Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 4 (1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 134 Das Schrift wort Der Dornbusch von Max Dienemann Eine der bekanntesten Erzählungen der Bibel ist die im Woehenabschnitt Sch'mot enthaltene Offenbarung aus dem Dornbusch, jene Offenbarung, in der Mosche die Sendung zur Befreiung Israels aus Ägypten erhielt und in der der Sinn des unaussprechbaren Namens enthüllt wurde: „Ich werde dasein, als der ich dasein werde." So beginnt die biblische Erzählung: „Mosche weidete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters von Midjan, Und er trieb die Schafe hinter die Wüste und kam an den Berg Gottes, zum Choreb. Da erschien ihm ein Bote Gottes in der Lohe eines Feuers mitten aus dem Dornbusch her. Er schaute: da, der Dornbusch brannte im Feuer, doch der Dornbusch ward nicht verzehrt." Mit welcher Deutung begleitet der Midrasch diese die Erzählung einleitenden Worte? Er knüpft zunächst an die ersten Worte an, daß Mosche ein Schafhirt geworden war, bringt das in Verbindung mit dem Psalmvers (11,5) „Gott prüft den Frommen", bezeichnet als solche Prüfung für die Eignung, über Menschen zu herrschen, die Bewährung im Kleinen, nennt als solches Kleine die Fürsorge für das Tier und fährt dann fort: „Gott liess Dawid sich an den Schafen erproben, und er fand ihn als einen treuen Hirten, so heisst es auch Psalm (78,70) „er nahm ihn von den Schafhürden her" — was bedeutet dieses Wort? Hürden heisst fiX^-tt? darin steckt der Stamm jfifas zurückhalten; Dawid hielt die grossen Tiere zurück, dass die Kleinen zuerst herauskonnten, diese liess er als erste heraus auf die Weide, daß sie das zarte Gras fressen konnten; dann ließ er die alten Tiere heraus, sie frassen das mittelstarke Gras, dann erst ließ er die kräftigen Tiere heraus, sie frassen dann das harte dicke Gras. Da sprach der Heilige, gelobt sei er: wer so die Schafe zu weiden versteht, jedes seinem Können entsprechend, der soll auch mein Volk leiten. Und auch den Mosche liess Gott grad an den Schafen sich erproben. Unsere Weisen sagen: als Mosche, unser Lehrer, Friede sei über ihm, seine Schafe weidete, entwich ihm ein kleines Lamm, er lief ihm nach, es kam an einen Felsvorsprung, und als es an diesen gelangte, fügte sich ihm ein Teich voll Wasser, es hielt an, um zu trinken. Als Mosche es nun endlich erreichte, sagte er, ich wusste nicht, daß du liefst, weil du durstig warst, du wirst müde sein, er lud es sich auf die Schulter und ging so. Da sprach der Heilige, gelobt sei er, du zeigtest, daß du Erbarmen hast mit den Schafen, die einem Menschen von Fleisch und Blut zugehören, bei deinem Leben, du wirst meine Schafe, Israel, führen." Ein doppelter Sinn ist in dieser Erzählung verborgen. Es soll in ihr zum Ausdruck kommen, daß man sich der Herrschaft über Menschen würdig erweisen muß durch die Hingabe, die man im Dienst am scheinbar Kleinen bewährt. Und es kommt zugleich in ihr zum Ausdruck die Heiligkeit des Tierschutzes, daß der Mensch keine Mühe scheuen darf und eigene Bequemlichkeit opfern muß, selbst dienen muß, um dem Tiere Schmerz und Pein zu ersparen, das seiner Obhut und Fürsorge anvertraut ist. Dann wendet sich die Deutung dem Dornbusch, dem örtlichen Träger der Erscheinung, zu, und er wird nun zum Gegenstand mannigfacher Beziehung. Die Dornen, die Stacheln an diesem Busch gelten als Zeichen der Qual und des Schmerzes. Wer inmitten dieser Dornen ist, muß voller Schmerzen sein. Grad dort offenbart sich Gott zum Zeichen, daß wie Israel in Leid ist, so auch Gott in Leid ist. „Achte, spricht Gott, auf den Ort, aus dem her ich zu dir rede, mitten aus den Dornen, denn — wenn so etwas zu sagen möglich ist — ich bin ihrem Leid zugesellt. So heisst es (Ps. 91,15) „mit ihm bin ich in Not" und ferner (Jeschajahu 63,9) „in all ihrer Drangsal ward ihm Bedrängnis". Welche Selbstverständlichkeit im Bewusstsein der Gottesnähe, im Bewusstsein der Anteilnahme Gottes, wenn man zu der Kühnheit sich erheben konnte, zu glauben, daß Gott die Not seiner Frommen gleichsam als eigene empfindet! Hier ist in Wahrheit die Kluft zwischen Gott und Mensch überbrückt. Ein Heide fragte Rabbi Jehoschua ben Korcha: Warum hat der Heilige, gelobt sei er, sich gerade den Dornbusch ausgesucht, mit Mosche zu reden? Er erwiderte ihm: hättest du auch die gleiche Frage gestellt, wenn es ein Johannisbrotbaum oder eine Sykomore gewesen wäre? Aus dem Dornbusch, dem niedrigen Gewächs, um dir zu sagen, daß es keinen Fleck in der Welt gibt, an dem nicht die Gegenwart Gottes haftete." — Der Sinn ist klar, am Beispiel des Dornbuschs wird hier die Allgegenwart Gottes gezeigt, daß er nicht nur im Grossen und Erhabenen zu erkennen, mit ihm verbunden ist, sondern am Kleinen und Missachteten, und grad mit ihm verbunden ist. Wiederum die Überbrückung der Kluft! Die Niedrigkeit und Kleinheit des Dornbuschs bietet noch ein anderes Vergleichsmoment. „Rabbi Elieser sagte: wie der Dornstraueh der niedrigste aller Bäume ist, so war Israel ganz erniedrigt und von den Ägyptern mit Füssen getreten; darum offenbarte sich ihm der Heilige, gelobt sei er, und erlöste es, denn so heisst es (2M 3,8) „ich stieg tief hinab, es zu erretten aus der Hand Ägyptens". Der Sinn? Gott ist mit dem Gebeugten und Erniedrigten. Und je tiefer der Sturz, um so gewisser und näher Gottes erlösende Hilfe. Eine andere Deutung: „Rabbi Jochanan sagte, wie man den Dornstrauch dazu benutzt, daß man aus ihm den Zaun macht für die Gartenpflanzung, so ist Israel ein Zaun für die Welt." Was ist der Sinn, was wollte Rabbi Jochanan damit sagen? Gemeint ist, daß Israel als Träger der Tora gleichsam ein lebendiger Schutzwall ist gegenüber Einflüssen, die das Gebäude der Sittlichkeit, der sozialen Gesinnung zum Einsturz bringen könnten. Und zugleich kommt in der Deutung zum Ausdruck, daß wie der Zaun die Last jeden Einbruchs in den Garten zuerst auszuhalten hat, so auch Israel die Last und die Pein jeglicher Umwälzung zuerst empfindet und zu tragen hat. Wiederum eine andere Deutung: „Wie der Dornstrauch überall wächst, aber nur wo Wasser, ist, so wächst auch Israel überall, wo Tora ist, um deren Verdienst willen, denn die Tora wird Wasser genannt (Jeschajuhu 55,1) „ach, ihr Dürstenden alle, kommt her zum Wasser". Das Besondere dieser Deutung ist neben dem Sachlichen ein gewisser Überraschungseffekt. Man würde nach dem ersten Glied der Vergleichung erwarten: so wächst auch Israel überall da, wo Wasser ist, d. h. wo eine Lebensmöglichkeit ist; aber statt dessen die Bezeichnung der Tora als des lebendigen Wassers und die Abhängigmachung Israels und seines Lebens von der Tora und ihrem geistigen Prinzip als dem Grund von Isr aels Existenz. Ein anderer Vergleich knüpft an die St e 11 un g'der Dornen am Strauch an, und daraus ergibt sich die folgende Deutung: „Wenn ein Mensch seine Hand in den Strauch steckt, nimmt er keinen Schaden, denn die Dornen sind gekrümmt, will er aber die Hand herausnehmen, da packen sie die Dornen, und er kann sie nicht ohne Wunden herausziehen: so war's mit dem Aufenthalt in Ägypten, zuerst nahmen die Ägypter sie mit freundlichem Angesicht auf, als sie dann fort wollten, wollte man sie nicht ziehen lassen, so heisst es (2M 3,19) „ich weiß, daß der König von Ägypten euch nicht ziehen lassen wird". Und ähnlich: „Rabbi Jehuda bar Schalom sagt: Wenn ein Vogel in dem Strauch sich verfängt, merkt er zuerst nichts, er kann ruhig hinein; will er hinaus, so rauft er sich an den Dornen die Federn aus, so als Abraham, unser Vater, nach Ägypten kam, achtete niemand darauf, als er fortging (IM 12,17) „da schlug Gott den Pharao". Wir werden zunächst den Vergleich mit dem Vogel in unseren Gedanken weiterspinnen und denken, ja w i e wund ist die Seele eines jeden, der sich losreissen und fortgehen muß! Dann aber nehmen wir das Ganze auf, und sein Sinn ist der, daß immer zwischen Anfang und Fortgang eines Beginnens ein Unterschied ist, daß in eines Menschen und der Völker Leben niemand am Anfang weiss,