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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-06-01 · 9 (6.1936) · p. Seite 330

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
9 (6.1936)
Date
1936-06-01
Page
Seite 330 (sequence 4)
Language
German
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Seite 330 Das Schriftwort Die Aeltesten von Max Dienemann Im 4. B. M. Kap. 11 wird erzählt, wie es zur Einsetzung der siebzig Ältesten, dem Vorbild des späteren Sanhedrin, kam. „Das Volk war des Manas überdrüssig und verlangte nach anderer Nahrung, sie vermißten das Fleisch und die Fische, die sie in Ägypten gegessen hatten, die Gurken und Melonen und allerhand sonstiges Gemüse. Sie murrten, diesmal aber verlor Mosehe die Geduld und er stöhnte auf zu Gott: ich kann nicht mehr allein dies ganze Volk tragen, zu schwer ist es für mich. Da gab ihm Gott den Auftrag, siebzig der Ältesten zu versammeln, und Gott würde von dem Geist, der auf Mosehe ruhte, abnehmen und auf sie legen. Als der Geist Gottes auf ihnen ruhte, kündeten sie, einmal und nicht mehr. Zwei aber waren, Eldad und Medad, die kündeten ohne Unterlass. Da wurde Jehoschua ärgerlich, er. sah darin eine Beeinträchtigung der Würde Mosches, der allein Künder sein sollte, er sprach zu Mosehe, mein Herr, wehre ihm. Mosehe aber antwortete ihm: war doch all SEIN Volk Künder." So, in gedrängter Kürze, was von den Ältesten erzählt wird. Zu diesem Bericht äussert sieh der Midrasch vielfältig. Er fasst die Einsetzung der Ältesten durchaus nicht als Zu Stimmung zu Mosches Begehr auf.' „Ein König hatte einen Garten, in ihn setzte er einen Wächter und setzte seinen Lohn fest. Nach einiger Zeit kam der Wächter und sagte, ich kann das, alles nicht allein tun, gib mir Gehilfen, die mit mir wachen- Der Köhig^antwortete, ich hatte dir den ganzen Garten zur Hut übergeben, und aller Lohn der Wacht sollte dein sein, jetzt verlangst du Genossen; gut, ich gebe sie dir, aber wisse, für ihren Lohn musst du aufkommen, aus dem was ich dir zugeteilt hatte. So sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Mosehe, in der Stunde, da er zu ihm sagte, ich kann allein diese Last nicht tragen: ich hatte dir Wissen und Kraft gegeben, meinen Kindern vorzustehen; ich wollte nicht andere, in dir allein sollte sich Kraft und Wissen mit solcher Grösse vereinen. Nun willst du andere, gut, aber wisse, nicht von m'i r empfangen sie ihre Kraft, sondern von deiner Kraft werden sie gespeist, so heisst es (4. M. 11,17) .,ich nehme ab, von dem Geist, der auf dir ist und lege ihn auf sie". Trotzdem — schliesst der Midrasch — wurde nichts an Mosches Kraft und Geist gemindert „Lassen wir den Hinweis auf den Lohn des Wächters, der nur um der Plastik der Darstellung, um der Verbindung, mit dem Leben willen gewählt ist, beiseite. Was ist der Sinn? Er ist klar und eindeutig. Der Midrasch will sagen, wer Leitung; hat, zu ihr berufen ist, muß die volle Verantwortung tragen wollen, er darf sie nicht mit einem anderen teilen wollen, er darf sich nicht von der gelegentliehen Missvergnügtheit, dem Widerspruch der Gemeinde verärgern lassen, e r ist berufen, e r muß es allein tragen und tragen wollen. Der Mut zur Verantwortung! Das ist der Sinn. Das Wort D^pt „die Alten" gibt Veranlassung, die Frage der Ehrung des Alters erneut ins Bewusstsein zu heben und näher zu bestimmen. „Kabbi Abba, der Priester, Sohn Bar Papas sagte: wenn ich eine Schar Mensehen erblickte, ging ich ihr beizeiten aus dem Wege und schlug einen anderen Pfad ein, um' sie nicht zu bemühen, daß sie mich nicht sehen und vor mir aufstehen mäßen. Als ich das vor Babbi Josef bar Sewida ausführte, sagte er mir, nein, du hast die Pflicht, an ihnen vorbeizugehen, sie sollen dich sehen und vor dir aufstehen, du stärkst sie damit in ihrer Gottesfurcht, in ihrem Willen, dem Gebot zu gehorchen, denn so heisst es (3. M. 19,32) „vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und ehren das Antlitz eines Alten"." Hier ist nicht etwa ein echter Widerspruch zweier sich widerstreitender Meinungen, es ist eher ein Unterschied des Temperaments. Beide haben recht, in beider Tun liegt Wertvolles. Der erste stellt die Bescheidenheit über alles, er will unter keinen Umständen von sich' ein Aufhebens machen, er will nicht den Verdacht erregen, er wolle gelten. Der andere meint, auch die Bescheidenheit habe ihre Grenzen, nämlich da, wo die Bescheidenheit dazu führt, daß man dadurch die Erziehung mindert, die jeder am anderen zu üben hat. Man soll fordern, damit der andere sich gewöhnt, das Gebot zu befolgen, man soll nicht für sich fordern, um der eigenen Geltung willen, aber man soll sich als Werkzeug, als Gelegenheit empfinden, andere zur praktischen Tat hinzuleiten. Was ist die Aufgabe der Ältesten? Sie sollen das Volk leiten. Der Midrasch gibt ihnen eine Stellung, die darüber hinausgeht. „Es heisst: versammle mir siebzig Männer; das ist's, was geschrieben steht (Arnos 9,6) „er baut im Himmel sein Hochgemach und auf Erdengründet er seinen Bund." Ein Gleichnis: ein Palast sei gebaut auf Schiffen; solange die Schiffe miteinander verbunden sind, steht der Palast fest auf ihnen, darum heisst es „er baut im Himmel sein Hochgemach und auf Erden gründet er seinen Bund"; wenn man so etwas aussprechen dürfte, sein Thron ist oben auf festem Grund, wenn Israel drunten einen Bund bildet, darum heisst es: er baut im Himmel sein Hochgemach, wann nämlich? wenn er seinen Bund auf Erden gegründet hat. Darum sagte der Heilige, gelebt sei er, zu Mosehe: versammle mir;!.siebzig Männer." Das will also besagen, und wir sind diesem Gedanken schon oft begegnet: auf der Arbeit der Ältesten, auf ihrer Fähigkeit, die Einheit Israels zu begründen, ruht zu einem guten Teil Gottes Majestät. Es ist der häufig wiederkehrende Gedanke, daß der Mensch mit seiner Tat verantwortlich ist für die Anerkennung Gottes in der Welt. Aelteste sollten bestellt werden. Gab es siei denn nicht längst? „Hatten sie denn nicht Älteste schon früher? Es hiess doch schon in Aegypten (2. M. 3,16) „geh und versammle die Aeltesten Israels". Diese Ältesten hier sind eben dieselben, die schon in Ägypten das Amt Versalien. Nämlich, als Pharao sprach (2. M. 1,10): „auf, überlisten wir es": und alsdann weiter (1,11) als „man über sie Zwangsmeister setzte", sammelte er ganz Israel und sprach zu ihm: ich bitte euch, tut mir heute einen Gefallen — das ist's, was geschrieben steht (1,13) „die Ägypter verfronten die Kinder Israel beferech, lies nicht beferech=mit Plackerei, sondern befe raeh mit zarter Lockrede — Pharao) nahm einen Korb und eine Kelle und tat so, als arbeitete er Ziegel. Alsbald gingen alle aus Israel in grossem Eifer und arbeiteten mit ihm diesen Tag mit aller Kraft, denn sie waren starke, kräftige Männer. Als es dunkel wurde, setzte er Vögte über sie, Hess sie die Ziegeln zählen, dann befahl er, soviel müsst ihr nun Tag um Tag erstellen. Er setzte die ägyptischen Vögte über israelitische Aufseher, und diese Aufseher wurden über das Volk gesetzt. Als es dann zu der Anordnung kam (2. M 5,7): ihr sollt dem Volk nicht mehr das Stroh reichen, kamen die Vögte und zählten die Ziegeln, stellte es sich heraus, dass die Zahl nicht erreicht war, so schlugen die Vögte die Aufseher (5,14) „es wurden die israelitischen Aufseher geschlagen, die man über sie gesetzt hatte"; sie wurden wegen der anderen aus dem Volke geschlagen, aber sie verrieten niemand, sie sagten, besser wir werden geschlagen und es kommt niemand vom Volk zu Schaden. Als nun der Heilige, gelobt sei er, zu Mosehe sprach, versammle mir siebzig Männer, sprach Mosehe vor dem Heiligen, gelobt sei er: mein Herr, ich weiss aber nicht, wer würdig ist und wer nicht. Da antwortete ihm Gott (4. M. 11,16) „die du kennst als die Aeltesten des Volkes und seine Aufseher", jene Aeltesten und Aufseher, die sich selbst hingegeben hatten, für das Volk geschlagen zu werden um der fehlenden Zahl der Ziegel willen, sie sollen nun Anteil haben an dieser neuen Würde, darum der Nachsatz „die du kennst als die Aeltesten des Volkes und seine Aufseher" nämlich als die „Aufseher, die geschlagen wurden". Und weil sie sich geopfert und für die Gesamtheit Schläge erduldet hatten, darum wurden sie jetzt gewürdigt „dass sie mit Mosehe die Last des Volkes tragen sollten". Hier sieht man, daß der Heilige, gelobt sei er, sie sogar Mosehe gleichstellte. Man lernt daraus, dass, wer sich selbst für Israel hingibt, gewürdigt wird der Ehre, der Grösse und daß der Heilige Geist auf ihm ruht." Man braucht dieser Darstellung kaum etwas hinzuzufügen, sie spricht für sich selbst: Nur der, der imstande ist, für die Gemeinschaft Leid und Schwierigkeiten zu tragen und den eignen Leib hinzuhalten und niemand in der Stunde der Gefahr preisgibt, der nicht nur die Ehre, sondern auch die Last

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