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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-03-01 · 6 (3.1936) · p. Seite 206

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
6 (3.1936)
Date
1936-03-01
Page
Seite 206 (sequence 4)
Language
German
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Seite 206 und Masken! Fahnen -wehen von Fenstern und Giebeln, Girlanden ' ziehen sieh zwischen Masten. Der sogenannte „Potsdamerplatz", der "Verkehrsknotenpunkt der breiten, vornehmen Hauptstraße, wird von zwei hohen hölzernen Toren flankiert, deren Bögen komische Bilder, zumeist aus der Esther-Geschichte zeigen. In der grossen Synagoge, die an der linken Straßenseite weithin leuchtend liegt, wurde gestern Abend im Gottesdienste die alte Geschichte feierlich aus der„Megille" verlesen, und Tausende, die nicht mehr Einlaß fanden, standen draußen und lauschten der mächtigen Stimme des Lautsprechers, der die Verlesung übertrug. Megille und Lautsprecher — Orient und Okzident, Altertum und Moderne: das ist Tel-Awiw und heiliges Land. Denn diese Stadt, in unmittelbarer Nachbarschaft der alten malerischen Hafenstadt Jaffa vor 25 Jahren aus dem Meeressand erwachsen, wirkt trotz ihres Wappenspruchs aus dem Propheten, („Wieder will ich Dich erbauen, daß Du auf erbaut bist" Jeremia 31,3), mit ihren Wohnhäusern und Geschäften, Theatern und Cafes wie eine europäische Großstadt. Mehr als 150,000 Einwohner, fast alles Juden, zählt sie schon jetzt, und ganze Straßenzüge, die im Bau begriffen sind, lassen ahnen, daß ihr Wachstum rasch noch weiter zunimmt. Heute oder morgen sieht sie mehr als doppelt so viel Menschen in ihren Mauern, denn von nah und fern strömen sie hier zusammen, Juden und Araber, Eingesessene (nach einem stachligen Kaktus Sabre genannt) und Touristen; nur die deutschen Christen halten sich fern. Wer nicht in einer der zahlreichen Hotelpensionen oder in einer Privatwohnung sich längst ein Zimmer vorausbestellt hat, wird heute, auch um hohen Preis, schwerlich mehr eines bekommen, er müsste denn bei guten Freunden gastlich aufgenommen werden, und in der Gastlichkeit ist auch Tel-Awiw morgenländisch und antik. Wie selbstverständlich ist man gleich bei Verwandten oder Freunden seiner Freunde zur .,Purim-Ssude;' eingeladen und träumt bei leckerem Mahl und süsem Palästinenser, bei heiteren Reden und fröhlichem Tanz, in der Burg Susa zu sein und in Ahasveros' Palast und Park zu schwelgen. Und doch ist das nur Vorspiel. Die dramatische Höhe der Feier stellt der Festzug dar, der am Nachmittag des folgenden Tages, des Sehuschan Purim, sich durch die Hauptstraßen der Stadt bewegt. Stunden vorher schon säumen Reihen von Menschen diese Strassen wie Mauern. Die Polizei, englische und jüdische, zu Fuß und zu Pferde, hat die größte Mühe, die Massen im Zaum zu halten. Alle Dächer von Häusern und Autos, alle Balkons und Fenster sind besetzt. Verwegene Burschen hocken auf den Ästen der Bäume oder klettern über die schwankenden Bretter eines Neubaus — jeder will das Schauspiel aus nächster Nähe genießen. Die Geduld der Wartenden wird auf keine leichte Probe gestellt, aber so kostbar in diesem schmalen Streifen Landes der Raum, so wohlfeil ist die Zeit: wir sind eben doch im Orient. Endlich kündigt Musik das Nahen des Zuges an, und jetzt wird eine Abteilung Motorradfahrer sichtbar, die der Kapelle den Weg bahnt. Hinter ihr im Kraftwagen, mit dem Zylinderhut die jubelnde Menge immer wieder grüßend, folgt der siebzigjährige Bürgermeister Dizengoff, der eigentliche Schöpfer der Stadt, der eben Das S c h erst von schwerer Krankheit genesen, nicht ohne den Arzt an seiner Seite die anstrengende Fahrt wagen darf. Er eröffnet eine lange Kette von Szenen und Bildern, die allesamt den Gedanken veranschaulichen sollen, der in den zwei Worten der Pesach-Haggada ausgedrückt ist: meawdüt l'cherut, von der Knechtschaft zur Freiheit. Aegypten, das Haus der Sklaven, zieht in Gestalt von Pyramiden und Sphinxen, Tempelsäulen und Ziegelsteinen vorüber, aber ihm folgen die zwölf durch Symbole charakterisierten Stämme Israels, die als freies Volk ihrem Gotte den Tempel bauen. Ein Sprung über Jahrtausende hinweg in die neueste Zeit: wir sehen Israels Nachkommen unter dem religiösen, wirtschaftlichen, politischen Druck mancher Länder der Diaspora, das alles nicht ohne Humor dargestellt. Und wieder folgt dem Drucke die Befreiung: es ist die Wanderung der Juden per Eisenbahn und per Schiff (der erste jüdische Passagierdampfer Palästinas trägt den Namen Tel-Awiw) nach Erez Israel und das neue Leben, das ihnen in der altneuen Heimat erblüht und das sich vor allem in den Acker-, Wein- und Orangenbaukolonien, in der Industrie und im Sport manifestiert — es war kurz vor der Makkabiade, zu deren Wettspielen im großen Stadion vor der Stadt sich Mannschaften aus vielen europäischen Ländern vor 30.000 Zuschauern ein Stelldichein gaben. Es fehlt auch nicht an sarkastischer Selbstverspottung: als ein gefräßiges Krokodil wird die Bodenspekulation im Zuge aufgeführt, das Uebel, wodurch das Land der Freiheit sich selbst mit neuer, schimpflichster Knechtschaft bedroht. Wohl anderthalb Stunden zieht so, in wechselnden Gruppen, der Zug vorbei, überall mit Händeklatschen, Zurufen oder Lachen begrüßt, und noch lange nachdem er geendet, ist es nur mit äußerster Anstrengung möglich, sich durch das Menschengewühl hindurch zu arbeiten. Bis über Mitternacht sieht man die Jugend auf Straßen und Plätzen, auf Tribünen und fahrenden Wagen, Horra, den Nationaltanz, tanzen, hört sie singen, „Frösche" werfen und mit Knallpatronen schießen. Im Ganzen ein Karneval, bei dem der Mainzer oder Kölner Pate gestanden und den man hier mit einem aus ddm Talmud entlehnten Ausdruck, ad d'lo jada („bis man nicht mehr zu unterscheiden weiß", nämlich zwischen Mordechai und Haman) bezeichnet. Unmöglich, sich den tollen Mummenschanz in Jerusalem vorzustellen. Und es gibt jüdische Touristen, namentlich aus Deutschland, die gerade zu Purim Tel-Awiw meiden, um diese Ausgelassenheit nicht zu sehen. Aber gerechterweise muß man sich zweierlei vergegenwärtigen: einmal, daß Tel-Awiw doch sonst kein Tel-Scharlatanja ist, wie es sich scherzhaft an solchem Tage einmal nennt, sondern eine Stadt fleißigster und mühseligster Arbeit, und dann: daß es die einzige Stadt der Erde ist, die wieder ein öffentliches jüdisches Volksfest feiert. Wieder — denn wir wissen aus der Mischna, daß in den Zeiten des zweiten Tempels zu Sukkot ein Fest des Wasserschöpfens begangen wurde, von dem es heißt, wer dies nicht gesehen habe, der habe noch keinen Volksjubel gesehen. Gönnen wir darum den späten Enkeln einmal im Jahre auch einen Tag ausgelassener Fröhlichkeit, wenn sie nur echt ist, von Geist und Geschmack zeugt und die religiöse Quelle nicht verleugnet, aus der sie sich herleitet. riftwort Um das goldene Kalb von Max Dienemann Wir lesen im 2. B M. Kap. 32-34,10 die Erzählung von Israels Sünde, daß es Gott vergass und das goldene Kalb anbetete. In das Bewusstsein Israels war dieser Abfall, nicht der einzige in seiner Geschichte, mit besonderer Deutlichkeit eingegraben, denn eine alte Deutung bemerkt zu einem in der Erzählung von dieser Sünde vorkommenden Satze (32,34): „am Tage, da ich bedenke, werde ich an ihnen ihre Sünden bedenken", dass „keine Strafe über Israel kommt, in der nicht etwas von der Strafe wegen der Sünde beim goldenen Kalb enthalten wäre". Vielfach gegliedert ist diese Erzählung; sie enthält den Bericht über die Tatsache selbst Gottes Erzürntsein, Mosches Bitte um Vergebung; sie berichtet von der Zertrümmerung der Tafeln, dem Gericht an den Hauptschuldigen, wie Mosche die Vergebung Gottes für das Volk erlangt, sie hat ihren Gipfelpunkt in Mosches Bitte, daß Gott ihm seine Herrlichkeit offenbare und wie Gott darauf antwortet; und eingestreut ist der Bericht von den neuen Tafeln, Eine Fülle der Tatsachen und eine Fülle der bedeutsamen Worte und Sätze. Reich wie die Erzählung selbst — man lese sie wieder einmal im Zusammenhang nach — ist die Deutung, die an sie sich knüpft. Einiges nur sei herausgehoben. Wie kam es, so erhebt sich alsbald die Frage, dass Aharon in den Abfall willigte? Kann man schon verstehen, dass das Volk abfiel, weil es durch Mosches Ausbleiben verängstigt war und am Sichtbaren haftete, ungewohnt dem Unsichtbaren Verehrung zuzuwenden, — aber dass Aharon auch sich beteiligte? Denn so heißt es (32,2) „Aharon sprach zu ihnen, zerret ab die goldenen Ringe, die in den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer

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