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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-05-01 · 8 (5.1937) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
8 (5.1937)
Date
1937-05-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 wird in Verbindung gebracht mit einem Satz aus den Sprüchen (22,22) „beraube nicht einen Armen, weil er arm ist". „Der Heilige, gelobt sei er, spricht: beraube nicht einen Armen, denn ich habe ihn zu einem Armen gemacht: wer ihn beraubt oder seiner spottet, lästert den, der ihn zu dem) gemacht, der er ist, es ist, als ob er meiner spottete, denn so heisst es (Spr. 14,31) „wer den Armen unterdrückt, lästert den, der ihn geschaffen, wer ihn (den Schöpfer) ehren will, erweist Gunst dem Dürftigen". Was aber heisst: beraube nicht einen Armen? Gibt es einen Menseben, der einen Armen berauben wird? Und was kann er ihm rauben, da er doch nichts besitzt? So ist der Satz zu verstehen: wenn du gewohnt warst, ihn zu versorgen, und du dich gegen dich selbst kehrst und sprichst: wie lange noch soll ich ihn versorgen? und du hältst andere noch zurück, daß sie ihm nichts geben, wenn du solches tust, wisse, daß du ihn beraubst." Hier wird also dagegen Stellung genommen, daß man die Fürsorge für einen Hilfsbedürftigen als eine Last empfinde, die man gern wieder los sein möchte, nachrechne, was dieser eine an Fürsorge schon gekostet habe; es wird im Gegenteil der Anspruch des Armen als ein so begründetes Recht hingestellt, daß wer ihn ihm streitig macht, als einer erscheint, der ihn beraubt. Gott der wahre Löser Schliesslich aber wird der Fürsorger gleichsam neben Gott selbst gestellt. Es heisst (V. 25) „wenn dein Bruder verarmt, und verkauft von seinem Besitz, so komme sein Löse r". Dazu der Midrasch: „und wer ist sein Löser, ich bin sein Löser,wdenn so heisst es ( Jirmej. 50,34-35) „bedrückt sind die Söhne Israels und und die Söhne Juda allsamt----stark ist ihr Löser, EE, der Umscharte ist sein Name, er wird ihren Rechtsstreit streiten". Der einzelne Arme wird so zum Gleichnis des Volkes in seiner Not. und Armut. Grundlagen und Voraussetzung des jüdisch-religiösen Liberalismus Der Verein Westendsynagoge in Frankfurt/Main veranstaltete ein Wochenende, das ganz der Besinnung auf die Grundlagen und Voraussetzungen des jüdisch-religiösen Liberalismus und seine dringlichen Gegenwartsaufgaben gewidmet war. Die Veranstaltung war in drei aufeinanderfolgende Arbeitsgemeinschaften gegliedert, in denen nach der Glaubenslage, nach dem Grund jüdischen Seins und nach dem zu Tuenden gesucht wurde. Den Teilnehmern waren einige Tage vorher Blätter übersandt worden, enthaltend die Exposes, in denen die Leiter der Arbeitsgemeinschaften sie auf die zu behandelnden Fragen vorbereitet hatten. Die Veranstaltung begann am Samstagabend nach Sabbatausgang unter "Leitung von Eabbiner Dr. Maybaum, Berlin, mit der Arbeitsgemeinschaft, die nach der Glaubenssituation unserer Zeit fragte. Er legte in seinen Ausführungen im wesentlichen dar, wie der Idealismus des 19. Jahrhunderts sich auf die Bildung, die Kultur und Politik gerichtet hatte, in ihnen das Lebensziel verselbständigt hatte, und setzte diesem so gewordenen Idealismus die Bibel und die religiöse Grundlegung und Zielsetzung entgegen. Er zeigte dabei auf, wie mit ihr der Pessimismus zu überwinden sei, in den der Idealismus schliesslch gerät. In der Diskussion wurden die von dem Referenten getroffenen Feststellungen noch durch die Fragen nach der weltlichen Glaubenslage der heutigen Menschen erweitert, nämlich die Fragen nach dem Warum und Wozu des Lebens, der Arbeit, der Familiengründung, des Neuaufbaus jeglicher und der jüdischen Existenz. Da diese Fragen nicht als theoretische gestellt und also nicht als theoretische zu beantworten waren, enthielt die Zwiesprache eine starke persönliche Note. So kam neben den Bekenntnissen einer sicheren gläubigen Zuversicht die Klage derer zum Ausdruck, die sieh in ihrer -gläubigen Zuversicht durch den Gang der Geschehnisse und jdurch Erlebnisse erschüttert fühlten, ferner kam zum Ausdruck, die Beobachtung derer, die in ihrem Verkehr mit der Jugend gewahren, wie schwer diese um die einfachsten Glaubensfragen ringt und wie sehr sie sich nach Gläubigkeit sehnt Die Zwiesprache ergab eine Einmütigkeit darüber, daß der Weg des Juden zur Zuversicht nicht erst mit dem Zusammenbruch der geistigen Existenz beginnt, sondern daß er dem Erlebnis und den Irrwegen des Denkens und der Erkenntnissuche voraufgehen müsse, und man sah in dem Ringen, der Jugend um Zuversicht und Sicherheit des Glaubens nicht das Negative des Nochnichtdaseins, sondern das Positive des Sichsehens und Wollens. Der Abend klang aus in dem Ausdruck des Gefühls, daß allein schon die Erhaltung und der Behauptungswille der Juden in diesen Tagen ein Zeichen Gottes und der Gottesverbundenheit ist. Ohne daß man es zu sagen brauchte, war die Voraussetzung der Zwiesprache,- daß es einen Liberalismus Ohne gläubige Gewissheit nicht geben kann. Die zweite Arbeitsgemeinschaft am Sonntag Vormittag hatte zum Thema.dieFrage^.nach dem Grunde jüdischen Seins. Sie wurde von Rabbiner Dr. Lemle, Frankfurt/Main, geleitet. Er stellte die Erschienenen vor bestimmte Fragen, die wiederum •nicht theoretisch erörtert, sondern aus dein persönlichen TJewusstsein beantwortet werden sollten. Er stellte in der Hauptsache die Fragen: "• . „Wer ist für unser Gefühl Jude? Ist die Grundlage des Judeseins die Abstammung oder die Glaubenshaltung? Wozu sind wir Juden? Welches ist die heilige Aufgabe? Wie steht es mit dem Bekenntnis zur Mission der Juden? Ist sie unter dem Wandel der Zweiten aufrechtzuerhalten? Wie steht es mit dem Zentrum des jüdischen Lebens? Muss eines sein, und wie kann man es finden oder ergänzen? Die Erörterung gerade dieser Fragen ergab auch Gelegenheit zur Erklärung des Verhältnisses zu Erez Israel. Die meisten der Sprecher bekannten sieh dazu, daß Israel eine ohne Gleichnis in der Welt dastehende Gemeinschaft sei, in der Volkhaftes und Religiöses sich so miteinander vereinen, daß sie unlösbar voneinander sind. Judesein ist zugleich ein Gebundensein durch Abstammung und Berufung und eine Sache des Willens. Bei den Sprechern kam aber auch aus ihrem persönlichen Verbundensein die Hoffnung zum Ausdruck, daß der Aufbau in Erez Israel sieh nicht nur als weltliche Angelegenheit politischer Art vollziehe, sondern daß er religiös unterbaut. und gerichtet sei. Das Wozu fand die Antwort, daß man vom Menschen aus darauf gar keine Antwort geben könne, sondern daß es das Geheimnis Gottes sei. Man könne nur in der Gewissheit der Berufung und des Bundes leben. Damit aber war zugleich ausgesprochen, daß man sich heute in vollem Umfange zu dem Missionsgedanken bekennen müsse, umsomehr, als ein solches Bekenntnis nieht wie in früheren Jahren durch die Identität mit den allgemeinen Zeitströmungen aufgehoben wird. Dieses Bekenntnis bedeutet aber zugleich einegewisse Galuthbejahung, und zwar in dem Sinne, daß eine jüdische Existenz überall auf der Welt als sinnvoll empfunden wird, wo Juden in dem Bewusstsein, Juden zu sein, und in dem Willen dazu ihr Leben mit dem Ziel der Heiligung des gesamten Lebens leben. Galuth; und Erez Israel bedingen sich gegenseitig und müssen einander ergänzen. Man. wird sich darin einig, daß die Frage nach dem Weltzentrum des jüdischen Lebens nicht aus dem Willen beantwortbar ist, daß ein Mittelpunkt aus der göttlichen Lenkung der Geschichte wird und nicht errichtet werden, kann. Die dritte Arbeitsgemeinschaft am Sonntagnachmittag hatte das Thema: „Lehre und Tun". Sie stand unter Leitung von Rabbiner Dr. Dienemann -Offenbach/Main. Er entwickelte, daß Lehre nicht eine Sache des Wissens und der Bildung, sondern um des Tuns willen sei; und er stellte ferner den Unterschied zwischen Gesetz und Lehre heraus. Das charakteristische Merkmal des Liberalismus wurde dann neben der Erkenntnis von der Entwicklung und dem Recht der Persönlichkeit in der andersgearteten Auffassung von der Offenbarung gefunden, daß man sie nicht als einmaligen Akt empfand, sondern als die stetige Erschütterung des Menschen durch Gott und ferner darin, daß das Tun ein Tun aus der freien Ueberzeugung in der Erfüllung eines persönlichen Wollens sein müsse und nicht nur eine Gehorsamserhaltung. Er zeigte dann auf, wie es sich nicht um diese oder jene «kultische Handlung handele, sondern um die Findung einer jüdischen Lebensform und Gesamthaltung. Dabei wurde darauf hingewiesen, wie sich der Liberalismus früherer Jahre zu sehr auf Enzelnes konzentriert hatte und zu wenig auf die Gesamthaltung. Bei der Frage nach dem Verpflichtungsgrund griff der Referent auf den Frankelschen Begriff des Volksbewusstseins zurück. Er stellte dann für das Tun bestimmte Forderungen, die sich auf tägliehes Gebet, auf Sabbat- und Festtagsheiligung richteten, aber nicht darin erschöpften, und er lehnte sich dabei an Auseinandersetzungen an, die auf den Tagungen der liberalen Weltkonferenz bereits gepflogen worden waren, und erzählte von gewissen Zirkeln, in denen man bewusst zu einer Praxis kommt. Das Ziel Messe so, in Anlehnung an die Tradition neue Tradition zu begründen. In der Aussprache kam zürn Ausdruck, daß man nicht zwischen Ritual und sonstigem Tun unterscheiden darf, weil sonst das Rituale, in dem man es als solches bestimmt, eine Minderung erfahre. Während die einen sich zu den Grundsätzen der Ausführung des Referenten bekannten und nur auf die Schwierigkeiten hinwiesen, die bei jenen entstehen, die sich innerlich nicht zum Tun bewegen können — weil sie meinen, daß dem Tun ein Wissen um den

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