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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-11-01 · 2 (11.1935) · p. Seite 50

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
2 (11.1935)
Date
1935-11-01
Page
Seite 50 (sequence 4)
Language
German
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Seite 50 Zum Verständnis des Midrasch von Max Dienemann Statt der allmonatlichen Erklärungen „Das Schriftwort" von Rabbiner Dr. Dienemann bringen wir im folgenden die Einleis tung zum Abdruck, die Dr. Dienemann seinem . Buche „Midraschim der Klage und des Zuspruchs" vorausgestellt hat. In diesem Werke, das als Band 36 der Bücherei des Schocken-Verlags erschienen ist, hat Dienemann Midraschim übersetzt und sinnvoll zusammengestellt, die zeigen, wie der Jude Schmerz und Unglück, allein und in Gemeinschaft, trägt. Wir glauben, daß unsere Leser aus der Einleitung zu diesem Band, die die Welt des Midrasch in knapper, klarer Form darstellt, die merkwürdige Geschichtsauffassung, die tiefe Gläubigkeit des Midrasch verstehen lernen und eine Vorstellung gewinnen von einer spezifisch jüdischen Haltung, die ßieh diese Formen geprägt hat. Dem S eh o ck en-V e r 1 a g haben wir für die Nachdruck-Erlaubnis zu danken. Midrasch ist ursprünglich die Bezeichnung..für jegliche Art der Bibelauslegung. Man unterscheidet zweierlei Gattungen, jede mit einer andern Zielsetzung. Die Bibel wurde zunächst ausgelegt, um aus ihr das für die Lebensführung giltige Gesetz zu gewinnen. Eine solche Auslegung war notwendig, weil auch die wichtigsten Gebote in der Bibel nur so knapp und kurz gehalten sind, daß es zu ihrer Anwendung im täglichen Leben einer mannigfachen und vielverzweigten Ausdeutung bedurfte. Zudem war die frei geänderten Verhältnissen notwendige Fortführung des Gesetzes aus dem offenbarten Text zu gewinnen. Das die Lebensführung im Größten wie im Kleinsten regelnde Gesetz heißt Halacha — wörtlich „der Gang" — die zu ihr führende Bibelauslegung heisst darum halachischer Midrasch. Er bewegt sich in nüchternster Sachlichkeit, er hat seine bestimmten Regeln, und diese Regeln sind zu einem Kanon logischer Ausdeutung entwickelt. In ihm ist alles ernsthaft normativ gemeint und also auf die Praxis der Lebensordnung gerichtet; das mit seiner Hilfe Gewonnene hat, insbesondere wenn es die Zustimmung der Lehrversammlung fand, verbindliche Kraft. Eine andere Art der Bibelauslegung ist die, welche aus den Erzählungen und aus einzelnen Sätzen der heiligen Schrift theologische Aussagen zu den Lebensfragen gewinnen will. Sie ist die Form, aus der im Laufe der Zeiten sich jene Art der Rede entwickelt hat, die man Predigt nennt. Sie heißt Haggada — wörtlich „Sagen", „Bericht". Sie gibt sich ebenfalls als blosse Ausdeutung des Wortes, aber dieser Art der Deutung kommt keine verbindliche Geltung zu; sie ist nicht auf logische Gesetze der Abteilung gegründet, in ihr spielt logische Folgerichtigkeit gar keine Rolle, hier ist die Phantasie die bewegende Kraft. Der haggadisch Deutende bleibt sich auch dessen bewusst, daß er oft nicht aus dem Bibelwort dessen Gedanken entwickelt, sondern daß er für eine zeitgemäße theologische Aussage die Grundlage im Bibelwort sucht und findet. Diese haggadische Bibelauslegung ist gemeint, wenn man vom Midrasch (Mehrzahl: Midraschim) schlechthin spricht. Er erscheint mitunter spruchartig als kurze Sentenz, mitunter als geschlossene Erzählung. Midrasch ist schliesslich nicht nur die Bezeichnung für diese Art der Bibelauslegung als Gattung, sondern auch Bezeichnung für die Sammlungen, in denen diese Auslegungen literarisch zusammengestellt und überliefert sind. Die Sammlungen als solche sind verhältnismässig jungen Datums, die in ihnen vereinigten Stücke sind altes Traditionsgut, manche reichen bis ins erste Jahrhundert hinauf. Vielen wird der Midrasch als eine fremdartige Welt erscheinen. Und zwar nicht nur darum, "weil ihn-m dieses jüdische Schrifttum unbekannt ist, sondern mehr noch darum, weil sie an,ein ganz, anderes Judentum gewöhnt sind, und weil sie Judentum nur von dieser andern Seite her kennen und zu würdigen angehalten waren. Vielen, den Meisten wohl unter den deutschen Juden, ist Judentum eine auf der klaren Vorstellung von Gott und seiner reinen Geistigkeit beruhenden Lehre. Ob sie nun als Wesentlichstes im Judentum das Religionsgesetz, das Ritualgesetz ansehen, das bei aller Verzweigtheit doch immer klare, durchsichtige Lehre und Forderung ist, oder ob sie als Wesentlichstes die prophetische Rede, die eindringliche Forderung nach Gerechtigkeit und Menschenliebe, nach Demut und Hingabe ansehen, oder ob ihnen in der jüdischen Religionsphilosophie und in dem, was sie aus ihr wissen, die Lehre des Judentums verkörpert erscheint, immer ist ihnen Judentum nur reine Lehre und streng fordernde Ethik; es erscheint ihnen abseits von aller Vermenschlichung und Verleiblichung Gottes, abseits von allen Vorstellungen, die das reine Geistige trüben. Im Midrasch aber begegnet ihnen ein ganz und gar anderes Judentum. Hier redet Gott mit dem Menschen wie ein Mensch, er ist von Trauer und Schmerz bewegt, er wohnt buchstäblich im Heiligtum und in den Himmeln und wird mit der Zerstörung des Tempels gleichsam heimatlos. Und es gibt dort eine ganze Hierarchie von Engeln, die zwischen Gott und den Menschen stehen, es gibt einen Thrdn Gottes und ein „oberes Gefolge", es gibt eine Hölle, und es gibt die Möglichkeit, aus ihr aufzusteigen; und die Abgeschiedenen sitzen beim Mahl und beten in den Formen, in denen ein Tischgebet gesprochen wird, lernen Tora und sagen den Kaddisch der Lernenden. Man weiss längst, daß es neben dem gleichsam offiziellen Judentum der Propheten, der Rabbis und der Philosophie stets ein sozusagen, unterirdisches Judentum der Mystik gegeben hat, und daß diese beiden Richtungen immer miteinander um Geltung rangen. Aber man kann jenes mystische Judentum nicht einmal ein unterirdisches nennen, denn es war durchaus lebendig, nnd in ihm offenbarte sich mindestens ebenso wie in dem der Gedankenklarheit die Gläubigkeit des Judentums.1) Man einfand es nicht als Trübung; Gott blieb in ihm der einig-Einzige, die alleinige Macht der Welt, und immer wieder stösst man auf ein Wort, das alles Engelwesen beiseite schiebt, ihre Macht wie mit einem Hauch hinwegfegt und Gottes Geist allein in Glanz und Kraft erstrahlen lässt. Immerhin, hier ist die Welt, auf der dann später die Kabbala aufbaute, und die sie, mit neuen Vorstellungen allerdings, in einer Phantastik ausbaute, die, so überschwenglich sie sich gebärdete, doch eben nicht unerhört war. Haben, so kann man fragen, die im Midrasch Worthabenden ihr Wort wörtlich genommen, wollten sie, daß man es wörtlich nehme, haben sie an das geglaubt, was sie in solcher Weise verkündeten, oder war es ihnen, wie uns, ein Bild nur, eine Redefigur? Jahrhunderte später in den klassischen Zeiten der Religionsphilosophie entbrennt Streit darum, und je stärker ein Gesetzeslehrer mit der Philosophie verbunden war, mag er noch so strenggläubig und in der Halacha noch so unbedingt in seiner Forderung gewesen sein, umso stärker bekannte er sich zum Symbolhaften, Bildlichen des Midrasch. Wie aber die Männer des Midrasch selbst, die Prägenden und die Überliefernden? Man wird darauf wohl nie eine eindeutige Antwort geben können, es wird auch wohl nicht aller Denken das gleiche gewesen sein. Aber sicher war bei allen eine tiefe Gläubigkeit der Grundzug ihres Wesens, der Glaube an das stete Eingreifen Gottes in den Lauf der Menschen- und der Völkerschicksale, und der Glaube an die Mittelpunktstellung Israels und seines Schicksals im Lauf des Weltgeschehens; Dieser Glaube war so stark, daß auch das schwere und immer neu sich wiederholende Leid Israels ihn *) Zur Kennzeichnung des richtigen Sachverhalts stehe hier ein Rosenzweig-Zitat (Almanach des Schocken Verlags auf das Jahr 5695, S. 60 f.): „Gegensätze wie den zwischen Tora und Propheten, Halacha und Haggada, zwischen Welt und Mensch für wirk Ii che Gegensätze zu halten, das überlassen wir denen, die draussen stehen. Uns selber — wem von uns ist nicht klar, daß es keine Tora gäbe ohne die prophetischen Kräfte in Mose, dem Vater aller Propheten vor ihm und nach ihm, und andrerseits auch keine Propheten ohne den Grund der Gesetze und Ordnungen, an denen ihre Prophetie Maß und Regel empfinge. Und ein Gegensatz zwischen Halacha und Haggada — jedes Blatt des Talmud zeigt dem Lernenden beides untrennbar ineinanderverwoben und jedes Blatt der jüdischen Geschichte zeigt dieselben Hirne und Herzen in beiden Richtungen: des Forschens und Sinnens, des Entscheidens und Deutens."

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