Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 12 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 470 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEIND Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr.» September 1936 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die SchrifÜeitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Ver- _antwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. Unserer Jugend ins kommende Jahr! Wenn wir Euch zum neuen Jahre beglückwünschen, so mag es Leute geben, die zweiflerisch und müde dazu den Kopf schütteln. Sie zweifeln daran, ob dieses Jahr zum Glück sein kann. Diese Zweifler kennen Euch nicht und sie kennen die jüdische Kraft nicht. Auch Ihr wisst, wie es in der Welt für uns aussieht. Auch Ihr seht die Mauern, die wachsen, und die Riegel, die vorgelegt werden. Euch aber kann das nicht entmutigen, Euch muß und wird das noch stärker aufrufen. Was wir in: Wünschen Euch' zurufen, ist das, was Ihr in Forderungen Euch selbst zuruft. Fast nirgends könnt Ihr Hinterlassenes weiterführen. Fast nirgends könnt Ihr weiterbauen, wo frühere Geschlechter Euch vorgearbeitet haben. Das Neue ist Euch wirkliches Schicksal geworden. Ins neue Jahr, ins neue Leben tretet Ihr ohne Vorbelastung und Vorbehalte ein. Dar habt das Glück, nehmt es so: fangt anvonvorne! Dir seht Zusammenbrechen. Euch aber bricht damit nur Versuchtes zusammen, das neuen Versuchen Platz macht. Ucber den Trümmern seht Ihr die ungebrochene Kraft. Sie lebt noch, in Euren Armen spürt Dir sie. In Eurem neuen Arbeiten bezeugt Dir sie. Die Ackerfurche, die Ihr gezogen habt, ist Euer Starksein, das linder Erde eingegraben habt. Der Hammer singt das Lied Eures Wollen». Die neue Sprache, der Ihr lernend das Fremde nehmt, zeigt Euer Können, das sich die Welt erobern mag. Dir seht nicht ins Leere, voll steht vor Euch die Kraft in Euch: TrautEurer Kraft! Ihr wisst um den schweren Kampf, den das Judentum zu führen hat. Euch ist der Kampf nicht Offenbarung unserer Schwäche. Euch ist er, was er doch wirklich ist, neues Glied in der Jahrtausende alten Kette der Bewährung. Nun ist an Euch die Reihe, Euch zu bewähren. Ihr aber spürt auch wieder alten Mut und altes Wissen in Euch. Nah Eurem Ohr rauscht jener alte Quell von Heldentum des Juden in tagtäglich schwerem Ringen. Nah 'Eurem Auge ist der Traum vom Endsieg zäher, jüdischer irbeit. Nah Eurem Herzen ist der Glaube an die unbcgicifbarcn Bindungen des Judeseins. Euch ist das Judentum nicht schattenhafte Vergangenheit und aussichtslose Zukunft, sondern ein lebensvoller Bogen aus grosser Vergangenheit in erfolgreich gemeisterter Zukunft: Glaubtan das Judentum! Dir spürt, daß Aufgabe und Verantwortung zu schwer sind, um von jedem für sich getragen zu werden. Sind aber zwei Schultern zu wenig, sie zu tragen, so reiht Ihr aneinander und hintereinander das Kraftfeld Eurer jungen Schultern! Ihr steht und tragt und führet weiter, weil Ihr zusammen steht. Gemeinschaft ist Euch Wirklichkeit und erlebtes Glück geworden. Gemeinschaft hat mit ihrem Banne Euch umschlagen, Ihr wollt und könnt ihm nicht entweichen. Nicht alle können gleiche Wege gehen, nicht alle an der gleichen Stelle stehen und tragen; doch alle tragen an dem einen und über allen Wegen steht ein Ziel: Zukunft des Judentums. Der Ort, an dem Ihr schafft, macht Euch nicht schlecht, schafft Hir nur für das Judentum. Der nur ist schlecht, der sich uns versagt: Tretet zusammen zum Tragen und Schaffen! Wisset, wir, die wir Euch das zurufen, schauen auf Euch mit Hoffnung und mit Stolz. So haben wir im Jahr, das nun beendet, für Euch und mit Euch zu arbeiten versucht. So wollen wir im Jahr, das jetzt kommt, weiter für Euch und mit Euch wirken. Glück kann man nicht erkämpfen, doch wohl das Anrecht darauf,- daß einem das Glück helfe. Sichert Euch das Anrecht mit Eurer Hand, der jungen, starken, unbefleckten! Im Namen der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Rabbiner Dr. Lemle Von Frankfurt durch die Wetterau und das Lahntal (Fortsetzung) von S. Lilienthal. Wiesbaden Friedberg in Hessen Oberhessische Kreisstadt mit 12000 Einwohnern, neben der auf einem alten Römerkastell von den Hohenstaufen angelegten Reichsburg Friedberg schon 1219 urkundlich genannt. Während die Burg von Anfang an eine AdelsrepuMik bildete, wird die Stadt schon 1226 mit Mainz, Bingen, Worms, Speyer, Frankfurt und Gelnhausen Mitglied des Rheinischen Städtebundes - 1254 vereinigt sie sich mit Mainz, Köln, Worms, Speyer, Strassburg, Basel und mit den Bischöfen der rheinischen Landschaft sowie mit vielen Grafen und Herren zu dem berühmten Rheinischen Bund, der ausdrücklieh auch Laien und Juden durch einen 10jährigen Landfrieden schützt. 1254 wird Friedberg Freie Reichsstadt und 1265 Mitglied des grossen Rheinischen Städte- und Herrenbundes, der die Juden ausdrücklich in seinen „Landfrieden" einbezog. In stetem Streit mit der Burg erwächst Friedberg zu Macht, Blüte und gewaltigem Reichtum, wird aber 1347 von Karl IV. verpfändet. Der Niedergang setzt nun allmählich ein, beschleunigt durch den fortdauernden Streit mit der Burg, grosse Brände, Zusammenbruch des Städtebundes, immer stärkere Vormachtstellung des Frankfurter Handels und der Frankfurter Messen. Totzdem entwickelt Friedberg reiches wissenschaftliches und künstlerisches Leben bis auf den heutigen Tag; wodurch freilich die hier besonders zahlreichen Hexenprozesse — allein 12 von 1574 bis 1666, also nach der Reformation — nicht verhindert werden. Seit 1535 gehört Friedberg der Burg, die allmählich alle Pfandrechte gegenüber der Stadt an sich gebracht hat, bis es 1802 an Hessen-Darmstadt fällt und 1843 mit der Burg zu einem Gemeinwesen vereinigt wird. Jetzt wieder langsamer Aufstieg, der erst nach dem Weltkrieg schnelleres Tempo angenommen hat. Die Geschichte der Judengemeinde ist leider noch nicht geschrieben. Sie ist der Geschichte Friedbergs würdig, für lange Zeitläufe der grossen Geschichte der Frankfurter Gemeinde ebenbürtig und fast immer eng mit ihr verknüpft. Selbstverständlich, wenn auch nicht dokumentarisch nachweisbar, erhält die Stadt bei ihrer Gründung oder Stadtwerdung das Recht, „Juden zu halten'VDaraus erklärt sich, dass die Stadt später, als die Juden schon längst, der Burg unterstanden, mehrfach zu ihren Gunsten einschritt, wenn sie von der Burg über Gebühr bedrückt wurden. Auch die Lage des Ghettos zwischen Burg und Stadt, noch heute deutlich erkennbar, deutet darauf hin. Bereits in der ersten Hälf-