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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-01-01 · 4 (1.1937) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
4 (1.1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 heit ist dem Aestbetischen zugehörig, Adel vorwiegend dem Ethischen. Aber bei unserem Meister erfüllen sie alle Gebiete. Vielleicht weisen Schönheit und Adel in ihrer unauflösbaren Paarung am meisten auf die religiöse Sphäre. In ihr war seine Heimat, ihr brachte er seine Errungenschaften dar, die Frucht seiner Exkursionen in die Gefilde der Schönheit und der Forschung. Immer kehrte er zurück dorthin, wo das Herz der Menschheit sehlägt: nie wurde er seiner Aufgabe fremd, Gottsucher zu sein. Nicht als Titan, nie prometheisch, rang er. Er war ein Jacob, der zum Israel ohne grosse Gewalt wird. Uns und Vielen bahnte er den Weg durch die Innigkeit seines Kämpi'ens. Dass er den Schauplatz in die Tiefe seiner Seele verlegte, dass er dort adlig und mit den Waffen der Schönheit rang, selbst harmonisch, Harmonie und edlen Ausgleich, Kosmos anstelle des Chaos, suchte, erstrebte, mehrte, ist das Beisj>ielhafte seines Lebens. Nicht die Lösungen, die er gab, führten ihm Jünger zu und sicherten ihm Gefolgschaft und Nachfolge; es gibt ja keine gülligen und endgültigen Lösungen für viele der entscheidendsten Fragen, und Nobel lag nichts ferner als gewaltsame und diktatorische Dezisionen. Uns fesselte die religiöse, kultivierte und künstlerische Haltung des Mannes angesichts all der strittigen Dinge. Uns näherte sein auf reichem Wissen fußender Standort, uns überzeugte seine ungebrochene, nie erstarrte, immer in Bewegung befindliche Linie. Selten sahen wir, besonders im Westen, einen Mann, dem die Welt des T'nach so nah und vertraut war, selten einen Babbiner, der, wie er, auch im Gebet schöpferisch, in der Predigt von ganz neuartigen Impulsen getragen war. Ihm glaubten wir seinen Glauben. In ihm war, sichtbarer als in vielen anderen, das Einssein von mündlicher und schriftlicher Lehre verdeutlicht. All das, was sonst den Riss in der inneren und äusseren Welt anzeigt, all der Zwiespalt und grausame Gegensatz von Streit und Frieden, Strenge und Milde, Nüchternheit und Dichtung, Endlichkeit und Ewigkeit, Halaeha und Agada, Gesetz und Philosophie — bei ihm sah man die Möglichkeit des Beieinander, ohne uns mit Gott zu entzweien, weil wir die Ueberwindung des negativen Prinzips, die Macht des Guten mehr als zuvor ahnten und erfassten. Der Satz ntaPübri DiP1J7SDlSüD,,3ta!l2D,!23n erhielt einen neuen Sinn: nicht wird lediglich der Friede durch unsere Weisen gemehrt, die Verständigung zwischen den Menschen, sondern die Harmonie in der Welt. Die Welt und ihre Ordnung werden reicher, die Schöpfung nähert sich ihrer Bestimmung durch Leben und Wirken des weisen Frommen. Dichtend und sinnend kann der Fromme die Not der Welt mildern. Und noch dieses Letzte: es hat uns im tiefsten ergriffen und angezogen, daß es eine persönliche Kultur gibt, die, ohne eklektisch zu sein, alles einschließt, was die klassischen und modernen Elemente unserer jüdischen Geistesgeschichte bildet, aber auch genährt ist vom Geiste der besten Menschheitskultur, von den Griechen bis auf Kant und Goethe. Getragen wurde bei Nobel dieser mächtige Bau von den soliden Fundamenten der spezifischen jüdischen Frömmigkeit. Diese erst schuf die Einheit seines Wesens und Wirkens, diese sicherte seinem Weg die Gangbarkeit, und diese gewann ihm die Liebe und Treue seiner Gemeinde, örtlich und ohne lokale Bindung, in seiner Zeit und weit über sie hinaus. *) Ich möchte bei dieser Gelegenheit aussprechen, was in einer Besprechung meines Nobelbuches einmal als Bitte und Erwartung an mich gerichtet wurde: Es wäre eine Ehrenpflicht, alle Publikationen Nobels, alles Handschriftliche und ev. Briefe zu sammeln und in einem Bande herauszugeben. N. A. Nobels Beziehung zu seinen Schülern von Carl Weil, Frankfurt a. M. Am 24. Teweth jährt es sich zum 15. Mal, daß Rabbiner Dr. N. A. Nobel seine reine Seele aushauchte. Der 24. Teweth ist ohnehin für die Frankfurter Judenheit ein Tag, von historischer Bedeutung: an diesem Tag des Jahres 5471 (14. Januar 171J) entstand in der Frankfurter Judengasse ein Brand, dem zwei Synagogen, viele Häuser und kostbare Gegenstände zum Opfer Helen. Noch heute werden an diesem Tag zum Andenken an das traurige Ereignis in der Synagoge am Dominikanerplatz Selichaus gebetet. Der Gottesdienst wird dabei dem der übrigen Fasttage angepasst. Als die Besucher des Gotteshauses am 24. Teweth 5682 (1922) zum Morgengottesdienst kamen, erschütterte sie die Nachricht vom Tode-ihres Rabbiners. Die Schüler des Verewigten standen an seiner Bahre Wache, bis die irdischen Eeste dem Erdboden übergeben waren. Was Nobel für seine Gemeinde gewesen ist, ist häufig geschildert worden. In diesen Zeilen soll nur von einem Schüler Nobels der starken Wirkung seiner Persönlichkeit und seiner Lehrtätigkeit auf seine Umgebung, insbesondere auf seine Schüler kurz gedacht werden. Nobel hatte, um den talmudischen Ausdruck zu gebrauchen, einen besonderen .„Derech Halimud", eine besondere Art des Lehrens. Es lag ihm z. B. weniger, mit seinen Schülern systhematisch eine Gernoroh von Anfang bis zu Ende mit Bäschi und .sonstigen Erklärungen durehzulernen. Er betrachtete es vielmehr als seine Aufgabe, mit seinen Schülern die wichtigsten Probleme zu erörtern und diejenigen Abschnitte des Talmud in seinen Schiurim vorzunehmen, die von grundlegender Bedeutung waren oder aktuelle Probleme behandelten. Manchmal begnügte er sich mit kurzen Hinweisen unter Bezeichnung der in Betracht kommenden Quellen, voraussetzend, dass sich seine Schüler auch außerhalb der Unterrichtsstunden mit den Problemen beschäftigten. Aktuelle Zeitfragen wurden jedoch eingehend behandelt. So darf z. B. daran erinnert werden, daß Nobel bei Errichtung des Erub alle seinerzeit angeführten Argumente gegen den Erub mic seinen Schülern behandelte und mit ihnen an Hand der Kommentare die aufgeworfenen Fragen bis ins letzte Detail beleuchtete* Der sabbatliche Schiur begann, .wie alle seine Schiurim und Vorträge, mit äußerster Pünktlichkeit. Anschließend daran wurde der Minehahgottesdienst abgehalten, denn er liebte es, dieses Gebet im intimen Kreis seiner Schüler zu verrichten. Wer in Nobels Auge geschaut hatte, war von seiner Persönlichkeit bezaubert. Er hatte die seltene Gabe, sich sofort die Herzen seiner Schüler zu erwerben und sich in ihr seelisches Erleben zu vertiefen. In liebevoll und freundschaftlicher Weise machte er sie auf ihre Fehler aufmerksam. So gelang es ihm auch, manchen für das überlieferte Judentum, speziell für die Heiligung des Sabbats, zu gewinnen. In den Zeiten der Not (Beschaath hadehak) suchte Nobel nach Wegen, die Ausübung der Gebote zu ermöglichen, indem er auf die besonderen Bestimmungen für die Notzeit hinwies. Seinen Schülern .-zeigte er die Stellen des Schrifttums, auf die er sich dabei stützte. Nobel suchte einen Ausgleich zwischen Thora, Wissenschaft und Philosophie. Er rang, nach äusserem und innerem Frieden, nach Harmonie der Seele, wie er das Wort SCHOLAUM übersetzte. Brief an eis Lieber junger Freund! Auf Deinen Wunsch will ich Dir gern aus meiner persönlichen Erinnerung an Nehemia Nobel Einiges erzählen. Menschen, die ihr Bestes in der persönlichen Wirkung auf andere Menschen und nicht in wissenschaftlichen oder künstlerischen Arbeiten gaben, lassen sich schwer einer anderen G-eneration in ihrer ganzen Lebendigkeit darstellen. Die flüchtigen- Bilder dieses Briefes?n Jungen mögen Dich anregen, das Wenige, das Nobel hinterlassen hat, vor allem seinen wunderbaren Sabbathaufsatz so zu lesen, als seien es nicht geschriebene Worte, sondern als spräche ein im Tiefsten ergriffener Mensch zu Dir. In der Schule hatte ich etwa ein Jahr von Nobel Unterricht, Ich sehe ihn noch vor-mir, wie er in tiefen Gedanken vor dem Lehrerzimmer der Hamburger jüdischen Bealschule auf und ah

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