Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 2 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 54 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 54 „ Neuhebräisch " (Brief an einen Schüler) Sie fragen mich, nach welchem Lehrbuch man am besten Neuhebräisch lernen könne, und diese Anfrage gibt mir die seit langem gewünschte Gelegenheit, in schriftlicher Form das niederzulegen, was ich unzählige Male in Kursen und .Aussprachen auseinandergesetzt habe. „Neuhebräisch" ist eine Sprache, die es — als Ding für uns, oder wenigstens vorläufig für Sie — nicht gibt. Damit soll nicht geleugnet, sondern im Gegenteil betont werden, daß diese Sprache als Ding an sich existiert, doch darüber später. Die Sprache, die Sie zu erlernen beabsichtigen, und die alle'diejenigen lernen wollen, die entweder in Palästina am jüdischen Leben teilnehmen (z. B. in Vorträgen und Theatern folgen oder Zeitungen lesen wollen), oder die aus Interesse für die kulturelle Vergangenheit und Gegenwart der Juden die Literatursprache kennen wollen, ist Hebräisch. Das unglückselige Wort „Neuhebräisch" spukt in den Köpfen derer, die meinen, daß die heutige Sprache — etwa wie das Neugriechische oder Neuindische — etwas Neues, vom Alten diskontinuierlich Losgelöstes wäre, die insbesondere meinen, es handele sich hier um eine Sprache, die erst kurz vor oder gleichzeitig mit der Übersiedlung der „Olej Germania" (Einwanderer aus Deutschland) in Palästina gebildet worden wäre. Diesem terminologischen Irrtum hat das hebräische Buch von Emil Cohn Vorschub geleistet, dessen Titel sogar bestechenderweise (aber leider zu Unrecht) verspricht, diese (nicht vorhandene) Sprache schnell zu lehren. Dieser Titel ist eine Konzession an die Unwissenheit der Wissenwollenden, und gerade das muß der Lehrer am allerstärksten vermeiden. Das Literaturdenkmal für die hebräische Sprache ist die Bibel, die man also in erster Linie kennen muß, wenn man die hebräische Sprache und ihre Literatur kennen lernen will. Das Volk sprach zu der Zeit des Untergangs des jüdischen Staates eine abgeschliffene, sagen wir „silberne" Sprache, die aus dem „goldenen" Hebräisch der Bibel unter Vernachlässigung der Wortendungen (ähnlich wie z. B. der Frankfurter Dialekt, des Deutsehen), unter Hinzunahme von westaramäischen Stämmen und unter Erweiterung der hebräischen Stämme (z. B. Bildung von Nominalverben und Vertalnomina) entstanden war. Diese Sprache, in der die Mischna und große Teile des Midrasch verfasst sind, und die Sie leicht in der Pessachhaggada, z. B. manischtana) nachsehen können, nennt man mit Fug und Recht Neu hebräisch. Wieder etwas anderes ist das damalige Westaramäisch, in dem z. B. das Kaddisch oder in der Pessachhaggada „Ha lachma anja" verfasst sind. Eine ausgezeichnete Grammatik für Neuhebräisch (ohne Gänsefüsschen!) hat der Protestant Karl Albrecht in Oldenburg unter dem nur in diesem Fall richtigen Titel „Neuhebräische Grammatik auf Grund der Mischna" 1913 veröffentlicht. Die modernen hebräischen Schriftsteller, d. h. die Epiker, Lyriker, Novellisten, kurz alle, die über profane Dinge schrieben — vom Ausgang des 18. Jahrhunderts ab — (vorher hatten meist nur die spanischen Juden über nichtreligiöse Dinge auf Hebräisch geschrieben) schrieben zunächst im Bibelstil. Auch der „Großvater" der neuen hebräischen Literatur, Mendele Mocher Sefarim (1835-1917), schrieb im Anfang im reinen Bibelstil, in dem auch die Rückübersetzungen der (verloren gegangenen) Apokryphen durch die Mendelssohn- Schüler verfasst sind. (In Parenthese: Eine dieser Schriften, die „Weisheit des Jesu Sirach" wurde 1910 im Original in Fostat bei Kairo gefunden; dieser Fund erweiterte unsere Kenntnisse von der Sprache der Juden in Palästina). Mendele, dessen Schaffen die entscheidende Durchbruchstelle der neuen hebräischen Literatur darstellt, schrieb nach seinen Erstlingswerken einige Jahre nur jiddisch, bis er in der Mitte der achtziger Jahre zur hebräischen Sprache zurückkehrte. Dieses Mal aber, und das ist das Entscheidende, versuchte er einen neuen Stil, und da er ihn als einer der Ersten versuchte, ist er wirklich der „Grossvater" der neuen Literatur geworden. Sein Stil war* zunächst stark von dem der Mischna und des Midrasch (Legenden aus der Zeit der Mischna, etwa 200 v. — 200 n. Chr.) beeinflußt, modernisierte sich aber immer stärker. Weiteren Einfluß übten auf ihn und seine zahlreichen Mitarbeiter und Nachfolger die deutsche und die russische Literatur aus, sodaß wir eine ganze Reihe von deutschen und von russischen Begriffen in der hebräischen Sprache vorfinden. Die Nachfolger Mendeles, unter denen in der Gegenwart so berühmte Namen wie Bialik, Agnon, Achad Haam, Fischmann, (um ganz willkürlich die zu nennen, die mir gerade einfallen, also ohne Werturteil!) hervorragen, haben weiter an der Entwicklung der Sprache gearbeitet; darunter Bialik unter anderem dadurch, daß er klassische Werke der Weltliteratur (Wilhelm- Teil, Don Quichote) ins Hebräische übersetzte und damit neue Terminologien schuf. Den gleichen Weg beschritt übrigens für die modernen philosophischen termini technici Jakob Klatzkin, der u. a. Spinoza übersetzte. Übrigens hat schon der große Philosoph Maimonides an der Schöpfung einer für seine Zeit modernen hebräischen Philosophensprache gewirkt, indem er seinen „Führer der Irrenden" zunächst in der Philosophiesprache seiner Zeit, Arabisch, schrieb, aber sofort durch Ibn Tibbon eine Übersetzung ins Hebräische anfertigen Hess. Aus dieser Schriftsprache (Kern: Bibel; erweitert durch eine Unzahl von neuen Formen und Stämmen) haben alle hebräisch sprechen gelernt, die es überhaupt können. Diese Schriftsprache ist also die Sprechsprache, wenn wir von den Barbarismen . absehen, die durch die Olej Germania und Olej Amerika hineingetragen worden sind, da diese Leute zum großen Teil ohne sprachliche Vorbildung nach Palästina kamen. Die palästinensische Presse ist voll von Klagen über die Sprachbarbarei, und es gibt zahlreiche Bemühungen, Abhilfe zu schaffen. Sie sehen also, daß die heutige hebräische Sprache in engster Kontinuität mit der Sprache der Bibel steht, also zu alt ist, um als Neuhebräisch bezeichnet zu werden. Das Neuhebräische, die Sprache des ma nischtana, der Mischna usw. ist für Sie im Moment noch uninteressant und für jeden unsprechbar. Nun habe ich Ihnen so viel geschrieben und ihre Frage doch nicht beantwortet. Für Hebräisch gibt es eine ganze Reihe von brauchbaren modernen Lehrbüchern, die zwar alle ihre Mängel haben, aber unter den Händen eines erfahrenen Lehrers recht gute Instrumente sein können. Bei einer anderen Gelegenheit werde ich Ihnen diese Lehrbücher aufzählen und ihre Mängel und Vorzüge schildern. - Carl Cohen DEUTSCHE EFFECT EN* UND WECHSEL,BANK Konstabier Wache Allerheillgenstrassa «J Osihafen Hanauerlandstrasse 125 Bockenheim Leipzigerstrasse 50 vormals L. A. Hahn — gegründet 1821. — Akt.-Ges. seit 1872 FRANKFURT AM MAIN Kaiserstrasse 30 Individuelle Beratung Auch in den Städten; Höchst a. M. Dalbergstrasse 3 Offenbach a. M. Frankfurtersirasse 54