Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 4 (1.1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094439-3094443--5537-3100353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 3 ging. Im Unterricht war er manchesmal verträumt. Ein richtiger Schulmeister darf nicht so viel Gedanken haben wie Nobel sie hatte. Aber es lag ihm sehr am Herzen, dass wir etwas Ordentliches lernten. Mit unermüdlichem Eifer hämmerte er uns die hebräischen Verbalformen ein. Das Herz ging ihm auf, wenn er mit uns Psalmen las. Besonders hat er den 51. und 139. Psalm geliebt. Sieh' Dir einmal Psalm 51 Vers 12 an, das war einer der Lieblingsverse Nobels. Er Hess uns die Psalmen auswendig lernen, die er mit uns gelesen hatte, auch spanisch-jüdische Dichtung, vor allem die Zionide des Jehuda Halevi. . Nobel vereinte in seiner Persönlichkeit auf eine einzigartige Weise jüdische und abendländische Bildung. An dem Umgang mit Goethe'scher Dichtung entzündete sich seine sprachschöpferische Kraft immer von Neuem. Wir Obertertianer haben manches Goethezitat von ihm gehört und sein „Bilde Künstler, rede nicht" erwarteten wir immer dann, wenn wir viel Umschweife machten, statt das Wesentliche zu sagen. Die Grazie, mit der er solche Worte anwandte, habe ich noch deutlich in Erinnerung. Die Augenblicke, da eine lebhafte Freude an schelmisch heiterem Wesen in dem tiefernsten Mann hervortrat, waren nicht selten. In den Stunden froher Laune pflegte er die Jungen, deren Schwestern er in der höheren Mädchenschule unterrichtete, unvermittelt mit den Vornamen ihrer Schwestern anzureden. Gegen seine Schüler war er von einer Anhänglichkeit, die in ihrer ganzen Tiefe schwer zu schildern ist. Ich habe Dir schon erzählt, wie ich aus dem Felde unerwartet nach Frankfurt a. M. kam, am Sabbath seine Predigt hörte und nach dem Gottesdienst auf ihn zuging. Wie er da plötzlich die würdigen Herren, die sich mit ihm in eifrigem Gespräch befanden, stehen ließ und, laut meinen Namen rufend, mir entgegen ging — das ist mir unvergesslich und zeigt deutlich, wie er in seiner reinen Menschlichkeit über alle amtliche Würde sich hinwegzusetzen vermochte. Nach dem Krieg habe ich Nobel in Hamburg und Frankfurt wieder getroffen. Gegenwärtig ist mir vor allem eine Frankfurter Rosch haschana-Predigt von ihm, ich glaube, es war die letzte, die er gehalten hat. Er sprach von den jungen Menschen, die Gott nur erst gleichsam aus der Ferne schauen und den Weg zur rechten Gottesn ä h e noch nicht gefunden haben. Auf diese wandte er das Jeremiawort Kapitel 31, Vers 3 an: „Mit ewiger Liebe liebe ich Dich, darum ziehe ich Dich an mich in Hiüd". Seine Augen leuchteten, als er auf der Kanzel stand, seine Seele lebte ganz inj dem, was er sprach. Alt, in sich zusammen gefallen und wie erloschen sah er aus, als er wieder heruntergestiegen war. So gab er sozusagen sein Leben hin in seinem Wort. Dass nicht alle seine Zuhörer ihn verstanden, merkte er kaum, da er ja doch die Seelen im Augenblick der Predigt mit sich emportrug. Wenn ich sagen sollte, worin Nobels Leistung liegt, so würde ich mich etwa so ausdrücken: Nobel war ganz und gar von der Schönheit und Grösse des Judentums erfüllt und fühlte den Beruf in sich, anderen Menschen die Kenntnis und zwar eine echte und tiefe Kenntnis vom Judentum zu übermitteln. Darüber hinaus aber besaß er die Gabe, als ein Dichter, der keine Gedichte schreibt, wohl aber dichterische Worte formt, die Seelen der Menschen hinzureissen und sie für das Judentum zu gewinnen. Wenn Du mich aber fragst, warum ich Nobel so lieb gewonnen habe und warum seine Gestalt unvergänglich vor mir schwebt, dann würde ich sagen: ich habe niemals in meinem Leben einen geistig so bedeutenden Menschen kennen gelernt, der mit so kindlich schlichtem Herzen und mit so reinem, gütigem Auge den Menschen und def Welt gegenüberstand. Dein Henry Philipp. Das. Schriftwort Israel im Auszug von Max Dienemann In den Versen 17 — Ende des 13ten Kapitels und im 14ten Kapitel des zweiten Buches wird der Auszug der Kinder Israel aus Aegypten bis zum Durchzug durchs Meer geschildert. Man lese diese Verse nach. Einzelne von ihnen sind von besonderen Deutungen der Alten begleitet, sie seien hier wiedergegeben als Zeichen, wie jene den Bibeltext auszuspinnen und weiterzuführen verstanden. * Es heißt (13,17) „es war, als Pharao das Volk entließ". Dazu der Midrasch: „Dieses Wort ,,entlassen" hatte Pharao schon einmal im Mundo geführt, als er gesagt hatte (2M. 5,2) „Ich werde Israel nicht entlassen". Einmal schon hatte er selbst dann sagen müssen (8,24) „ich will euch entlassen". Und nun steht an der Spitze der Erzählung dieses selbe Wort „entlassen". Tn einem ähnlichen Trotz hatte Pharao einmal gesagt (5,2) „wer ist ER, dass ich auf seine Worte hören sollte?" Und dann hatte er selbst zugeben müssen (9,27) „ER ist der Bewährte"." Diese Gegenüberstellung und Inbeziehungsetzung der Verse tat kein Spiel mit Worten, dahinter birgt sich ein tief sittlicher Gedanke. Es soll damit gesagt werden, es gibt kein endgiltiges Nein oder Ja. Und wenn man sich vermisst, gegenüber einer berechtigten Forderung ein Nein zu sagen, so wird der eigene Mund das Ja sprechen müssen, und w^enn einer in aufbegehrendem Trotz Gott zu leugnen sieh unterfängt und seines Wortes spottet, so wird sein eigner Mund von Gottes Gerechtigkeit Zeugnis ablegen müssen. Das Ganze ist so eine Mahnung zur Bescheidenheit und Demut, will einen Wall aufwerfen gegen jeden geistigen Hochmut, gegen jedes Gefühl des Fertigseins. Der Eingang des Abschnitts ist das hebräische Wort wajehi es war. Aber mit jener Souveränität, die der alten Deutung eigen ist, liest sie, indem sie das Wort trennt und die Buchstaben voneinander löst waj hi „ein Wehe war es, ein Wehgeschrei erscholl, als Pharao Israel entließ". „Wer rief dieses Wehe aus? Pharao selbst." Und um das zu versinnbildlichen, wird folgendes Geschichtchen erzählt: „Rabbi Ismael sagte, das gleicht jener bekannten Geschichte. Ein Herr sagte zu seinem Diener, geh, und hole mir einen Fisch vom Markt. Er ging und brachte einen Fisch, aber der Fisch roch schon. Da sagte der Herr zu ihm, bei deinem Leben, entweder du isst das Verdorbene selbst, oder du willigst ein, hundert Stockschläge zu erhalten, oder du zahlst den Preis, den die Fische gekostet. Da sagte der Diener rasch, ich esse es auf, aber als er kaum begonnen hatte, stieg der Ekel in ihm hoch, und er konnte nicht mehr weiter essen und sagte, ich lasse mich doch lieber schlagen. Aber dann konnte er c! e Prü ad doch nicht aushalten und schrie, ich zahle lieber du© Geld. So hatte er die faulen Fische gegessen und seine Prügel erhalten und musste noch das Geld auch zahlen. (Wer denkt da nicht an die bekannte scherzhafte sprichwörtliche Redensart!) So sagte auch der Heilige, gelobt sei er, zu Pharao. Du. Bösewicht, bei deinem Leben, zehn Schläge wirst du erhalten, Geld wirst du einbüssen und schließlich wirst du Israel doch ziehen lassen müssen. Darum: „wehe war es, als Pharao Israel ziehen lassen musste"." Diese Deutung, die gewollt von ihrem Autor hergeholt ist, dem Wortlaut keineswegs entspricht und zu der die Bibehvorte nur die äussere Anlehnung bieten, will einen Gedanken vermitteln, nämlich den: es gibt so viele Menschen, die lieber jede Ehrenkränkung in Kauf nehmen, die sogar das Geschlagenwerden ertragen, wenn sie nur nicht ihren Geldbeutel zu öffnen brauchen. Geld geben zu müssen, ist in deren Augen das Allerschlimmste. Und an dem drastischen Beispiel sollen sie belehrt werden, daß diese Denkart dazu führt, daß man sowohl die Ehrenminderung erfährt als auch den Verlust des so heißgeliebten Geldes. Eine deutliche Mahnung und zugleich ein Spiegel! Es heißt (13,19) ,,Mosche nahm die Gebeine Josefs mit sich". Aber woher wusste Mosche, wo Josef zur letzten Ruhe gebettet