Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 2 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 53 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 53 unserem Gesamterleben deutlich, daß wir bei der geistigen Mitarbeit in der Welt verabsäumt haben, unser eigenes Feld zu bestellen. Sehr viel versprechende Anfänge für ein wirklich abschliessendes Geschichtswerk hat die Arbeit der Akademie für die Wissenschaft des Judentums geleistet. Hier sollte ein Stab1 von Forschern herangebildet werden, der zunächst einmal die Vorarbeiten zu leisten hätte. Kann nun dieses Werk über die jüdische Geschichte überhaupt im Augenblick geschrieben werden? Das Judentum in Deutschland, aus dem die Wissenschaft des Judentums hervorgegangen ist, wird kaum noch aus seiner Gesamtsituation heraus die Kraft haben, Forschern die Möglichkeit zu gehen, ein solches Werk zu schreiben. Von Erez Israel, als kulturellem Mittelpunkt des Judentums, von seiner Universität aus, wird auch diese Aufgabe in Angriff genommen werden müssen. Vor allem wird man daran zu gehen haben, die Vorarbeiten zu systematisieren. Wir besitzen für einzelne Epochen und einzelne Gebiete ausgezeichnete Werke. So ist z. B. die Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. von Kracauer ein Musterwerk der Geschichte der Juden einer Stadt. Anderes ist wieder völlig dilettantisch angepackt worden. Es entspricht dies so. sehr der starken Neigung des jüdischen Menschen, in seiner bisherigen Geisteshaltung zum Individualismus, daß es nicht weiter auszuführen notwendig ist. Kann ein derartiges Werk überhaupt noch von einem Einzelnen geschrieben werden? Diese Frage ist unbedingt zu verneinen. Auch die allgemeine Geschichtsschreibung ist dazu übergegangen, solche Aufgaben zu verteilen. Die gegenwärtig beste Weltgeschichte, die sog. Propyläen-Weltgeschichte, hat die Gebiete sehr weitgehend aufgeteilt und jedem Forscher sein Sondergebiet zugewiesen. Trotzdem ist das Werk wie aus einem Guss und geschlossen lesbar. Welcher Forscher dürfte heute in der Lage sein, gleichzeitig die jüdische Geschichte des selbständigen jüdischen Reiches zu schreiben, für die er selbstverständlich auch mit den Ergebnissen der ägyptischen, babylonischen Forschung vertraut sein muß, und die Geschichte des jüdischen Mittelalters in Deutschland, wofür er die Methode der Urkundenforschung restlos beherrschen muß. Ganz andere Anforderungen stellt die jüdische Geschichtsschreibung für die Neuzeit. Unzählige Sprachen müssen hier beherrscht werden. Schon dies allein ergibt die Unmöglichkeit für die Arbeit eines Einzelnen. . Aus dem Gesagten ergibt es sich, daß in einer Generation wahrscheinlich überhaupt nicht das geschaffen werden kann, was hier flüchtig zu skizzieren versucht worden ist. Aber man kann der Meinung sein, daß es besser ist, eine solche Arbeit auf längere Zeit hinaus zu verteilen, als sie überstürzt in Angriff zu nehmen und sie so zu machen, daß sie berechtigter Kritik nicht Stand halten kann. Eines ist gewiss, je stärker wir Objektivität anstreben, auch da, wo sie schwer fällt, umso mehr werden wir dem wirklichen Geist unserer Geschichte gerecht. Apologetik und Anklage sind keine Argumente für den Historiker. Es wird davon abhängen, ob das Judentum der ganzen Welt gewillt ist, für eine solche große, man möchte beinahe sagen, Riesenarbeit, Mittel zur Verfügung zu stellen. Das Wilnaer Jüdische Institut scheint größere Pläne in dieser Richtung zu haben. Hoffentlich gelingt es, eine. Zersplitterung zu vermeiden. Das Förderlichste wäre es, daß Jerusalem die Führung übernimmt. Die Frage der Sprache wird sich von allein lösen. Wenn das Gesamtwerk in hebräischer Sprache erscheinen würde, so könnte doch jeder Historiker zunächst in seiner Muttersprache schreiben. Daneben müßten Parallelausgaben in den Hauptsprachen der Galuth gehen. Aber das dürfte alles noch ein Traum für. spätere Jahrzehnte sein. Was wir im Augenblick brauchen für die vielfachen Anforderungen jüdischer Bildungsarbeit, ist eine kleinere jüdische Geschichte, die aber, wenn sie bestehen soll, im Grunde auch den Forderungen genügen muß, die im Vorstehenden entwickelt wurden: Objektivität, Quellenkritik. Aufruf! Zur gleichen Zeit, in der die Juden in Deutschland mit vereinten Kräften daran gehen, die Jüdische Winterhilfe aufzurichten, ergeht der Ruf an jeden Juden und jede Jüdin, Uber der schweren Not der Stunde nicht die Notwendigkeit einer aufbauenden und bleibenden Hilfe zu übersehen. Diese stellt das Jüdische Aufbauwerk in Palästina für die Juden aus Deutschland dar. Das Ansiedlungswerk im Heiligen Lande, das bereits 30 000 Juden aus Deutschland zugute gekomen ist, von denen 25% sich der Landwirtschaft zugjewandt haben, soll und muß gemäss den Beschlüssen des letzten Zionistenkongressos und des Kongresses der Jewish Agency fortgeführt und erweitert werden. Dieser Aufbau ist bislang ohne den Steuerzwang einer eigenen staatlichen Macht gewachsen, allein getragen von der aufopfernden Hingebung einer Gemeinschaft, die in den schwersten Tagen ihrer Geschichte aus eigener Kraft ihre Renaissance begonnen hat. So eindringlich wie noch nie ruft heute Palästina alle deutschen Juden auf, ihren Beitrag zu dem großen Werke der konstruktiven Selbsthilfe zu liefern. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat vor wenigen Wochen die jüdischen Verbände, Gemeinden und jeden einzelnen aufgefordert, dem Keren Hajessod, dem Aufbaufonds des Jüdischen Palästina, die Förderung zu gewähren, die der Grösse der Aufgabe entspricht. Wir zweifeln nicht, daß die Mitglieder unserer Gemeinde diesem eindringlichen Rufe in einer Weise folgen werden, die der Frankfurter Juden und ihrer stolzen Tradition würdig ist. Es wird dem Judentum in Deutschland zur Ehre gereichen, in diesen schweren Tagen an einem Werke teilzuhaben, das mit Fug und Recht als die grösste Leistung der neueren jüdischen Geschichte bezeichnet worden ist. Der Keren Hajessodbedeutet für die deutschen Juden die Selbstbesteuerung zu Gunsten der Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Erez Israel. Danach bemesse ein jeder seinen Beitrag! Vorstand und Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde Justizrat Dr. J. Blau, Dr. Richard Merzbach Die Frankfurter Mitglieder des Councils der Jewish Agency for Palestine i. A. Rabbiner Dr. Horovitz Arbeitsgemeinschaft der Jewish Agency und des Keren Hajessod, Frankfurt/Main Hugo Hecht, Rabbiner Dr. Hoff mann, Rabbiner Dr. Lemle, Emil Netter, Emil Oettinger, Dr. Hans Pomeranz, Rabbiner Dr. Salzberger, Frau Sonja Schwarzschild, Rabbiner Dr. Seligmann, Dr. Alfred Straus, Dr. Eduard Strauss, Dr. Ernst Weill Bankkonto: Gebr Sulzbach, Postscheckkonto: Palästina Grundfonds Nr. 35182 Ffm. ©ie ßtn<opffonn<age der jüMföen SBfoierftttfe faffett fttttftfe mit bm (Sinfopffonttiasen tot SBittferfttffe fte* ©eutftfett Söffe* sufammett.