Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 13 (9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 487 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 487 Gläubigen jene Höhle M a c h p e 1 a bei Hebron, worin einst Abraham an der Seite seines Weibes Sara, worin später Isaak und Rebekka, Jakob und Lea beigesetzt wurden, als heilig betrachten. Noch Josephus und der Talmud kennen die „Doppelhöhle" (so deuten die Rabbinen den Namen Machpelä), die Herodes mit einer Mauer umgeben hatte. Aber das mohammedanische Heiligtum, das unter dem Namen Haram dort steht, deckt sich, keinesfalls mit dem ursprünglichen Gebäude. Jahrhunderte lang hat kein „Ungläubiger" es betreten dürfen. Nur an der hohen Mauer, von der es eingeschlossen wird, beten Juden wie an der Klagemauer, Jerusalems. In einem der Mauersteine befindet sich ein Loch, durch das Zettel mit Bittgesuchen an die Erzväter und die Erzmütter geworfen werden. Diese selbst sollen in der Höhle unter der Moschee ruhen; zwei Eingänge, die dahin führen, sind vermauert, aber durch eine Öffnung im Boden wird täglich eine brennende Lampe hinabgelassen. Die beiden steinernen Kenotaphe (leere Särge) in der Moschee —nur einige bevorzugte Europäer durften sie sehen — sollen genau über den Gräbern Isaaks und Rebekkas stehen, zwei andere in benachbarten kleineren Moscheen über den Gräbern Abrahams und Saras; die Kenotaphe Jakobs und Leas befinden sich in Kammern nördlich vom Hof des Heiligtums. In einem mittelalterlichen Anbau sollen, entgegen dem Zeugnis der Bibel, wonach sie auf einem Felde bei Sichern beigesetzt wurden, Josephs Gebeine aufbewahrt sein. Nur R a h e 1, Josephs Mutter, ruht nicht bei den Ihren. Sie starb, als sie Benjamin, ihrem zweiten Sohn, das Leben schenkte, noch ehe sie mit Jakob in dessen Heimat ziehen durfte. „Sie wurde begraben auf dem Wege nach Efrat, das ist Betlehem. Und Jakob errichtete einen Denkstein auf ihrem Grabe, das ist der Denkstein des Grabes Rahel bis auf diesen Tag." Ein Hauch von Schönheit, Liebe und Wehmut umgibt diese Frauengestalt mit einem Zauber, der noch heute auch nichtjüdische Dichter erfaßt. Ihr Anblick gibt dem jungen Jakob, dem Muttersohn, der als Flüchtling am Brunnen von Haran anlangt, die ungeahnte Kraft, den schweren Stein von der Oeffnung des Brunnens allein hinwegzuwälzen; die Liebe zu ihr macht sieben Jahre, die er um sie dienen muß, zu ebensoviel Tagen. Ihr Joseph wird sein Liebling, in dessen Zügen er das Bild der längst Verblichenen schaut, Benjamin, ihr „Schmerzenskind", wird ihm zum „Sohn der Rechten", den er nicht von seiner Seite lassen mag. Und noch auf seinem letzten Lager versagt dem Greis die Stimme, als er, das Auge auf Joseph und dessen Söhne gerichtet, Rückschau auf sein Leben hält: „Und ich, als ich von Padan Aram kam, starb mir Rahel im Lande Kanaan auf dem Wege, da noch eine Strecke Landes war bis man nach Efrat kommt ... und ich begrub sie dort am Wege nach Efrat, das ist Betlehem..." Noch ihr einsames Grab ist umwittert von Wehmut „bis auf diesen Tag". Ob das Grab der Rahel, das an der alten Fahrstrasse von Jerusalem nach Betlehem, etwa eine halbe Stunde vor. der Stadt liegt, wirklich Raheis Grab ist, wird von manchen bezweifelt. Nach einer Angabe des 1. Samuel-Buches würde man es eher im Norden, im Gebiete Benjamins oder auf der Grenze zwischen Efraim und Benjamin suchen. Schon der Talmud hat auf die Schwierigkeit dieser Ortsangabe aufmerksam gemacht. Jedenfalls aber ist das als Raheis Grab bezeichnete Bauwerk sehr alt. Kirchenväter des 4. Jahrhunderts berichten von ihm, und Benjamin von Tudela, ein jüdischer .Weltreisender des 12. Jahrhunderts, erwähnt in seiner Reisebeschreibung ein Grabmal von 12 Steinen —12 nach der Zahl' der Söhne Jakobs und der Stämme Israels —, das sich über dem Grabe erhob und auf die alle vorüberziehenden Juden ihre Namen schrieben. Die Stätte gilt seit •alters Juden, Christen und Mohammedanern als geweiht, ihr zur Seite lassen noch heute mit Vorliebe Beduinen ihre Toten begraben. Das jetzige Gebäude hat Moses Montefiore im Jahre 1841 errichten lassen. Durch eine niedrige Tür tritt man zunächst in ein kleines offenes Vorzimmer und gelangt von da in eine massig große viereckige, von einer Kuppel überwölbte Grabkammer. Der Raum ist von Öllampen spärlich erhellt. Das Grabmal selbst in seiner Mitte, hoch und oben gerundet, ist übertüncht und mit Inschriften der Besucher bedeckt. An den kahlen, steinernen Wänden hängen Thoramäntel mit Goldstickerei. Zu den Vorabenden des Neumondfestes und während des Monats Elul, der den „gewaltigen Tagen" unmittelbar vorangeht, ist Raheis Grab das Ziel zahlreicher jüdischer Bewohner Jerusalems. Ergreifend wirken die Worte, die in großen hebräischen Lettern auf der Rückwand der Kammer zu lesen sind, die Worte Jeremias, die wir Jahr für Jahr am, zweiten Tage unseres Neujahrsfestes in allen Synagogen verlesen: „Rahel weint um ihre Kinder, sie will sich nicht trösten lassen um ihre Kinder, denn sie sind dahin. So spricht der Ewige: Halte zurück deine Stimme vom Weinen und deine Augen von Tränen, denn es gibt einen Lohn für dein Tun: sie kehren heim aus Feindesland. Und es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft: die Kinder kehren heim in ihr Gebiet." Wer diese Worte an dieser Stätte liest, der fühlt sich im Tiefsten ergriffen. Ihm ist, als ob in stillen Nächten die alte, ewig junge Stammutter aus ihrem Grabe stiege und an den Weg sieh stellte, der hier nach Betlehem und dort nach Jerusalem führt. Ihr umflorter Blick sucht Väter und Mütter, Kinder und Enkel und sieht nur Gräber rings umher. Richter und Könige, Priester und Propheten, Dichter und Gelehrte aus dreieinhalb Jahrtausenden und ungezählte Namenlose ihres Volkes, die einst über diese Erde wandelten — nun selber Staub und Erde! Da fällt wie ein göttlicher Funke der Trost in Raheis Seele: „Es gibt einen Lohn, es gibt Hoffnung für deine Zukunft." Zukunft? Aber sie wird ja zur Gegenwart: Kinder kehren heim. Sie kehren heim zum Lande ihrer Väter und Mütter tmd wandeln die Öde zum „getränkten Garten". Sie kehren heim zum Gotte ihrer Väter und Mütter in dem zuversichtlichen Glauben, „daß der Ewige Jakob erlöst und es befreit aus der Hand, die stärker ist als er." Das Schriftwort Ordnung und Frieden von Max Dienemann Den Wochenabschnitt, der mit den Worten anhebt: „Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen in allen deinen Toren" (5. M. 16,18), begleitet der Midrasch im Beginn und im Ende mit besonders beachtenswerter Deutung; und diese Deutungen haben äußerlich keine Verbindung, sind scheinbar ohne jeden Zusammenhang, und sie sind doch innerlich aufs tiefste miteinander verbunden. Zu dem eben genannten Eingangsvers heisst es: „Das ist's, was geschrieben steht (Spr. 6,6-8): „Geh zur Ameise, du Fauler, achte auf ihre Wege und werde weise. Sie hat keinen Fürsten, Aufseher oder Herrscher. Sie bereitet sich im Sommer ihr Brot, sie sammelt in der Ernte ihre Nahrung." Was beobachtete Salomo, daß er den Faulen von der Ameise lernen Hess? Die alten Lehrer erzählen: Die Ameise hat drei Kammern, sie legt nichts in die obere, aus Furcht vor der eindringenden Feuchtigkeit, und nichts in die untere, weil in sie das Ungeziefer eindringen kann, und sie lebt nur sechs Monate; — wieso nur so kurz? Denn kein Geschöpf, das ohne Knochen und ohne Adern ist, kann länger als sechs Monate leben; — und all ihr Verzehr ist höchstens ein und einhalb Weizenkorn. Und trotzdem sammelt sie im Sommer alles, was sie findet an Weizen, Gerste, Linsen. Warum tut sie also? Sie sagt sich: vielleicht bestimmt der Heilige, gelobt sei er, doch Leben für mich, dann soll vorbereitet sein für mich zu essen. Rabbi Schimon ben Jochai sagte: „Es geschah einmal, da fand man in ihrem Loch dreihundert Scheffel, die sie im Sommer für den Winter gesammelt hatte. Darum sagte Schelomo: geh zur Ameise, du Fauler, achte auf ihre Wege und werde weise! Auch ihr macht euch zurecht gute Taten von dieser Welt für die künftige!" Und was bedeutet: „achte auf ihre Wege und werde weise?" Die Lehrer erklären das: achte auf den Anstand, den sie hat, und