Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 2 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 51 nicht erschüttern konnte, daß vielmehr dieses Leid zum Leid Gottes selbst wird, daß Gott selbst nicht anders gedacht werden konnte, als auf die Umkehr der Sündigen wartend, damit er helfen und allen Glanz erneuern kann, als sich freuend, wenn Israel wieder in Ruhe und Frieden kommen darf. Was am stärksten zu ergreifen vermag, das ist die im Midrasch lebendige Geschichtsauffassung. Beinahe kann man sagen, der Begriff der „Geschichte" wird aufgehoben. Denn Geschichte heisst, daß etwas „geschehen" ist, also nicht mehr ist, daß Menschen gewesen sind, die nicht mehr sind, man erfährt von ihnen, man lernt, wer sie waren, und wie sie waren, aber sie waren. Und im Midrasch leben alle gleichzeitig, kein Geschlecht ist abgetreten und nicht mehr wirksam, kein Geschlecht ist so vergangen, daß es nicht mehr gegenwärtig sein könnte. Das aber ist das Starke im Midrasch, die Menschen kennen die Geschichte nicht als Vergangenheit, alle Geschlechter leben und sind gegenwärtig, und also lebt der Heutige nicht nur auf ihren Schultern, dankbar sich dessen bewusst, daß er ohne das Dasein der Früheren nichts bedeutete, sondern er lebt buchstäblich mit ihnen. Mehr noch, er lebt nicht nur mit ihnen und sie leben in ihm, sondern jeder kann dadurch in seinem Bewusstsein mit einem der Früheren verschmelzen, gleichsam zu ihm selbst werden. Alles ist eine große Einheit, alle Geschlechter in der Aufeinanderfolge der Zeiten sind immer und zu allen Zeiten mit einander, alles ist eine große Gleichzeitigkeit. Die Zeit ist aufgehoben. Es gibt nicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es gibt nur: „Die gegenwärtige Welt", in der alle Geschlechter von der Schöpfung an und bis in alle Fernen eingeschlossen sind, und die „künftige Welt", die des Messias. Diese Allgegenwärtigkeit der Väter ist das wahre Tröstende, das was den Midrasch ins Zeitlose hebt. Midrasch ist nur auf dem Grund einer tiefen und rechten Gläubigkeit verständlich. Aber mit ihr ist zugleich eine Haltung verbunden, die in der Heiligen Schrift in einer klassischen Form von Hiob eingenommen wird. Das Rechten mit Gott ist ein im Midrasch geläufiger Vorgang. Es gibt einen Midrasch vom Tode Mosches, eine lang ausgesponnene Erzählung, die ausführlich berichtet, wie Mosche sich gegen Gottes Befehl zur Wehr setzt, was er alles für sich ins Feld führt, wie er sogar den Engel des Todes in die Flucht schlägt, und dass Gott schliesslich ihn bitten muß, ihm seine Seele zu überantworten. Dieses Eechten mit Gott ist charakteristisch für die im Midrasch sich bezeugende Gläubigkeit. Man darf daran keinen Anstoss nehmen; anstössig wäre solch ein Rechten, wenn es ein Pochen auf eigenes Verdienst wäre, aber das ist es nicht; vielmehr ist es Ausdruck der Empfindung, daß die von dem Redenden vertretene Ansicht besser, wirklicher die Hoheit Gottes, seine Absicht und seine Würde widerspiegele, als was eben geschieht. Es ist nicht ein Kampf mit Gott, sondern ein Kampf um Gott, ein Kampf um die rechte Verwirklichung Gottes. Gewiss, es ist ein Stück Selbstbewusstsein, Selbstbehauptung, Bejahungswille darin, aber ohne das gäbe es auch nicht den Willen zur Verwirklichung Gottes, und diese Verwirklichung Gottes recht verstanden und gepaart mit dem Bewusstsein menschlicher Grenze, ist nun einmal ein unverlierbarer Einschlag in die jüdische Religiosität. Midrasch — und das ist von besonderer Wichtigkeit — ist Wiedergabe einer dialogischen Situation. Das gilt in einem doppelten Sinne. Er spiegelt das Bewusstsein eines Angeredetsein des Menschen durch Gott wider; die Männer und Frauen, die handelnd oder leidend oder redend in ihm auftreten, wissen darum, daß Gott sie anredet, sie aufruft; ihre Verbundenheit mit Gott ist nicht nur die der Sehnsucht, des Suchens, sondern die des Ergriffenseins, des unmittelbaren Verkehrs mit Gott, der zu ihnen redet. Und er ist ferner Wechselrede, Wechselrede des Menschen mit Gott und mit den andern Menschen. Darum sollte Midrasch nicht nur gelesen, mit dem Auge aufgenommen, und durch das Auge dem Bewusstsein eingefügt werden, Midrasch muß gehört, vorgelesen müsste er werden. So wie er in seiner ursprünglichen Form nicht Schreibe sondern Rede war, und wie in ihm Rede anklingt, so muß er auch wiedergegeben werden. Aus dem Klang des mahnenden oder gehorchenden, des kla- Dieses Volk (das jüdische) hat drei Kennzeichen: es ist barmherzig, schamhaft und wohltätig. Talm. b. Jeb. 79 a Wer barmherzig, schamhaft und wohltätig ist, gehört sicherlich zur Nachkommenschaft unseres Stammvaters Abraham. Talm. Kalla Abschn. 9 Wir Juden waren zu allen Zeiten bestrebt, diese Eigenschaften zu betätigen. Was wir insbesondere auf dein Gebiete des Wohltuns geleistet haben, bildet ein Ruhmesblatt in unserer mehrtausendjährigen Geschichte. Heute tritt diese Pflicht fordernder und drängender denn früher an uns heran. Die alten Masstäbe für Wohltun und Liebespflicht gelten nicht mehr. Heute müssen von jedem Erwerbenden weit größere Leistungen, weit größere Opfer gefordert werden. Helft der Jüdischen Winterhilfe in ihrem schweren und ents schlossenen Kampfe gegen die vielgestaltige Not der jüdischen Bevölkerung! genden oder tröstenden Wortes stammt seine Wirkung, in ihm ist seine Seelenstärkung und seine Willensanfeuerung begründet. Midrasch ist Bibelauslegung in großartiger Souveränität. Er handhabt das Wort mit unbedingter Freiheit, mit einer Freiheit, die den an philologische Genauigkeit gewöhnten Menschen unserer Tage ganz seltsam anmutet, die der heutige Mensch sich nicht zu nehmen wagen würde. Gerade weil es sich bei dieser Bibelauslegung nicht um die Genauigkeit und Strenge der Lebensführung unter dem Gesetz handelt, kann er in das Bibelwort Gedanken und Zielsetzung der Sprechenden einbauen und das Wort dem Sprecher Untertan seiu lassen. Man kann dafür Beispiel über Beispiel häufen. In dem Stück „Nur Gott kann trösten" beruht die Pointe darauf, daß der Vers „tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott" so gelesen wird, als stünde im Urtext: „tröstet, tröstet mit mir, spricht euer Gott". Mein Volk heisst ammi, mit mir heisst immi, die Worte haben im Hebräischen dasselbe Schriftbild und sind doch inhaltlich und lexikalisch von einander ganz geschieden. Aber der Bibelausleger bedenkt sich keinen Augenblick, sich die Freiheit dieser Änderung der Vokalisation zu nehmen, um so zu seiner Pointe zu kommen, die er, das dürfen wir glauben und können wir nachempfinden, im Text gegeben weiss — wenn auch nicht so buchstäblich, wie es der schlagenden Bildhaftigkeit wegen gesagt wird. Gleiches gilt für das Stück: „Das große Gericht". Es schliesst mit dem Vers: „öffnet die Tore, daß komme der Stamm, der Bewährte, der die Treue hält", aber der Vers wird gelesen als laute er: „der Stamm, der bewährte, der Amen sagt". Die hebräischen Worte s c h o m er e m u n i m werden klanglich verändert bis man hört — wieder ein Zeugnis für die Notwendigkeit, daß Midrasch gesprochen werden muß — scheomrim amenim. Irgend ein aus der Sprache oder dem Text geschöpftes Recht zu dieser Änderung ist nicht gegeben; sie ist willkürlich, ein Stilmittel des Sprechenden, um das für seinen Sinn im. Text Erkennbare nun auch den andern hörbar zu machen. Ihm bedeutet eben „die Treue halten": zu den Schickungen „Amen sagen"; durch die Änderung gewinnt er ein Mittel zur Erzielung dessen, was er erzielen will, die Beflügelung des Willens, Amen zu sagen zu allem, was Gott schickt. Souverän ist das Bibelwort gedeutet, wenn in «lern Stück: „Wie Gott trauert" der Vers (Klagel. 328) „er sitzt einsam und schweigt" auf Gott bezogen wird, oder wenn in dem Stück „Wie könnten wir singen" das Gleiche mit dem berühmten Verse „wenn ich dein vergäße, Jerusalem" geschieht. Beidemal sagt ihn hier Gott von sich selbst aus. Diese Souveränität in der Behandlung des Bibelwortes kann so weit gehen, daß an dem Inhalt einer ganzen biblischen Erzählung eine Korrektur geübt wird. Ein Beispiel: die Bibel berichtet (1. M. 12), daß Awraham, als er wegen der Hungersnot in Kanaan mit seiner Frau Ssara nach Ägypten zog, mit ihr verabredete, sie solle sich als seine Schwester ausgeben, weil er Furcht hatte, die Ägypter würden ihn, wenn sie wüssten, daß Ssara seine