Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 4 (1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _ Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 4.__________Januar 1936 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliehe Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage. Fahrgaste 146, zu richten. Eine Schuiklasse wählt Beruf und Wirkungskreis Die Untersekunda des Philanthropins, von der im folgenden die Rede ist, stellt zwar einen Einzelfall dar, von dem man nur bedingt Schlüsse auf die Berufswahl der jüdischen Jugend Deutschlands ziehen kann. Immerhin mag es aufschlussreich sein, über die Berufsabsichten auch eines solchen kleinen Kreises Näheres zu erfahren. Es ist zu berücksichtigen, dass es sich um Schüler in einer Grosstadt handelt, die seit Jahrzehnten als Bank- und Großhandelszentrale Beziehungen zum europäischen und überseeischen Ausland hat. Auch die soziologische Struktur der Klasse ist von Wichtigkeit: bis auf 4 Knaben, die in Kleinstädten, meist der Umgebung, beheimatet sind, kommen alle aus Frankfurt oder dessen Wirtschaftsgebiet (Offenbach, Höchst), der grössere Teil aus gutgestellten Kreisen. Die Tabelle I zeigt die Berufswahl der Schüler an; aufschlußreich für den Berufswandel ist die Tabelle II, die den Beruf der vorigen Generation, der Väter der Untersekundaner also, angibt. Tabelle III und IV stellen die gleiche Frage für die Vorkriegszeit 1912-1914 (Untersekunda). Berufswahl I. Beruf, den die Schüler der Untersekunda 1936 gewählt haben: Zahl Kaufm. Landw. Handw. u. Techn.*) geist. Berufe 29 13 3 11 2 16_7_4_5__— 45 20(44,4o/o) 7(15,6o/n) 16(35,6°/o) 2(4,4°/o) *) darunter 4 Tischler, 4 Techniker, 2 Gerber, 1 Lederarbeiter, 1 Schlosser, 1 Koch. II. Beruf des Vaters 45 33(73,4°/o) — 2(4,4>/o) 8(17,8% (Fabrikant 2 (4,4o/o) m. Berufswahl der Unters,ekunda der Jahrgänge 1912 -14 Gesamtzahl Kaufm. geist. Ber. Handw. Landw. Uli 1912 21 18 3 — — 1913 27 23 4 — 1914 29 21_8_— — Uli 1912-14 77 62(80,5°/o) 15(19,5"/0) - — IV. Väter der in III verzeichneten Schüler 77 66 (ein 9(11,6%) 2(2,7%)- Fabrikant 85.7%) Für den kaufmännischen Beruf zeigt Tabelle IV (Geburtsjahr 1860-70) den höchsten prozentualen Anteil mit 85,7%; von 77 Vätern sind 66 Kaufleute. Bei der Berufswahl unmittelbar vor dem Kriege wird der Beruf des Vaters prozentual annähernd erreicht. (Tab. III 80,5%). In Tabelle II ist die Verhältniszahl nur gering verändert (73,4%). Dagegen sinkt die Zahl ganz beträchtlich bei der diesjährigen Abgangsklasse, d. h. auf 44,4% — es werden von 45 Schülern nur 20 den kaufmännischen Beruf wählen —. Vielen wird diese Ziffer noch relativ hoch erscheinen, sie ist damit zu erklären, dass die Väter, meist noch selbständige Kaufleute, bei der Berufswahl mitbestimmend waren. Bezeichnend ist das Hinwenden zum Studium von Tab. IV zu III, 11,6 auf 19,5%. Als Reaktion darauf erscheint die Einstellung der gegenwärtigen Jugend. In unserer Klasse wählen nur noch 4,4%, d. h. von 45 Schülern nur 2 einen akademischen Beruf (1 Rabbiner, 1 Mathematiker). Der Landwirt (Gärtner) fehlt in Tabelle II, III, IV, ist aber in Tab. I mit 7 (15,6%) vertreten. Eine erfreuliche Entwicklung, die auch für die nächste Spalte: Handwerk und Technik festzustellen ist. In den älteren Generationen je 2 mal vertreten, fehlt die Rubrik ganz 1912-14; dagegen sind es 1936 16 Schüler (35%). Die letzten drei Spalten der Tab. I zeigen die Berufsumschichtung am deutlichsten. Der Vollständigkeit halber seien noch die Zahlen aus der obersten Volksschulklasse des Philanthropins angeführt. Klasse Väter Berufswahl der Volksschüler Zahl Kaufmann Gärtner Handwerker 13 1 1 11 13 10 - 3 Bei diesen Zahlen ist zu berücksichtigen, dass die Schüler die Volksschule mit der Absicht gewählt haben, einen praktischen Beruf zu ergreifen. Wirkungskreis Zahl Nach Paläst. Deutschi. Engl. Holl. Rom. Ld. Amerika? in Europa 45 Schüler 17 14 5 2 4 3 Die Zahl 17 für Palästina erscheint klein; wollte man aus der Eingliederung in bündische Organisationen Schlüsse ziehen, so kann man bei dieser Schulklasse im Vergleich mit anderen derselben Anstalt feststellen, dass ein beträchtlicher Teil an eine Ansiedlung in Erez Israel zunächst nicht denkt. Die Zahl 14 für Deutschland ist als eine vorläufige zu werten. In ihr ist der Teil der Schüler enthalten, der nicht nach Palästina gehen, zunächst hier die Lehrzeit vollenden will, um sich vielleicht später einem anderen Lande zuzuwenden. Dr. Siegmund Rothschild Ein Vorschlag zum Oneg Schabbat Am Samstag, den 14. Dezember, hatte die Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde die gesamte (bündische und nichtbündische) jüdische Jugend zu ihrem zweiten Oneg Schabbat dieses Winters ins Philanthropin gerufen. Wieder war der Festsaal bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Im Mittelpunkt des Oneg stand ein Vortrag von Rabbiner Dr. L e m 1 e über das Thema: „Ist das Judentum arm an Helden?", wobei Dr. Lemle nachwies, daß unsere Geschichte auch ausserhalb der Makkabäer zu allen Zeiten Helden gehabt hat. In prägnanter, durch Beispiele illustrierter, anregender und fesselnder Weise wurde der Heldentypus des Mittelalters und der Neuzeit zuerst der allgemeinen Welt und dann der jüdischen Welt gezeichnet. Dabei stellte Dr. Lemle heraus, daß nicht das Mass der vollbrachten Taten oder der erlittenen Not zum Helden mache, sondern die innere Gesinnung, die geistige Haltung. Alle lauschten gespannt und interessiert den Worten des Redners; die wenigsten hatten wohl bisher die vorgetragenen Dinge in solch historischer Lebendigkeit, .Wirklichkeitsnähe und Deutlichkeit gesehen. Man sagt nicht zuviel, wenn man erklärt, daß der gefährdet gewesene Weiterbestand des gemeindlichen Oneg Schabbat durch diese letzte Veranstaltung als gesichert gelten kann.