Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 4 (1.1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 Sofie Rossbach DamenhÜte Neueste Modelle für Winter und Sport Kai5ersif\25 D3EfiGRklGid6r Umarbeitungen nach denselb. billigst war? So wird erzählt: „Eine einzige alte Frau war noch am Leben aus jenem Geschlecht, Serach, die Tochter Aschers. Zu ihr ging Mosche und fragte sie: weisst du, wo Josef begraben liegt? Sie sagte, ich weiß, die Aegypter hatten ihn in einen metallenen Sarg gelegt und diesen tief im Nil versenkt (die einen sagen, damit der Nil ein gesegnetes Steigen habe und weithin das Land fruchtbar mache, die andern sagen, damit so die Wegführung verhütet werde und der Wohltäter auch im Tode im Lande bleibe): da ging Mosche und stellte sich ans Ufer des Nils und rief: Josef, Josef, die Stunde ist da, die der Heilige, geloht sei er, Israel verheissen hat, daß er es erlösen werde, und nun ist der Augenblick da zur Erfüllung des Schwures, mit dem du Israel, beschworen hast. Israel wartet, die Gegenwart Gottes wartet auf dich. Willst du dich selbst nun zeigen, gut, wenn nicht, so sind Avir frei von der Verpflichtung. Noch regte sich nichts. Da warf Mosche den unaussprechbaren Namen Gottes ins Wasser und schon schwamm der Sarg herauf." Was will mit dieser Legende gesagt werden? Sie unterstreicht nicht nur die Treue, die Mosche bewährte, sie will mit einem gewissen Nachdruck darauf hinweisen, daß man die Erfüllung eines Versprechens sich nicht leicht machen darf. Manche neigen dazu, eine Schwierigkeit, die sich in den Weg stellt, zu übersteigern und sich der Pflicht entbürdet zu halten, neigen dazu, eine Weigerung, die ihnen entgegentritt, gleich ernst zu nehmen und ihr Gewissen mit ihr zu beruhigen. Und Mosche soll hier als Beispiel dafür gelten, wie man immer und immer wieder es versuchen muß, übernommener Verpflichtung gerecht zu werden, und daß man in der Ueberwindung der Hemmnisse beharrlich sein muß. Es heisst im gleichen Vers „ER ging vor ihnen her". Der Midrasch wirft hier die Frage auf: „Wie kann man so etwas sagen? Heißt es nicht (Jirmej. 23,24) von Gott „bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?" und (Jesehaj. 6,3) „voll ist die ganze Erde seiner herrliehen Gegenwart", da soll Gott vor Israel hergehen?" Die Antwort gibt Rabbi Jehuda hannassi mit folgender Legende: „Wenn Kaiser Antoninus auf seinem Sitz im Forum Gericht hielt, kam es gelegentlich vor, daß die Nacht ihn überraschte und seine Söhne mit ihm. Ging er dann heim, so nahm e r die Fackel und leuchtete mit ihr seinen Söhnen, indem er ihnen voranging. Da kamen die Grossen und sagten zu ihm, lass uns die Fackel nehmen und deinen Söhnen leuchten. Nein, sagte er, ich nehme die Fackel, und ich leuchte meinen Söhnen voran auf dem Wege, um euch zu zeigen, wie lieb ich sie habe und dass ihr ihnen Ehre erweiset. So tat auch der Heilige, gelobt sei er, kund, wie lieb ihm Israel ist, damit man in Würde mit ihm umgehe. Aber, fügte er dann bitter hinzu, nicht nur, dass man mit ihm nicht in Würde umging, man hat es mit ausgesuchten Martern getötet" Lassen wir dahingestellt sein, ob das, was vom Kaiser Antoninus erzählt wird, wörtlich der Wirklichkeit entspricht: was ist der Sinn des Ganzen? Zunächst wird wieder einmal darauf hingewiesen, daß zum Wesen des religiösen Bewußtseins jene Spannung gehört, daß man Gott zugleich als den Weltweiten, über alles Irdische Erhabenen, alles Irdische Tragenden empfindet und zugleich als den jedem Menschen Nahen und mit jedem Menschenleben unmittelbar Verbundenen; daß nur aus jener Spannung die rechte Mischung von Ehrfurcht und Vertrautheit geboren wird. Dann aber soll gelehrt werden, daß niemand sich als so gross vorkommen darf, daß er sich nicht zu Dienst verpflichtet fühlen sollte, daß wahrhafte Würde nicht darin besteht, daß man irgend eine Leistung als seiner unwürdig bezeichnet. Darum gewinnt man aus diesem Vers auch den Lehrsatz: wenn der Lehrer auf seine Würde verzichtet, so gilt dieser Verzicht. Daß dann das Ganze ausklingt in der Klage über den Abstand zwischen dem Schicksal des aus Aegypten befreiten Israel und Erlebnissen seiner späteren Geschichte, entspricht der gesamten Denk- und Redeweise des Midrasch. Von den Israeliten, die vor dem Meere standen und in ihrem Rücken die andrängende Heeresmacht der Aegypter spürten, handelt die folgende Bemerkung: „In vier Gruppen spaltete sich das Israel, das vor dem Meere stand; die eine sagte: lasst uns uns ins Meer stürzen. Die andere schrie: wir wollen zurück nach Aegypten. Wieder eine andere sagte: wir wollen kämpfen; und die letzte sagte: wir wollen schreien gegen die Dränger." So der Midrasch. An ihm ist nicht nur die Tatsache wichtig, daß wir alle diese Gruppen in den verschiedenen Geschichtssituationen wiederfinden, die einen, die verzweifelnd sich aufgeben, die anderen, die lieber in jede Unfreiheit zurückwollen, um nur ihre Ruhe und ihr Essen zu haben, diejenigen, die ernsthaft kämpfen wollen, und diejenigen, die über einen lauten Protest nicht hinauskommen. Sondern wichtig ist der Hinweis, dass selbst die mörderischste Gefahr das alte Israel nicht einig fand. Es heisst (14,14) „ER wird für euch kämpfen, ihr aber sollt schweigen". Das ist ein Vers, dessen Inhalt in doppelter Weise verstanden werden kann. Er kann in demütig-frommer Weise verstanden werden, als ewiger Ausdruck der Ohnmacht aller Menschen, und dass alle wahre Hilfe nur von Gott kommen kann. So" heisst es denn auch mit Nachdruck in Anlehnung an die grammatische Form des Futurs „Gott wird für euch kämpfen" anstatt der hier angebrachten Gegenwartsform „Gott kämpft", nicht nur in dieser Stunde, sondern in alle Ewigkeit, zugleich also tröstend und aiifrichtend. Man kann aber auch in die-cni Wort einen Tadel, eine herbe Zurückweisung erblicken. So als ob gesagt werden sollte: Ihr Zweifelnden, Verzagten, die ihr die Grösse des Geschehens nicht zu erkennen vermöget, die ihr die Knechtschaft der Gefahr vorzieht, ihr könnt garnicht kämpfen, ihr seid dessen nicht fähig, und es ist besser, ihr schweiget und öffnet euren Mund nicht, denn euer Reden ist verkehrt. Es heißt (14,15) „ER sprach zu Mosche, was schreist du zu mir! rede zu den Kindern Israel, daß sie aufbrechen". Die alte Deutung findet, daß in diesem Satz ausgesprochen ist, was nicljt mit ausdrücklichen Worten erzählt ist, nämlich daß Mosche in dieser Stunde in flehentlichem Gebet vor Gott stand. Und sie findet zugleich darin eine Mahnung an Mosche, sich nicht in der Länge des Gebets zu verlieren. „Rabbi Jehoschua sagte, der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Mosche, meine Kinder sind in höchster Not, das Meer versperrt ihnen den Weg, der Feind drängt nach, und du stehst da und betest so lang, was schreist du jeizt zu mir, es ist eine Zeit, da man sich in Ausführlichkeit bewegen darf, es ist eine Zeit, da man kurz sein muss, jetzt lieisst's kurz sein und handeln." Welch eine Weisheit spricht aus diesen Worten! Welches Verständnis für ein rechtes Ineinander von demütigem Sich fügen in Gott und kraftvollem eigenem Tun, von Wissen um des Menschen Abhängigkeit und seiner Selbständigkeit, seinem Geschaffensein und Schöpfersein! Es heißt (14,21) „ER führte her das Meer durch einen starken Oststurm". Dazu wird die Bemerkung gemacht, dass Gott immer sein Strafgericht vollzieht mit der Gewalt des Ostwindes. Mit einer Reihe von Bibelstellen wird es belegt bis hin zum Gericht der letzten Tage, immer ist's der Oststurm, der Gottes Gericht begleitet, „Mit dem Winde, der der stärkste ist unter den Winden, das ist der Wind vom Osten." Man muss in Erez Israel den Glut- und Sandsturm eines Chamssin miterlebt haben, wenn die Sonne durch die Sandwolken hindurch wie die blasse Scheibe des Mondes schwach nur schimmert, alles in Dunkel getaucht ist, der Sand in rasender Eile durch die Lüfte wirbelt, die Pflanze' verdorrt, alles Lebende zu ersticken meint, das Gemüt umdüstert ist, um die Lebenswahrheit dieser Deutung mitzuempfinden.