Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 9 (6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. .Bezugspreis für Gemeindemitglieder vierteljährlich 45 Kpfg. (einschl. Zustellungs- und Erhebungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Kpfg. — Jahresbezug für Nichtmitglieder der Gemeinde RM. 3.- zuzüglich Porto. — Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: SammelnummerH. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. — Anzeigenverwaltung: M. Isaac & Co., Reineckstr. 17/19, Telefon: 24888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluss für die nächste Nummer: 25. Juni 1936 — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 14. Jahrgang Frankfurt a. M., Juni 1936 Nr. 9 Justizrat Dr. Julius Blau zum 75. Geburtstag am 31. Mai 1936 Als am 31. Mai 1931 der Vorsitzende des Vorstands unserer Gemeinde das Fest seines siebzigsten Geburtstages begehen konnte, sind an dieser Stelle die unvergänglichen Verdienste des Jubilars um die Gemeinde und um die ganze Judenheit zur Darstellung gekommen und -den Wünschen Worte verliehen worden, die alle Kreise unserer Gemeinde für ihren hochverehrten Leiter hegten. Wenn in wenigen Tagen Justizrat Dr. Blau seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag begeht, müssen ihn unsere Wünsche und Grüße wiederum fern von Frankfurt erreichen, in einer Zurückgezogenheit, die er sich gewählt hat, um seinen Geburtstag im engsten Kreise seiner Familie zu verbringen. Wir würden uns einer Mißachtung seines Wunsches schuldig machen, wenn wir in der Form, die uns Bedürfnis ist, an dieser Stelle sagen würden, was unsere Gemeinde und jedes ihrer Mitglieder dem Wirken dieses Mannes, seinem persönlichen Einsatz an Energie, Klugkeit und Nächstenliebe verdanktl Justizrat Dr. Blau hat uns nicht gestattet, heute davon zu sprechen, was durch ihn und unter seiner Führung in den zweiundvierzig Jahren für unsere Gemeinde und in ihr geleistet wurde, während deren er der Verwaltung der Gemeinde angehört. Wenn vor fünf Jahren davon gesprochen werden konnte, wie sehr es Justizrat Dr. Blau gelungen ist, die Gemeinde aus schweren Erschütterungen, in denen sie sich vor Jahrzehnten befand, zu einer neuen Blüte zu führen, wenn damals gesagt werden durfte, daß die alte Frankfurter Kehillah in vieler Hinsicht von neuem zum Vorbild der deutschen Gemeinden werden konnte und wenn diese Entwicklung als das historische Verdienst des stets um den inneren Ausgleich und die Anerkennung berechtigter Forderungen bemühten Führers der Gemeinde bezeichnet werden durfte, so haben die fünf Jahre, die inzwischen vorübergegangen sind, die Anforderungen an den Leiter der Gemeinde nicht nur in ungeahnter Weise verstärkt, sondern seinen Dienst an der Gemeinde und an ihrer Erhaltung vor fast untragbare Belastungen gestellt. Die Frankfurter Gemeinde empfindet es als eine Gnade Gottes, daß in diesen letzten schiveren Jahren ihr hochverehrter Vorsitzender die Kraft besaß, ihr Geschick auch tveiter in seinen treuen und sorgenden Händen zu halten. Ohne Unterschied der religiösen und jüdisch-politischen Richtungen ist unsere Gemeinde einig in der tiefen Dankbarkeit für alles, was Justizrat Blau zu ihrem Wohle in aufopfernder Tätigkeit getan hat. Sie weiß, in ivelchem Maße er an dem Ausbau der Gemeindeinstitutionen mitwirkte, weiß, welchen Anteil er an dem Bau und der Erhaltung unserer Gotteshäuser, Schulen und Lehranstalten, unseres Krankenhauses, vor allem aber an der Lebendigkeit des geistigen und kulturellen jüdischen Lebens innerhalb unserer Gemeinde genommen hat. Sie sieht nicht nur eine Anerkennung der Persönlichkeit ihres Leiters, sondern zugleich eine Ehrung ihrer selbst darin, daß Justizrat Blau in den großen Gremien der deutschen Judenheit und darüber hinaus an maßgebender Stelle wirkt. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland, der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, die Konferenzgemeinschaft der Großgemeinden und—- seit der Gründung dieses Gremiums — der Organisationsausschuß der Reichsvertretung dürfen Justizrat Dr. Blau zu ihren maßgebenden Persönlichkeiten zählen. Eine solche gestaltende Tätigkeit in den Kreisen, die das Leben der deutschen Judenheit mitbestimmen, hat Justizrat Blau zum anerkannten Vertreter der deutschen Juden in einer Reihe von Organisationen werden lassen, die als die eigentlichen Träger der Entwicklung der Judenheit in der Welt zu gelten haben. Hervorragende Kenntnisse aller Probleme der Auswanderung, Umschichtung und Siedlung, verbunden mit tiefem Wissen um jüdische Anlagen und jüdische Möglichkeiten haben Julius Blau in die Stellen geführt, durch deren Arbeit die jüdische Gemeinschaft Sicherung ihrer Existenz erstrebt. Die Jewish Colonization Association (lea), die zur Linderung jüdischer Not Unvergängliches geleistet hat, die Palestine Jewish Colonization Association, deren konstruktive Mitwirkung am Werden des jüdischen Palästina anerkannt ist, die Hicem, deren Vorsitz er innehat und die um die Auswanderung der deutschen Juden bemüht ist, die Jewish Agency und der Keren Hajessod, denen Julius Blau schon zu einer Zeit seine Persönlichkeit zur Verfügung stellte, a& die Bedeutung kolonisatorischer Arbeit in Palästina noch nicht so allgemein anerkannt war wie heute — sie alle haben Julius Blau zu danken für Rat und Tat, für Weisung und vorbildliche Führung eigenen Lebens. In diesen Gremien hat Julius Blau die Würde des Juden in Deutschland zu aller Zeit in edelster Weise verkörpert. Die allgemeine Verehrung, die man ihm entgegenbringt, gilt seiner Ruhe und VÜberlegenheit ebensosehr wie seiner durch nichts erschütterten Gläubigkeit in die großen Werte des Judentums. Die Liebe, die er genießt, gilt dem Manne, dem Gerechtigkeit zu üben Gesetz des Handelns ist. So sehr auch die Aufgaben sich gewandelt haben, die dieses von Arbeit für die jüdische Gemeinschaft köstlich erfüllte Leben zu meistern hatte, so unverbraucht und wahrhaft jugendfrisch die Zeitabschnitte seiner Tätigkeit ihn fanden, so einsichtig er den gewandelten Bedürfnissen gewandelter Umstände zu begegnen weiß — unverändert ist die aus tiefer Religiosität entsprungene Liebe zum Judentum und zum jüdischen Menschen geblieben. Unbeirrt von Schlagworten hat Julius Blau die Ideale einer in einer glücklichen Zeit des deutschen Judentums verlebten Jugend in die Jahrzehnte seines Mannesalters getragen. Und wenn Manches verschüttet ist, an dessen Bau er -mit Hingabe wirkte, der Glaube, ein in Gottesfurcht und Demut begründeter Glaube, an den Sinn seiner Arbeit hat Julius Blau nicht verlassen. Aus diesem Glauben ist ihm die Kraft erwachsen und ihn strömt er aus auf alle, die in den Umkreis seiner Persönlichkeit treten. Dieser Glaube ist ihm Gewißheit und ist vielleicht der tiefere Grund für die Unbedingtheit, mit der nicht nur unsere Gemeinde und das deutsche Judentum, sondern die ganze Judenheit ihm rückhaltlos vertrauen. Als -eine führende Persönlichkeit der Judenheit unserer Zeit darf Julius Blau an seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag das Gelöbnis hinnehmen, das, wie überall, so besonders die Mitglieder unserer Gemeinde ihm darbringen: Wir wollen dieses Leben im Dienste des Judentums als Verpflichtung empfinden, wir wollen, wie er, den Glauben an den Sinn unserer jüdischen Existenz hochhalten und durch unsere Haltung und durch persönlichen Einsätz uns seiner Liebe und Treue wert erweisen. Möge Gott uns und ganz Israel den hochverehrten Mann noch viele Jahre erhalten! Möge Gottes Segen seiner Arbeit auch weiterhin beschieden sein, und die Anhänglichkeit seiner Gemeinde ihm Dank und Freude sein in künftigen Jahren eines lichteren Lebens!