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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-01-01 · 4 (1.1936) · p. Seite 158

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
4 (1.1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 158 (sequence 28)
Language
German
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Seite 158 und andere Frauen Gnädige Frau, nicht wahr, der Milchmann oder der Bäckerbursche sind für Sie ein vager und eigentlich trotz seiner nahrhaften Grundlage unerfreulicher Begriff. Von solchen Leuten fühlen Sie sich fast immer und in erster Linie irgendwie in der Sphäre Ihres kleinen Königreiches gestört: entweder reissen jene Leutchen mit ihrem Schellen früh morgens Sie aus Ihrem schönsten Schlaf oder sie machen sich gerade dadurch unangenehm bemerkbar, daß sie nicht zur gewünschten Zeit da sind. Auf jeden Fall, sie bilden für Sie eine unangenehme Begleiterscheinung des täglichen Lebens. Und warum? Nur weil Sie sich nicht der geringen Mühe unterziehen, jene Leute auch als Menschen zu betrachten, weil Sie ihren Beruf nicht als ganz vollwertig ansehen (gestehen Sie es einmal offen und ehrlich!) und weil Ihnen infolgedessen gar nicht der Gedanke kommt, jene Leute könnten Ihnen gegenüber nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte haben. Bitte bekommen Sie keinen Schrecken über meine ketzerischen Vorwürfe. Heben Sie sich bitte auch Ihre Entrüstungsrufe noch einen Augenblick auf. Lassen Sie sich vielmehr folgendes erzählen, was auch ich mir aus durchaus glaubwürdigem Munde habe berichten lassen: Da wohnt irgendwo in Frankfurt/Main die Frau Dr. 2L, eine alleinstehende Dame. Sie bekommt jeden zweiten Tag von ihrem jüdischen Milchmann einen Viertelliter Milch. Mehr kann sie halt nicht brauchen. Soweit ganz in Ordnung. Aber nun darf man nicht etwa glauben, daß der brave Mann, der wegen dieses kleinen Quantums treu und brav jeden zweiten Tag die Treppen hoch steigt, besondere Anerkennung erhält. Ganz im Gegenteil. Frau Dr. X. ist eine moderne Frau und für den bargeldlosen Verkehr. Sie lässt also die Milchrechnung etwas auflaufen und zahlt dann mittels Scheck. Einen Scheck über den Riesenbetrag von EM. 1.50 oder 1.68, wie es sich gerade trifft. Daß solch ein kleiner Milehhändler sein Geld zum täglichen Einkauf seiner Ware braucht, das kommt ihr nicht bei, und erst recht nicht, daß dieser Mann in seinem Kleinstbetrieb mit einem Scheck nichts anfangen kann, nur unnötige Gänge und Mühe dadurch hat. Frau Dr. X. aber hat sich neulich furchtbar aufgeregt, weil der Milchmann 10 Minuten nach der gewünschten Zeit zu ihr kam. Dass er eines einzelnen wegen nicht den Abfertigungsplan, der sich nach der Lage der Strassen und Häuser richten muß, umstoßen kann, daß er wegen eines ganzen Viertelliters Milch nicht einen großen Teil der übrigen Kunden verärgern kann, das und die Unbilligkeit ihres Verhaltens einzusehen, ist Frau Dr. «X nicht gewillt und nicht in der Lage. Nicht gewillt oder nicht in der Lage, das ist das Schlimme. Das ist der Grund, weshalb der an sich unbedeutende Sachverhalt hier überhaupt berichtet wird. Denn der Allgemeinheit könnte es ja gleichgültig sein, ob Frau Dr. X. ihre Milch gleich und bar bezahlt oder nicht und ob sie ihren Milchmann chikaniert oder nicht. Selbstverständlich tat der betreffende Milchmann seine Pflicht als Geschäftsmann und hat sich auch! auf die Eigenheiten dieser Kundin eingestellt, Dienst am Kunden. Und nur dem Zufall eines Stoßseufzers verdanke ich überhaupt mein Wissen. Den echten tropenfesten Frigidaire alle elektische Gegenstände RADIO ieder Art EHRMANN Frankfurt am Main, Brüder-Grimmstrasse 7 Ruf: 43233 — Lieferung nach allen Orten Der jüdischen Allgemeinheit ist es jedoch nicht gleichgültig und kann es in der heutigen Situation nicht gleichgültig sein, solche Ewiggestrigen in ihrer Mitte zu wissen. Denn die geschilderten unbedeutenden Vorgänge sind ja nur der Ausfluss eines leicht vorstellbaren Gesamtverhaltens. Jede Verkäuferin in irgendeinem x-beliebigen Laden kennt diese Typen mit ihren tausend Sonderwünschen; jede Schneiderin und Modistin weiß von ihnen ein Lied zu singen. Und die Hausangestellten wollen wir lieber garnicht erst fragen. Das ist der Typ derjenigen, die nichts dazulernen, die unerschütterlich daran glauben, die Welt drehe sich lediglich um ihre Wenigkeit; die gern und selbstverständlich an den Einrichtungen der Allgemeinheit teilhaben, aber sich ebenso selbstverständlich mit leicht gefundenen Ausreden den Pflichten an die Gesamtheit entziehen. Das sind diejenigen, die für ihr äusseres und inneres Verhalten nichts aus der Zeit gelernt haben. Die jüdische Allgemeinheit muß sich jedoch in einer Notzeit wie der jetzigen das Recht nehmen, solche und alle Aussenseiter zur Ordnung zu rufen. Wer es nicht von selbst lernt, dem muß es beigebracht werden, daß die Zeit des ungehemmten Individualismus (gelinde ausgedrückt) vorbei ist. Dazu ist jeder Anlass wie jedes Mittel recht. Wir brauchen Menschen, die wieder an den Nächsten denken, im Grossen wie im Kleinen. Das Gefühl, der Gesamtheit verhaftet und nur ein Teil von ihr zu sein, muß übermächtig werden. Der erste Weg dazu ist, auch in den kleinen Dingen des Alltags, nicht nur an die eigene Annehmlichkeit, sondern ebenso sehr an die anderen, unsere Mitmenschen zu denken, an deren Gebundenheiten und vielleicht an ihre Nöte. Darum diese Skizze. Und was soll die aufeinander folgende Behandlung zweier anscheinend völlig verschiedenartiger Themen? Natürlich eine bewusste Gegenüberstellung. Einmal die ganze Härte und Realität jüdischer Gegenwart, das andere Mal ein vielleicht und hoffentlich vereinzeltes Beispiel für jene Ideologie von gestern, die überwunden und ausgemerzt werden muß. Für das letztere zu sorgen, ist die jüdische Gesamtheit selbst berufen. Die jüdische Oeffentlichkeit ist deshalb berechtigt, alle diejenigen, die sich noch nicht völlig in den Rahmen der heutigen jüdischen Gemeinschaft einfügen können oder wollen, immer wieder und bei jeder Gelegenheit an ihre Pflichten zu erinnern, um der Gesamtheit willen und nicht zuletzt um aller derer willen, die am eigenen Leibe die ganze Härte und Eindringlichkeit jüdischer Gegenwart spüren müssen. Dr. Arthur Loeb MODEN Feine Herrenu. Damen- Maas - Schneiderei K. HEUBERGER Inh. A. Hellberger Battonnstrasse 2 leuerHeraliQlWelMk.uB zu Reinigen. Fassionieren und Bügeln, Hl iOwleDamenhütewerd. modernisiert. Bb BbH abrlkBtlfin ,Weslenfl* iM»ii| Wertheim- sowie andere I- Fabr. Reparaturen billigst Neueste Modelle R, STERN jetzt Zell 39 Hing. KUngerstr. Die Jüdische Winterhilfe braucht Dich! RENATE WOLF Gr. Hirschgraben 19 Wolle - Pullover - Strickkleider Handweben Jiid. Hausfrau und Schneiderinnen! Alle Sorten Kurzwaren, sowie sämtl. 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