Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 11 (8.1936)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 407 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 407 ich verzehnfache das Deinige, das ist ein Hinweis-für die Kaufleute und die, die überseeischen Handel treiben, daß sie einen Zehnten absondern sollen für die, die um die Thora sich, mühen." Es heisst am Schluss des Abschnittes, der mit dem Gebot des Zehnten beginnt (5. B. M. 15,25) „kommen soll der Lewit, denn er hat nicht Anteil und Erbe mit dir, der Gastsass, die Waise und die Witwe, die in deinen Toren leben, sie sollen essen und satt werden". „Dazu sagte Eabbi Lulianus aus Eom: der Heilige, gelobt sei er, spricht, du hast vier Hausgenossen, den Sohn, die Tochter, den Knecht, die Magd, ich habe auch vier Hausgenossen, den Lewit, den Gastsass, die Waise, die Witwe, sie sind alle in einem Vers vereinigt (5. B. M. 17,14) „freue dich an deinem Fest, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Lewit, der Gastsass, die Waise, die Witwe, die in deinen Toren leben". Der Heilige, gelobt sei er, spricht, ich habe dir befohlen, daß du erfreuen sollst die, die zu dir gehören, und die, die mein sind, wenn du also tun wirst, dann werde ich auch erfreuen die, die zu dir gehören, und die, die dein sind." Alles klingt aus in dem massgeblichen Hinweis auf die Fürsorge für alle Hilfsbedürftigen, daß man für sie sorge wie für die eigenen Hausgenossen. Indem man sie alle vereint, begründet man die Gleichheit vor Gott. An die Gemeindemitglieder! Auf die am 15. Mai und 10. Juni fällig gewesenen Kuitussteuervorauszahlungen pro 1936/37 wird hierdurch nochmals hingewiesen. Wer die Vorauszahlung noch nicht geleistet hat, möge dies bei Meidung von \ Kosten und1 Weiterungen sofort tun. [(Postscheckkonto No. 800 Frankfurt a. M., Steuerkasse der Israelitischen Gemeinde.) Wir verweisen im übrigen auf die diesbezgl. Bekanntmachung des Steueramtes in der vorliegenden Nummer. Frankfurt a. M., den 20. Juli 1936 VORSTAND DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE Hollekreisch *) von Max Grunwald Mit „Hollekreisch" oder „Haulegrasch" bezeichnet man den bei den Juden Süddeutschlands, Hollands und des Elsaß heimischen Brauch, dem Neugeborenen, in der Eegel den Mädchen, daheim den profanen Namen zu geben, während den rituellen die Knaben bei der Aufnahme in den Abrahamsbund, die Mädchen beim ersten Synagogenbesuch der Wöchnerin erhalten. Diesen profanen Namen bezeichnete man einst als „Wiegennamen" (schem ha-arisa). Er wurde nämlich und wird noch heute in einigen Gemeinden Südfrankreichs dem Kinde erteilt, wenn es — auch dies nach dem ersten Ausgang der Wöchnerin — mit einer gewissen Zeremonie von der Patin in die Wiege gelegt wird. Dieser sonst ausser Uebung gekommene Brauch wird in den genannten Gegenden mit folgendem Zusatz noch heute beobachtet: Kinder aus dem Bekanntenkreise heben die Wiege oder das Bettchen mit dem Kleinen in die Höhe und rufen: „Hollekreisch, wie soll-das Kindchen (oder Boppeie, d. i. Püppchen) heissen?" Hierauf wird dem Kinde der Name gegeben und die Gästeschar bewirtet. Wir sehen hier von anderen Einzelheiten der Feier ab und fragen nur nach dem Ursprung dieses Zusatzes, von dem der ganze Brauch den Namen „Hollekreisch" erhalten hat. In dem Aufheben der Wiege klingt die römische und germanische Kechts-. handlung nach, das Neugeborene durch Aufheben vom Boden in den väterlichen Schutz aufzunehmen. Beschenken bei der Namengebung war gleichfalls germanische Sitte. Deutsch ist auch die Bezeichnung „Hollekreisch", aus der die französischen Juden ein „ä haut la creche" gemacht haben. Sie entspricht dem englischen ,,to cry the mare", dem „Holrarufen", auch dem „Zetergeschrei" und bedeutet das „Verschreien" einer den Neugeborenen gefährlichen Unholdin, als die man richtig „Frau Holle" erkannt hat. Frau Holle war ursprünglich die „Holde", aus deren Brunnen die kleinen Kinder kommen. So heisst sie in Thüringen, Hessen, Franken, im Egerlande. In einem Teil von Tirol wird sie „Hulda", hier und da auch „Holda"* oder „Holke" genannt, während sie in Oberdeutschland und Oesterreich als Berchta, Perchtl, Bertha, „die weisse Frau", bekannt ist. Ihr Aufenthalt im Brunnen, führte dazu, ihr auch einen Zug beizulegen, der den Wassergeistern eigen ist, nämlich kleine Kinder zu rauben und statt ihref Wechselbälge zu unterschieben. Als nun mit der Einführung des Christentums die heidnischen Götter im Volksglauben zu bösen Geistern und die „Holden" mit Dämonen gleichbedeutend wurden, wurde Frau Holle — ob mit der Göttin Freya identisch oder nicht — eine ähnliche Rolle wie Wuotan zugeschrieben. Wie der wilde Jäger an der Spitze des „wütigen (Wuptans-) Heeres", so zieht sie. mit den Seelen der ungetauften Kinder umher, deren Schar sie durch Kinderraub zu vermehren trachtet. •) Mit freundL Erlaubnis der Schriftleitung des .Morgen* " Nach dem Glauben der Christen schützte man die Kleinen gegen sie durch die Taufe, auf die dann noch ein „Hollekreisch" gefolgt zu sein scheint, das aber nicht mehr nachzuweisen ist. Nur bei den Juden jener drei Gegenden wird noch heute im Anschluss an die öffentliche Namengebung mit der häuslichen Feier das „Hollekreisch" verbunden. Wenigstens ist die Uebernahme des Hollekreisch, dieses Zusatzes zu einer alten jüdischen Sitte, aus deutschen Kreisen wahrscheinlich. Die Bezeichnung „Hollekreisch" ist gewiss diesen Ursprungs. Auf eine Beziehung der Frau Holle zur wilden Jagd weist nicht nur das „Holla"-Rufen des wilden Jägers hin, sondern auch die bayrische Sage, nach der er seine Geliebte Lilli, offenbar auch eine Unholdin, vor sich im Sattel sitzen hat, und man sich durch den Zuruf „Lilli" vor ihm schützen kann. Klingt schon dieses Wort an den Namen ,.Lilith" an, der als Fremdkörper durch diese Volksetymologie „Lilli" amalgamiert wurde, so erinnert man sich auch, daß nach der deutschen Sage die „Hollenleute", wie nach der Agada die „Schedim" (Dämonen), unechte Kinder Adams sind, die er verheimlichen wollte, weshalb sie für die Menschen meist unsichtbar bleiben. Ihre Mutter war nach dem Midrasch Adams erste Frau Lilith. In deutschen Volksbüchern ist „Lillis" des Teufels Mutter. Diese Gestalt ist somit aus dem jüdischen Volksglauben in den deutsehen eingedrungen. Daß sie aber als Lilli, wie wir sahen, die Rolle der Frau Holle übernommen hat und, obwohl vermutlich gleichfalls ursprünglich Kinder bringerin, als kinder feindlicher Dämon gefürchtet und als solcher noch heute in manchen Gegenden auf den sogenannten „Kindbettzetteln" beschworen wird, ist keineswegs aus ihrem Namen zu erklären, der sich in der Bibel nur einmal, und zwar< Jesaja 34,14 findet. Hingegen leiten es die Agada und eine Legende der palästinensischen Araber aus ihrem Verhältnis zu Adam her. Hiernach verstiess Gott sie, als sie Adam den Gehorsam verweigerte. Sie scheidet voll Hass gegen Adam und sein Geschlecht, ja tötet sogar, wie Medea, ihre eigenen Kinder. In diesem Hass gegen alle Adamskinder bedroht sie die Wöchnerin und ihr Kind. Doch treten ihr in Amuletten drei Engel entgegen: Snwj, Snsnwj, Smnglf. In Snsnwj hat man den Kirchenheiligen Sisinnios erkannt, der sich in ähnlichen Amuletten in rumänischer und anderen Sprachen findet und in dem wir den dämonenbekämpfenden persischen Messias Saoschyant erkennen dürfen. Sisinnios wird in griechischen Beschwörungen unserer Kategorie von einem „Synidor" begleitet^ der wohl aus Alexander (Sander), dem Bekämpfer der Amazonen, und weiter in unserem Amulett zu Snwj verstümmelt ist. Smnglf, das uns nur in den jüdischen Varianten