Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 11 (8.1936)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 406 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Job 3× ep/1005326
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Seite 406 viel habe ich als Zehnten abgeführt, ich fand von dem Ertrag des Feldes meinen Lebtag mein Auskommen und konnte mein Haus ernähren". Im ersten Jahre hatte der Sohn einen Ertrag von tausend Mass und gab seine hundert als Zehnten, aber im nächsten Jahr kam über ihn ein Geist der Enge und der Missgunst, und er führte zehn Mass weniger ab; da brachte im übernächsten Jahr das Feld um hundert Mass weniger; darauf gab er wieder um zehn Mass weniger, entsprechend brachte das Feld weniger, so Jahr um Jahr, bis das Feld nur soviel brachte, als ursprünglich vom Zehnten gegeben ward. Als seine Verwandten das sahen, zogen sie sich Festgewand an und besuchten ihn. Er sagte: „kommt ihr, euch über mich freuen, der in solcher Bedrängnis ist?" Sie antworteten: „Gott behüte, wir kommen uns mit dir zu freuen; einst warst du der Eigner, und der Heilige, gelobt sei er, war der Priester, jetzt ist der Heilige, gelobt sei er, nur der Eigner, du aber bist zum Priester aufgerückt". Was ist das Eigentümliche an dieser Aggada? Zunächst die Form. Man kann sie geradezu als witzig oder ironisch ansprechen. Aus der Tatsache, daß der Ertrag des Feldes von tausend Mass auf hundert gesunken ist, wird die Berechtigung hergeleitet, den Besitzer sozusagen in die levitische Würde zu erheben, die in diesem Augenblick in seltsamem Widerspruch zu seinen wirklichen Lebensumständen steht. Es ist eine Kontrastwirkung, die hier bewusst erzielt wird. Sachlich bedeutet die Aggada eine Unterstreichung des Gedankens, daß der Geiz nicht zum Reichtum, sondern gerade zur Armut führt. Und das Wichtigste ist die hier vorgenommene Beseelung des Landes. Der Äcker wird zur lebendigen Persönlichkeit, die zunTRichter über den wird, der an seinem Ertrag geizig Gott kürzt. -Ein "anderer bringt den Bibelvers in Verbindung mit dem Spruch aus den Sprüchen Salomos 3,9: „Ehre IHN mit deinem Vermögen, mit den Erstlingen deines Ertrages" und diese Pflicht wird über den engen Wortlaut des Bibelsatzes hinaus erweitert. „Wenn du z. B. schön bist, brich nicht aus in unsittlichen Wandel, daß die Menschen nicht dann sagen: jener Mann da ist schön und hält sich von Unsittlichkeit nicht fern; das ist der Sinn des Satzes „ehre IHN mit deinem Vermögen". Oder wenn du eine schöne Stimme hast, tritt an das Vorbeterpult und bete das Schma vor, denn es heisst „ehre IHN mit deinem Vermögen, mit dem, womit er dich gnadenvoll begabt hat". Wieder ein anderer bringt die biblische Verordnung mit dem Ijob-Vers 31,38 in Verbindung: „wenn über mich meine Erde schreit, ihre Furchen allsamt weinen, wenn ich von ihrer Kraft gezehrt ohne Entgelt, wenn ich ihres Eigners Seele verhauchen Hess, dann soll statt des Weizens Dorn aufgehen". „Man sagte zu Ijob: du hast doch von ihr in Wahrheit nur vier Ellen, wenn du stirbst, und sagst von ihr meine Erde; ist sie dein Werk? Rabbi Chija rabba und Rabbi Schimon ben Chalafta ergänzen das jeder auf seine Weise. Rabbi Chija sagte, das ist einem zu vergleichen, der im Bazar ein Kleid verkaufen will, jemand geht vorüber, sieht es und sagt: es ist doch mein Kleid; da rief der Verkäufer: hüll dich doch drein, wenn es dir passt, dann ist es dein. So sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Ijob: Bin ich es nicht, von dem es heisst (Nechemja 23,24) „des Himmels und der Erde bin ich voll" und du sprichst von „meiner" Erde? Ist sie dein Werk? Rabbi Schimon ben Chalafta sagte, das ist einem zu vergleichen, der im Bazar eine Sklavin verkaufen will, jemand geht vorüber und sagt: das ist doch meine Sklavin; darauf der andere: schilt sie, wenn sie auf dich hört, so ist sie dein. So sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Ijob: Bin ich es nicht, von dem es heisst (Ps. 101.32) „er schaut auf die Erde und sie erbebt" und du nennst sie „meine" Erde? Ist sie dein Werk? Da sprach Ijob zu dem Heiligen, gelobt sei er: Herr der Welten, nicht also habe ich es gemeint, sondern in solchem Sinn sprach ich das Wort: wenn über mich meine Erde schreit, d. h. wenn ich den Zehnten nicht nach Gebühr abgeführt habe, wenn ihre Furchen allesamt weinen, d. h. wenn ich das Feld besät habe mit verbotener Mischung, wenn ich von ihrer Kraft gezehrt ohne Entgelt, d h. wenn ich den zweiten Zehnten nicht abgesondert habe, wenn ich ihres Eigners Seele verhauchen liess, d. h. wenn ich den Armenzehnten nicht gegeben habe (denn so heisst es (Spr. 3.27) „versage das Gute nicht seinem Eigner"), dann soll statt des Weizens Dorn aufgehen." Auch an dieser Aggada ist sowohl die Form als der Inhalt beachtlich. In der Form spiegelt sie die Eigenart der aggadischen Deutung wieder, entlegene Verse der Bibel in Beziehung zu einander zu bringen, Gott selbst in Rede und Gegenrede mit den Menschen zu. verbinden. Im Inhalt ist bemerkenswert die bewusste Richtung, eine Denkweise zu begründen, die die Erde, den Acker, nicht als dem Mensehen unterworfen, von ihm nach Belieben zu behandeln sein lässt, sondern die Erde als Gottes Schöpfung beseelt sein lässt, ihr ein Richteramt über den Gebrauch zuweist, den der Mensch von ihren Früchten macht. Und scheinbar nebenher, aber doch in bewusster Zuspitzung, wird der Arme als Herr und Eigentümer der ihm zustehenden Gabe bezeichnet, als einer, der einen berechtigten Anspruch hat. Er empfängt nicht Geschenk sondern das, worauf er durch Gottes Gebot ein Recht hat. Eine ganz seltsame Verknüpfung bindet die Aggada in Anlelmung an das Zehntengebot zwischen dem Verbot, das Junge in der Milch seiner Mutter zu kochen und anderen Inhalten des Bibelwortes. In dieser Verknüpfung verwebt sie eine Legende über die Erteilung der Thora an Israel mit hinein, die von einer besonderen Naivität ist und in dieser Naivität von der Eigenart der Aggada Zeugnis ablegt. „Dreimal heisst es in der Bibel „du sollst nicht kochen ein Böcklein in der Milch seiner Mutter", das eine -Mal um eben dieses Inhaltes willen, das andere Mal, um von der Thora zu erzählen, und das dritte Mal wegen der Beziehung zu dem Zehnten. Was bedeutet das: um von der Thora zu erzählen? Es heisst 2. B. M. 34,26 „du solllst nicht kochen ein Böcklein in der Milch seiner Mutter", und darauf folgt der Satz „E R sprach zu Mosche, schreib dir diese Worte auf, denn auf Grund dieser Worte habe ich mit dir einen Bund geschlossen und mit Israel". Welchen Zusammenhang haben diese Verse? Folgendes ist zu erzählen: Als Gott Israel die Thora geben wollte, widersetzten sich dem die Engel des Dienstes, sie sagten: was will dieser Weibgeborene unter uns? Das köstliche Gut, das 974 Geschlechter vor Erschaffung der Welt bei dir verwahrt ruhte, soll jetzt ein Mensch erhalten? „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst, der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?" (Pe. 29,18). Da antwortete ihnen der Heilige, gelobt sei er: ein kleines Kind in Israel erfüllt das Gebot besser als ihr. Wenn man ihm Fleisch und Milch vorsetzt, wird es die Milch nicht gemessen, ehe es seine Hände abgewaschen hat von dem Fleisch, das es ass. Ihr aber, als ihr zu Abraham gesandt wurdet, setzte er euch Fleisch und Milch vor, und ihr asset es zusammen, so heisst es (1. B. M. 18,8) „er nahm Rahm und Milch und das junge Rind, das er bereitet, er setzte es ihnen vor, und er stand bei ihnen unter dem Baum und sie assen". Da wussten die Engel nichts zu erwidern, und der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Mosche: so lange du den Schuh anhast, tritt auf den Dorn, d. h. nutze die Stunde, solange die Engel nichts zu erwidern wissen, schreib dir rasch alles auf, darum heisst es gleich nach dem Verbot „schreib dir diese Worte auf, denn auf Grund dieser Worte habe ich den Bund geschlossen". Was bedeutet das „wegen der Beziehung zu dem Zehnten?" Es heisst 5. B. M. 15,21 „du sollst nicht kochen u. s. w." und im nächsten Vers schon „Zehnten sollst, verzehnten du". Der Heilige, gelobt sei er, spricht, bringt mich nicht dazu, daß ich gleichsam das Böcklein in der Milch der Mutter koche; wenn ihr nämlich nicht den Zehnten nach Gebühr absendet, schicke ich einen Ostwind und er verbrennt das Korn in der Ähre." In diesem Zusammenhang liegt natürlich der Schwerpunkt auf dem, was zum Zehnten gesagt wird, denn das ist ja der Zweck, mit allen Mitteln der Ueberredung und der Drohung einen Willen, den Zehnten richtig zu geben, fest .zu begründen. Aber nicht ohne Absicht ist bei dieser Gelegenheit auch die Legende von der Thora eingefügt, denn durch sie ist sozusagen zwischen den Zeilen zu lesen, daß in der Grundidee der Speisegesetze ein Wesentliches der Thora gegeben ist. Sie werden hier geradezu mit ihr identifiziert und als ein Element der Bundesschliessung bezeichnet. Noch in anderer Richtung wird das Bibelwort ausgedeutet. „Es heisst „Zehnten sollst, verzehnten du"; dazu sagt Raw Aba: der Heilige, gelobt sei er, spricht, gib den Zehnten für mich und