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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-04-01 · 7 (4.1937) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
7 (4.1937)
Date
1937-04-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 men)". Seltsame und beinahe unverständliche Antwort. Die ganze Seltsamkeit und Unverständlichkeit hellt sich aber auf, wenn wir den palästinensischen Talmud zu Rate ziehen. Denn dort wird das Wort Aphikomen, das ein griechisches Fremdwort ist und in Wirklichkeit den festlichen Umzug bei den zügellosen Bachanalien bedeutet, mit dem Zusatz erklärt, den ähnlich auch der babylonische Talmud im Namen Rab's tradiert: „dass man nicht aus der einen Gemeinschaft aufstehe und in eine andere Gemeinschaft überlaufe". Im Lichte dieser Erklärung erhält diese Antwort eine weltgeschichtliche Bedeutung. . Nie hat sich das Judentum, wo es nicht mit Gewalt von der Umwelt abgeschlossen war, der Befruchtung durch fremde Kulturen entzogen. Unendlich viel hat das Judentum Hellas zu verdanken. „Weit reichen lasse Gott das Reich von Hellas und lasse es wohnen in den Zelten Sems", diesen Segen Noahs deuten unsere Weisen schon auf die fruchtbare Vermählung des Judentums mit dem Griechentum, aus der ein unschätzbarer Reichtum an Kultur in das Judentum einzog. Unendlich viel hat das Judentum des 18. und 19. Jahrhunderts der Vermählung mit deutscher Kultur zu verdanken. Sie brachte in die Starrheit und Enge des vielhundertjährigen dumpfen Ghettolebens neue Lebensströme, eröffnete dem Judentum neue Horizonte und befruchtete sein Denken, dass es wie neugeboren aus dem Niedergang der letzten zwei Jahrhunderte erstand. Diese segensreichen Früchte der Assimilation wollen wir nicht gering anschlagen. Aber jede Assimilation hat ihre Gefahrengrenze. Nur schwache Gemeinschaften werden restlos in eine neue Gemeinschaft eingehen und sich bis zum letzten von ihr aufsaugen lassen. Das war ja und ist die Einzigartigkeit des Judentums in der Weltgeschichte, dass, während die zehn] Stämme Israels, gleich den alten Völkern allen, untergingen, es niemals bei der Mehrzahl seiner Söhne und Töchter sich und seiner Sendung untreu wurde — oft gegen unseren eigenen Willen. Denn nicht Menschen, sondern Gott selbst hat auch uns mit starker Hand von dem Abgrund, in dem wir zu versinken drohten, hinweggerissen. So haben ja die grossen Propheten Israels alles schwere Missgeschick, das über ihr Volk erging, als göttliche Zuchtrute und die Völker als Zuchtmeister angesehen, die, wie in einem Schmelzofen, das Volk von seinen Sehlacken reinigten und zu seiner Sendung zurückführten. Zeiten der Armut und der Not sind es, die die Ewigkeitsgedanken erzeugen als Lebensbrot für viele kommende Geschlechter und den Willen zum Judentum immer aufs neue stärken. So lehre uns dieser Zeiten Not und Schwere wieder an unsere Sendung glauben und mache unsere Seele bereit, sich wieder mit dem Reichtum jüdischer Werte zu erfüllen und unser von den alten Zeugnissen, Ordnungen und Bindungen losgerissenes Leben wieder mit der pflichtfrohen Gebundenheit der Väter zu bereichern. Dann wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, auch uns der Ruf der Jugend wieder erschallen: „Der Morgen bricht herein; es ist Zeit, das Schema wieder zu beten". Das Schriftwort Gottes Namen will nicht mit Schlimmem verbunden sein von Max Dienemann Krankheit und Seele In zwei Wochenabschnitten des dritten Buches, die oft in der Vorlesung an einem Sabbat miteinander verbunden werden, ist von Plagen und Krankheiten die Rede, die an der Haut eines Mensehen entstehen könnten, unter ihnen insbesondere von der schrecklichsten, dem Aussatz. Alles, was hier gesagt ist (Kap. 13—14), hatte einmal seine grosse Bedeutung für die Hygiene und Ansteckungsverhütung im alten Israel. Aber schon in der ältesten Bibeldeutung begnügte man sich nicht, diese Bibelstellen wörtlich, wenn man so sagen darf, in ihrem biologischen Wert, aufzufassen, man gab ihnen eine Wendung ins Sittliche. Nicht nur, dass man die Entstehung solcher Krankheiten aus der Erkrankung des sittlichen Empfindens herzuleiten versuchte, man betrachtete das Ganze von der Verbindung mit Fragen des Sittlichen her, wobei das Ursprüngliche des Bibeltextes ganz in den Hintergrund trat Aus den vielfachen gelegentlichen Bemerkungen dieser Art hebt sich ein Stück empor, das in langausgesponnener Darstellung eine geschlossene Komposition, ein Stück aus einem Guss, wenn wir so sagen dürfen, eine alte Predigt ist. Und es ist bei ihm wie bei allen diesen alten Midraschstücken, es hat nicht nur einen Gedanken, die Darstellung geht von einem zum andern Gedanken, Entlegenes miteinander verknüpfend. Es sei zunächst in seiner Geschlossenheit wiedergegeben. Gott hat nicht Gefallen am Gericht Der Eingangsvers (13,2) „wenn ein Mensch befallen wird an der Haut seines Fleisches" wird in Verbindung -gebracht mit dem Psalmvers (5,5) „denn du bist nicht ein Gott, der Gefallen hat an der Verurteilung, bei dir gastet nicht Böses". „Das will sagen: der Heilige, gelobt sei er, hat kein Wohlgefallen daran, dass ein Geschöpf schuldig wird, denn so heisst es (Jechesk. 33,11) „so wahr ich lebe, spricht ER, Gott, habe ich denn Gefallen am Sterben des Schuldigen? sondern, dass ein Schuldiger umkehre von seinem Wege und lebe". Woran hat er Gefallen? Seine Geschöpfe als bewährt zu finden und nicht als schuldig. So findest du es auch bei Adam. Als er ihn erschuf, setzte er ihn in den Edengarten und sprach zu ihm, davon darfst du essen und davon nicht. Er übertrat das Gebot, da verurteilte ihn der Heilige, gelobt sei er. Es kam der Sabbat und löste ihn aus der Strafe. Er fing an, mit ihm zu reden, vielleicht würde er Umkehr tätigen, denn so heisst es (1. M. 3,9) „ER, Gott, rief Adam und sprach zu ihm, wo bist du? ER — das bedeutet das göttliche Erbarmen, denn so heisst es (2. M. 34,6) „ER, ER, ein barmherziger und gnädiger Gott"; er setzte das Erbarmen vor sein Richtersein, damit er Umkehr tätige; darum heisst es: „nicht bist du ein Gott, der Gefallen hat an der Verurteilung", er will kein Geschöpf schuldig erklären. Weiter sprach er mit ihm (1. M. 3,11) „wer hat dir gesagt, daß du nackt bist?" Als Adam erwiderte: die Frau, die du mir beigegeben hast..., Hess er Adam und sprach mit der Frau (3,13) „was hast du getan?" Als er. aber zur Schlange kam, redete er mit ihr nicht wie mit der Frau, sondern verurteilte sie sofort. Als er sich dann wieder zu Adam wandte, sprach er ihn noch nicht schuldig, er gab ihm erst einen Wink zur Umkehr; womit? Raw Bereehja sagte im Namen Rabbi Levis: denn er sagte zu ihm (1. M. 3,19) „im Schweisse deines Angesichtes wirst du Brot essen, bis du zurückkehrst". Zurückkehrst — •— damit ist die Umkehr gemeint, wie Hoschea es ausgesprochen (14,2) „kehre zurück, Israel, bis zu deinem Gott". Als er immer noch nicht Umkehr tätigte, vertrieb er ihn aus dem Edengarten. Darauf nimmt das Wort Bezug „nicht bist du ein Gott, der Gefallen hat an der Verurteilung". Beim Schlimmen fehlt der Name Gottes Was heisst das „bei dir gastet nicht Böses?" Raw Elaser ben Pedat sagte, im Namen von Rabbi Jochanan: der Name des Heiligen, gelobt sei er, wird nicht erwähnt bei Bösem sondern nur bei Gutem. Beweis, dass dem so ist: in der Stunde, da der Heilige, gelobt sei er, das Licht und die Finsternis erschuf und mit Namen benannte, wird sein voller Namen nur mit dem Licht verbunden aber nicht mit der Finsternis (1. M. 1,5) „Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht", sein Name ist nur beim Licht voll ausgesprochen, bei der Finsternis heisst es nicht, Gott nannte sie, sondern nur, er nannte sie Nacht — was bei der Eigenart der hebräischen Grammatik auch heissen

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