, vom besten dessen, was sie groß gemacht hat und was ihren Wert ausmacht, , zu verlieren. Wir dürfen das nicht zugeben. Heute, da Berufs¬ und Lebensentscheidungen schon in jugendlichem Alter gefällt werden, ist dies eine große Gefahr. An die älteren Chawerim und Chaweroth der Jugendbünde, an die Jugendführer geht darum der Ruf, alles daran zu setzen, daß die unheilvollen Symptome verschwinden, daß echte Bewegtheit wieder an die Stelle der drohenden Starre tritt. Die Jugendbewegung hat heute schon eine Tradition im besten Sinne, die gewahrt werden muß. Wir dürfen nicht versachlichen, erstarren, zu jungen Greisen werden, denen der Elan und die innere Bewegtheit abhanden kam. Die Beilage „Jugend und Gemeinde" ist immer nur Symptom unserer Arbeit und unseres Lebens. Heinz Gochsheimer Die Jugendgemeinde der Westendsynagoge „Wer kommt, wird sehen!" Als die Zettel mit dieser geheimnisvollen und vielversprechenden Aufschrift auf den Bänken der Westend-Synagoge lagen und die Jugend aufforderten, sich an einem Samstag Morgen im Trausaal zu versammeln, und als dort Rabbiner Dr. Lemle seine Idee — die Gründung einer Jugendgemeinde — aussprach, war die allgemein verbreitete Meinung: „Ein totgeborenes Kind!" Heute aber, als halbjähriges, gesundes Baby hat es seine Lebensfähigkeit bewiesen. Der Gedanke, welcher Dr. Lemle zur Gründung dieser Jugendgemeinde bewog, war folgender: Um die Kluft zwischen der hündischen und der nichtbündischen Jugend und die zwischen den Angehörigen der einzelnen Bünde zu überbrücken, muss etwas Ueberbündisches geschaffen werden, das zwischen Bund und Gemeinde steht; dies kann nur eine Jugehdgemeinde sein. Meiner Meinung nach ist diese Ueberbrückung gelungen und damit ist ein, um nicht zu sagen das Hauptziel erreicht. Wie das gelungen ist, schien Vielen unerklärlich, denn die Bildung einer lebensfähigen Jugendgemeinde ist in vielen anderen Städten misslungen und doch ist dies kein Geheimnis: Der Weg dazu war Dr. Lemles gelungener Versuch, ein vielseitiges, interessantes Programm zu bringen, das trotz seines abwechslungsreichen Verlaufs ein gemeinsames, umfassendes Thema hatte. Das erste Thema, das im Oktober 1936 begann, hieß „Juden und Judentum in aller Welt". Es zeigte in einer Folge von zwanglosen Referaten, die teils mit Diskussionen, teils mit Fragen an die verschiedenen Redner endeten, das Leben der Juden auf der ganzen Erde. Wir können behaupten, stets den Mann als Referierenden bei uns gehabt zu haben, der über das betreffende Gebiet am besten Bescheid wusste. Um die starre Aufeinanderfolge der einzelnen Vorträge zu unterbrechen und die Samstag- Vormittage abwechslungsreicher zu gestalten, wurde zuerst eine künstlerische Umrahmung um die eigentlichen Darbietungen gelegt, aber aus Mangel an geeigneten Kräften ist diese Einrichtung jetzt wieder abgeschafft. Als Unterbrechung der Reihenfolge der Referate wurde zweimal ein Singen unter der Leitung von Fritz Salberg eingelegt, ausserdem gab es als Abschluss des ersten Dritteljahres einen Rezitationsvormittag des Kulturbundes. Der Kulturbund gab uns auch die Gelegenheit zu einer Abendveranstaltung; wir hatten an einem Samstag einen Kammermusikabend, der künstlerisch wirklich wertvoll . war. Es gab noch zwei andere Abendveranstaltungen, einmal einen LichtbiU dervortrag über Amerika, und dann eine lustige Purimfeier, die von Angehörigen der Jugendgemeinde organisiert und ausgeführt war. Das erste Drittel jähr war ein Erfolg, das können wir mit vollem Recht behaupten. Ein Beweis dafür ist die Anzahl der Besucher der Onegim am Samstag Vormittag, die sich immer zwischen 80 und 100 bewegte. . \ , Das neue, im April begonnene Thema lautet: „Was Juden für die Welt Unvergängliches geschaffen haben" (im weiteren Sinn: Jüdisches in der Welt). Es begann mit einem Vortrag über „Die Bedeutung der Bibel für die Welt". -; Als Beweis für die Existenzfähgkeit der Jugendgemeinde kann die Bildung des Donnerstag-Abendkreises gelten; dieser Kreis, der die älteren Jungen und Mädel imAlter von 15 bis 17 Jahren vereint, hat sich auf Wunsch der Teilnehmer gebildet. Die Zusammenkünfte sollen den Jungen und Mädeln Gelegenheeit zur zwangslosen Aussprache über religiöse und weltanschauliche Themata geben. Der Kreis hat als Leiter einen Jungen aus den eigenen Reihen. Nur bei besonders schwierigen Momenten holten wir einen Aelteren zu uns, der wissensmässig über uns steht und daher eine | Ä ■ ■ J jj I Westendsynagoge: Wiederbeginn, Samstag, den 2. Oktober 1937,11 Uhr JUQGnQQGITlGinClG ■ Hauptsynagoge: Neubeginn, Samstag, den 9. Oktober 1937,nach dem 19 ^# Morgengottesdienst.

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