Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 6 (3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 207 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 207 Bezieher des Gemeindeblatts! Gemäss behördlicher Bestimmung darf eine kostenlose Lieferung des Gemeindeblattes nicht stattfinden. Wir richten daher an alle Mitglieder die dringende Bitte, das Bezugsgeld von RM. 0.45 pro Vierteljahr pünktlich beim Vorzeigen der Quittung zu entrichten, damit in der regelmässigen Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Die Erhebung des Bezugsgeldes für die. Monate Januar bis März ds. Js. erfolgt im Februar und März 1936 durch unsere Boten. Frankfurt a. M., 27. Februar 1936 VORSTAND DER ISRAELITISCHEN CEMEINDE VERWALTUNG DES GEMEINDEBLATTS Töchter sind und bringet sie mir;" und (32,4) „er nahm es aus ihrer Hand, er bildete es mit dem Griffel, er machte daraus ein gegossenes Kalb, er baute einen Altar." Dazu der Midrasch: „Aharon dachte, Frauen und Kinder sind bedacht auf ihren Schmuck; wenn ich von ihnen ihren goldenen Schmuck fordere, "werden sie zögern, ihn zu geben. Er sah.wie sie alle an dem Altar bauen wollten, da dachte er sich, wenn sie alle an dem Werk arbeiten, wird es rasch gefördert sein, ich werde es allein werken, und langsam und lässig werde ich es werken, und inzwischen wird Mosehe kommen." Also, meint der Midrasch, er wollte sie hinhalten, indem er scheinbar auf ihre Absicht einging; aber das gelang ihm nicht, so wurde er selbst noch zum Mithelfer an der Sünde und gab ihr, noch den Schein der Rechtmässigkeit. Und der Sinn der Deutung ist, dass man sich selbst nicht einreden solle, man könne irgendwann, irgendwo, indem man an etwas als unrecht Empfundenem mitwirke, es doch dazu bringen, daß man es hemme und abbiege und in ein Gutes lenke. Es gibt nur die klare Entscheidung, und jede Entscheidung, auch wenn sie mit Gefahr verbunden ist, bietet mehr Möglichkeit, zum Guten zu helfen, als wenn man, sich über die eigene Schwäche hinwegtäuschend, auf das Unrecht, und sei es auch mit Vorbehalt, eingeht. Am Ende bleibt man der Schuldige und sogar der Mehrschuldige. Als Mosche für das sündige Volk zu Gott betete, gipfelte sein Gebet schliesslich in dem Satze (32,3): „gedenke Abraham, Jizchak, Israel, Deinen Dienern, was Du ihnen zugeschworen bei Dir, wie Du zu ihnen geredet hast, mehren will ich ihren Samen gleich den Sternen des Himmels." Was bedeutet es, dass Mosche die Erinnerung an die Väter beschwört? Lange verweilt der Midrasch bei dieser Frage: „Lange betete Mosche für Israel und fand nicht Erhörung, aber als er die Erinnerung an die Toten beschwor, sofort wurde er erhört, denn auf diesen Satz hin berichtet die Bibel (32,14) „ER Hess sich geleiden des Unheils", das er beredet hatte, seinem Volke zu tun." So auch bei Schelomo. Als er das Heiligtum erbaut hatte, betete er vor Gott, dass er Feuer vom Himmel fallen lasse auf den Altar, aber noch fand er keine Erhörung. Aber als er den toten Dawid beschwor, d a fand er Erhörung. Denn so heisst es (2 Chr. 6,42) „gedenke der frommen Taten Davids Deines Dieners" und sofort darauf (7,1) „das Feuer fiel vom Himmel." Was ist der Sinn? Ein doppelter, einmal die ewige Wiederholung, die Einhämmerung der Wahrheit, daß wir den Halt verlieren, wenn wir uns nicht mit den Ahnen in Verbindung halten, daß ihr Totsein kein Auslöschen bedeutet, sondern daß sie in uns leben. Und zum andern: nie kann man sich auf sich selbst stützen, denn alle Möglichkeiten des eigenen Abgleitens ruhen stets in uns, nur die Vollendeten, deren Leben abgeschlossen ist, sind die wahrhaften Stützen. Eine andere Deutung zu dem gleichen Verse. „Warum beruft er hier die Erinnerung an die drei Väter. Mosche sagte, ist Israel des Feuertodes schuldig, gedenke Abrahams, der sein Leben preisgab, als er in den Feüerofen sich (von Nimrod) werfen Hess, und sein Brand gelte für den Brand, den seine Kinder verdient. Sind sie der Strafe des Kopfabschlagens schuldig, gedenke Jizchaks, der seinen Hals darbot, und sein Wille zur Hingabe gelte für den Tod, den sie verdient. Haben sie Verbannung verdient, gedenke Jaakobs ihres Vaters, der aus seinem Vaterhaus auswandern musste. und seine Galut gelte für ihre" Der Sinn? Alles Schicksal Israels ist in den Urvätern verkörpert. Sie sind nicht nur leiblich und geistig die Väter, sie haben in ihrem Leben das durchgelebt, was einst das Los ihrer Kinder werden sollte. Die Geschichte erhält damit ein Mystisches, sie wird nicht zur Kette einmaliger Erlebnisse, sie wird zur sich erneuernden Wiederholung, sie wird so zur steten Gegenwart und erfährt immer neues Leben. Aber diese Wiederholung birgt auch die Bürgschaft der Wandlung in sich, wie sie die Väter erlebt haben und wie sie in ihnen Wahrheit wurde. Und noch eine Deutung dazu: Rabbi Jochanan sagte im Namen von Rabbi Simra, wer sich auf eigenes Verdienst stützen will, der wird auf anderer Verdienst verwiesen, und wer sich auf das Verdienst anderer stützt, der wird gewürdigt, daß alles auf seine Würdigkeit gestellt wird. Mosche stützte seine Bitte auf das Verdienst anderer, denn so heisst es, er sprach „gedenke Abrahams, Jizchaks, Israels, Deiner Diener", darum wurde alles auf seine Würdigkeit abgestellt, denn so heisst es (Ps. 106,23) „er gedachte sie zu vertilgen, wäre nicht Mosche, sein Erwählter vor ihm in den Riss getreten." Chiskija stützte sich atif eigenes Verdienst, er betete (II. Kg. 20,3) „gedenke doch, wie ich vor Dir gewandelt bin in Treue und ganzem Herzen", darum wurde er auf das Verdienst anderer verwiesen. (Jeschaj: 37,35) „ich überschilde diese Stadt, sie zu befreien, um meinetwillen und um Dawids willen, meines Dieners." Was soll das heissen? Erneuter Hinweis darauf, daß man nie auf eigenes Verdienst pochen darf, daß nicht das eigene Urteil, das ein Mensch über sich hat, massgebend ist, sondern wie andere über ihn denken; daß Bescheidenheit und Zurückhaltung die Voraussetzung dafür sind, daß jemand nachhaltig so auf andere wirkt, daß sie ihr eigenes Sein dessen Wirken zu verdanken überzeugt sind. Als Mosche das Erlebnis des sündigen, gestraften, reuigen Israels gehabt, Gottes Zorn besänftigt hatte und nun eine neue Sicherheit für Israel weben wollte, bat er Gott, er möge ihm seine herrliche Gegenwart offenbaren. (33,18) „Zeige mir doch Deine herrliche Gegenwart." In der Antwort, die ihm darauf wird, sind Sätze von grundlegender Bedeutung. In Gottes Antwort heisst es (V. 13) „ich begnade, den ich begnaden will, und ich erbarme mich, dessen ich mich erbarmen will," und ferner (V. 21) „sieh, Raum ist bei mir." Zu dem ersten dieser Sätze ein Midrasch von höchster theologischer Wichtigkeit. „Der Heilige, gelobt sei er, zeigte ihm all die Schatzkammern des Verdienstes, die hergerichtet sind für die Bewährten. Mosche fragte ihn, Herr der Welt, wessen ist dieser Schatz? er antwortete ihm: Derer, die Wohltat üben. Wessen dieser? — Derer die Waisen versorgen. Und so bei jeglicher Kammer des Schatzes Frage und entsprechende Antwort. Schliesslich sah er einen Schatz, er war der grösste von allen, und er fragte, wessen ist dieser? Gott antwortete ihm: Wer sich Verdienst erworben, dem gebe ich aus seinem Verdienst, und wer keines sich erworben, dem gebe ich's unverdient, umsonst (hier ist der Gleichklang der demselben Stamm zugehörenden Worte D]n — umsonst und VTtttt — ich begnade beachtet), denn so heisst es (V. 19) „ich begnade, wen ich begnaden will", es heisst nicht: wer Gnade verdient, sondern: wen ich begnaden will." Das ist nun eine sehr wichtige, ja grundlegende Bemerkung. Ihr tiefster Sinn ist: Gott gibt dem