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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-04-01 · 7 (4.1937) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
7 (4.1937)
Date
1937-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. Bezugspreis für Gemeinde mitglieder vierteljährlich 45 Bpfg. (einschl. Zustellung»- und! Erhebungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Bpfg. — Jahresbezug für Nichtmitglieder der Gemeinde BM. 3.- zuzüglich Porto. — Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: SammelnummerH. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. — Anzeigen» Verwaltung: M. Isaao & Co., Eeineckstr. 17/19,- Telefon: 24888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluas für die nächste Nummer: 22. April 1937 — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 15. Jahrgang Frankfurt a. ML, April 1937 INr. 7 Welthistorische Bedeutung der vier Fragen der Pessach-Haggadah von Gemeinderabbiner Dr. C. Seligmann Es ist eine auserlesene Tafelrunde, die fünf Babbinen B. Elieser, B. Josua, B. Eleasar, B. Akiba und E. Tarphon, die vor 1800 Jahren in Bnebrak am Sedertische sassen und sich die ganze Nacht hindurch vom Auszug aus Aegypten unterhielten, bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen: „Der Morgen bricht herein, es ist Zeit, das Schema zu beten!" Eine Zeit ungeheurer Schicksalswende ist es, in der diese fünf Männer beisammen sitzen. Von aussen lastet der grausame Druck der Eömerherrschaft auf dem geknechteten und durch den Barkochbakrieg fast verbluteten Volke. Von innen erschüttert dieaus dem Mutterschoss des Judentums geborene neue Beligion das Judentum in seinen Grundfesten. Denn damals war es, dass das Christentum alle die Millionen jüdischer Proselyten im' Bömischen Beich aufsog und seine Welteroberung antrat. In diese Zeit muß man sich versetzen, wenn man die Fragen des Weisen, des Eoscho, des Einfältigen und dessen, der nicht zu fragen versteht, und die Antworten, die ihnen gegeben werden, in ihrer ganzen Tiefe begreifen will. Es sind keine Kinderfragen, und darum werden mit Becht in den Bildern der Haggadah die vier Fragenden als Erwachsene dargestellt. Es sind Fragen, die an den Lebensnerv des Judentums rühren und die man nur vom welthistorischen Standpunkt aus verstehen kann. Zumal, wenn man auf die ursprüngliche Lesart im Palästinensischen Talmud zurückgeht, wo die Stelle — verschieden von dem Texte unserer Haggadah — in wörtlicher Uebersetzung lautet: „Wie fragt der Weise: „was bedeuten die Zeugnisse, Satzungen und Vorschriften, die der Ewige, unser Gott, uns geboten hat?" Ihm sollst du entsprechend antworten: „Mit gewaltiger Hand hat uns der Ewige aus Aegypten, aus dem Hause der Sklaven, geführt." Wie fragt der Boscho: „was soll euch dieser Dienst, was soll euch diese Last, mit der ihr euch Jahr für Jahr abplagt?" Und so wie dieser sich selbst aus der Gemeinschaft ausschliesst, sollst du ihm entsprechend antworten: „Um deswillen hat der Ewige mir getan; für mich hat er getan, für jenen (!) aber hat er nicht getan; wäre jener (!) in Aegypten gewesen, so wäre er nicht wert gewesen, von dort je erlöst zu werden". Wie fragt der Einfältige: „was ist das?" Ihm sollst du das Brauchtum des Pessach lehren, dass man nämlich nicht hin- . gehe und aus einer Gemeinschaft in eine andere überlaufe". Dem, der nicht zu fragen Weiss, sollst du von dir aus den Sinn aufschliessen." Wahrlich, dem Weisen unserer Zeit wie jener alten Zeit müsste es einleuchten: restloses Aufgehen in die Umwelt war die ungeheure Gefahr, die dem Judentum, als einer kleinen Minorität innerhalb der Völker, von jeher drohte, und die in den Zeiten des Hellenismus, des entstehenden Christentums, der Marannen Spaniens, der Massentaufen in Europa, in Deutschland zumal, zahllose von der Gemeinschaft des Judentums losgerissen hat. Aber jedesmal, wenn dem Judentum diese Gefahr der Auflösung drohte, „hat die Vorsehung mit gewaltiger Hand uns herausgeführt aus Aegypten". Nicht nur mit gewaltiger Hand gegen Aegypten, sondern gegen Israel selber. Denn unsere Weisen erzählen, dass auch in Aegypten sich viele Israeliten in den drei Tagen der Finsternis heimlich zu den Aegyptern schlugen, sodaß der Ewige sie von dort herausführen mußte mit gewaltiger Hand, gegen ihren Willen, der sich der Erlösung widersetzte. Werden wir darum endlich, von dem Erleben dieser Jahre aufgerüttelt, die Antwort verstehen, die dem Weisen erteilt wird? Der Boscho, meist „Bösewicht" übersetzt, ist der Entwurzelte, der die Scheidung von der historischen Gemeinschaft des Judentums vollzogen hat. Er fragt: „was soll euch dieser Dienst". Mit diesem euch, mit dem er sich von Tradition und Gemeinschaft loslöst, „verleugnet er seine Wurzel". Er will das Judentum, auf Kosten seines Inhalts, in eine Allerweltsreligion auflösen. Alle heiligen Bindungen, die das Leben jedes Juden an die Geschichte, an die Tradition des Hauses und der Gemeinde knüpfen, sind ihm wertlos geworden. Das Judentum ist ihm eine Last, ein „Joch des Gesetzes", etwas, wofür er in seiner Losgelöstheit vom Volkstum Israels und seiner geistigen Anpassung an die Majorität der Umwelt kein Verständnis aufbringt. Bestloses Aufgehen in die Völker ist der geheime Wunsch seiner Seele. Damals geschah es, dass die Weisen Israels, um gegen die gänzliche Auflösung des Judentums einen Damm aufzurichten, um die Verschmelzung mit der herrschenden Umwelt zu verhindern, die zahllosen Zäune und Mauern errichteten, „die Zeugnisse und Satzungen und Vorschriften", die nicht aus hygienischen Gründen, nicht aus pharisäischer Frömmelei, sondern aus dem Selbsterhaltungstrieb des Judentums, aus dem Gefühl einer lebenerhaltenden Notwendigkeit geboren sind. So verstehen wir denn auch die bedeutsame Antwort, die dem Einfältigen gegeben wird und die meist übersetzt wird: „man beschliesst das Pessach nicht mit einem Nachtisch (Aphiko-

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