Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 2 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 Frau ist, töten. So taten, die Beiden denn auch. Einem Erklärer aber muß es anstössig gewesen sein, das Awraham aus Furcht für sein Leben sich hinter die Frau steckt, er mag sich gefragt haben, was denn nun eigentlich erreicht ist, wenn Ssara als Schwester Awrahams gilt, so und so ist sie dem Zugriff lüsterner Ägypter ausgesetzt, es war ihm ein Anstoss, daß Awraham nichts tat, um die Frau zu retten, so biegt er den ganzen Bericht um, lässt seine Phantasie frei walten und erzählt: „Bevor sie an die Grenze kamen, schloss Awraham seine Frau in eine Lade ein; als er an die Zollstätte kam, fragte man ihn, was hast du da in der Kiste, hast du etwa Kleider? Er sagte, gut, ich zahle Zoll von Kleidern- Die Zöllner wurden aufmerksam, fragten, hast du etwa Gold darin? Er sagte, gut, rechnet Zoll, als ob es Gold wäre. Sie fragten weiter, hast du vielleicht Seide als Ladung? Er sagte, gut, rechnet Zoll von Seide. Jetzt fragten sie erneut, hast du vielleicht gar Perlen in der Kiste? Er sagte, gut, rechnet also Zoll, als ob ich Perlen mitführte. Da nun sagten sie, so geht das nicht, du mußt die Kiste .öffnen, damit man sieht, was darin ist." Dieser Midrasch ist nach mancherlei Richtung bemerkenswert, er zeigt, mit welchem Humor man die biblischen Erzählungen ausspann, er spiegelt die Zoll Verhältnisse in der Zeit des erzählenden Predigers wider, wie die Wertskala in den Positionen des damaligen Zolltarif es war, daß alles bleibe hier dahingestellt; wichtig ist in diesem Zusammenhang, wie mit der neugeschaffenen Erzählung, das nach dem biblischen Bericht dem Erklärer Anstössige in dem Bilde Awrahams beiseite geschoben wird; der Erzählung wird eine ganz andere Wendung gegeben, sie wird, man kann es nicht anders sagen, korrigiert. In solcher Korrektur aber offenbart sich ein derartiges Mitleben mit den Gestalten und Begebnissen, daß dank dem Miterleben das Geschehene in die Zeitlosigkeit emporgehoben ist, gegenständlich wird und gegenwärtig bleibt. Welche Anfprüche mülfeii an ein Werk über jüdische Gefchichte gefteilt werden? von Studienrat a. D. Dr. Willy Cohn-Breslau Neuerwacht ist in unserer Zeit das Interesse für unsere jüdische Geschichte. Weite Kreise, die bisher von ihr nichts gewusst haben, versuchen sich mit der Geschichte ihres Stammes vertraut zu machen. Aber darüber hinaus ist auch die nichtjüdische Umwelt an der Kenntnis unserer Vergangenheit interessiert. Lässt man die vorhandenen Werke über jüdische Geschichte vorbeipassieren, so kommt man sehr rasch zu der Erkenntnis, dass trotz der hervorragenden Bedeutung einzelner sie alle nicht restlos befriedigen können und den Ansprüchen, die an ein derartiges Werk unbedingt gestellt werden müssen, nicht genügen. Welches sind die Ursachen? In der Geschichtsschreibung haben sich seit jeher zwei Richtungen gegenübergestanden. Die eine knüpft an die Art und Weise an, wie sie der grosse Altmeister der Geschichtswissenschaft gelehrt hat, Leopold von Ranke, dessen Ehrgeiz nur dahin ging, die Geschichte so zu erzählen, „wie sie einfach gewesen ist". Die andere Richtung ist durch den Namen Heinrich v. Treitschke gekennzeichnet. Er schrieb mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines patriotischen Herzens. Er strebte die kühle Objektivität nicht an. Uebertragen wir diesen Gegensatz auf die jüdische Geschichtsschreibung, so muss man feststellen, dass alle unsere bedeutenden Geschichtswerke stärker im Sinne Treitschkes als im Sinne Rankes geschrieben wurden. Als Heinrich Hirsch G r ä t z vor nunmehr schon vielen Jahrzenten sein grundlegendes und in vielen Punkten noch heute massgebendes Geschichtswerk schrieb, da riß ihn all das, was unser Volk erlebt und erlitten hatte, zu einer leidenschaftlichen Anklage fort. Leidenschaftlichkeit aber führt selbstverständlich zu einseitiger Stellungnahme. Man hat häufig gesagt, dass die Weltgeschichte das Weltgericht ist. Darf der Historiker aber Richter für die eigene Sache sein? Führt man diesen Gedanken konsequent zu Ende, so könnte es leicht kommen, daß sich als Ergebnis herausstellte, kein Angehöriger seines eigenen Volkes könne die Geschichte seiner Gemeinschaft schreiben. Und das wäre natürlich ein Widersinn. Immer wird etwa die Geschichte Italiens, geschrieben von einem Italiener, anders aussehen als geschrieben von einem Deutschen oder Franzosen. Es sind also vielmehr wohl Gradunterschiede, auf die es hier ankommt. Da, wie wir jetzt auch alle erfahren, die jüdische Geschichte in den Ländern der Zerstreuung in vieler Beziehung eine Wiederkehr des Gleichen darstellt, ist für den Verfasser die Objektivierung ausserordentlich schwer. Was für Grätz gesagt ist, gilt bis zu einem gewissen Grade auch für D u b n o w. Auch hier ist es ein Standpunkt, der das Werk zusammenhält, der Standpunkt des Nationaljuden, letzte Objektivität im Rankeschen Sinne ist auch hier nicht erreicht. Die in unserer Zeit erschienene kurze Geschichte der Juden von Joseph K a s t e i n ist ein noch leidenschaftlicheres Zeugnis der Subjektivität und kann auf den Titel eines geschichtswissenschaftlichen Werkes keinen Anspruch machen. Welche Ansprüche also sind an ein noch zu schreibendes Geschichtswerk zu.machen? Soweit Geschichtswissenschaft an den Universitäten Westeureupas und Amerikas heute gelehrt wird, ist die Methode Rankes die herrschende geworden. Der junge Historiker wird vor allem in Quellenkritik und Quellenanalyse geschult. Er lernt es, kein Wort zu schreiben, das nicht von der Verantwortung der Ueberlieferung gegenüber getragen ist. Und wo die Quellen versagen, darf die Phantasie nicht einspringen. Von der historischen Belletristik, die sich eine Zeitlang einen grossen Leserkreis eroberte, ist man doch rasch wieder abgekommen. Diese Werke sind so schnell verschwunden, wie sie kamen. Für die jüdische Geschichte wird also die Schulung in Quellenkritik und Quellenanalyse unbedingt auch zu fordern sein. Der Mann, der es einstmals unternehmen wird, diese abschliessende jüdische Geschichte zu schreiben, wird dieser Grundanforderung zu genügen haben. Dazu kommt noch ein weiteres. Die bisherigen jüdischen Geschichtsschreiber haben wohl sämtlich den Fehler begangen, die jüdische Geschichte isoliert zu betrachten. Ein jüngst erschienenes Buch über die Geschichte der Juden in Deutschland, das gewiss seine grossen Vorzüge hat, wird dieser Forderung, nämlich der Einordnung der jüdischen Geschichte in die Gesamtgeschichte, nicht gerecht. Tatsächlich ist ja die jüdische Geschichte so untrennbar von der gesamten Weltgeschichte, daß man sie nur begreifen kann, wenn man sie in den Gesamtzusammenhang einordnet; sonst wird es beispielsweise überhaupt nicht verständlich, warum sich in gewissen Abständen, ich denke z. B. an die Judenverfolgungen in der Zeit des „Schwarzen Todes", oder etwa 100 Jahre später an die in der Zeit Capistranos, die gleichen Vorgänge wiederholen. Die Gefahr, die hier entsteht, ist deutlich: Ein solches Werk über jüdische Geschichte müsste zu einem ausserordentlich großen Umfange anschwellen, und das mag vielleicht der Grund gewesen sein, daß die bisherigen Verfasser jüdischer Geschichtswerke davor zurückgescheut sind. Vielleicht aber kommt hier noch ein anderer Grund hinzu: Das eigenartige Quellenmaterial, mit dem wir es zu tun haben, fordert u. a. eine gewaltige Sprachkenntnis. Der westeuropäische Historiker verfügt in der Regel nicht über die notwendigen hebräischen Kenntnisse, der rabbinisch geschulte Autor dagegen nicht über die Grundsätze der historisch-kritischen -Methode. Die hervorragenden Köpfe, die das Judentum in der Geschichtswissenschaft besass, haben sehr häufig ihre Kraft in den Dienst der allgemeinen Geschichtsforschung gestellt, selbst da, wo sie, wie z. B. Harry Bresslau, von der jüdischen Geschichte ausgingen und in der Lage gewesen wären, Entscheidendes zu zu leisten. Auch heir wird die tragische Verknüpfung in