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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-09-01 · 13 (9.1935) · p. Seite 488

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
13 (9.1935)
Date
1935-09-01
Page
Seite 488 (sequence 6)
Language
German
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Seite 488 Dr. jur. Hugo Hoffmann Generalvertreter der Victoria-Versicherung Kaiserstralje 2 4 Fernsprecher 24841/2 wie sie jeglichen Raub meidet. Rabbi Schimon ben Chaläfta sagte': eine Ameise Hess einmal ein Weizenkorn fallen, da kamen älle',- rochen daran und keine rührte daran und nahm es auf; dann kam die, der es gehört hatte, die nahm es wieder an sich. Achte, was für Weisheit in ihr ist; und wie muß man sie rühmen! Sie hat es an keinem Geschöpf gelernt, hat keinen Richter und keinen Aufseher, denn so heisst es: „sie hat keinen Fürsten, Aufseher oder Herrscher". Ihr, denen ich Richter und Aufseher gesetzt habe, müsst ihr nicht erst recht auf sie horchen! Das ist der Sinn des Wortes „Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen in allen deinen Toren". So der Midrasch in seiner eigentümlichen Sprache. Wenn man diese Sprache erst recht kennen gelernt hat, dann weiss man, es kommt dem Sprecher — denn aller Midrasch war Ansprache, nicht Schriftstellerei, Rede und nicht Schreibe — nicht auf diese Deutung an. er meint auch gar nicht, daß das, was er vorträgt, die Erklärung des Bibelverses ist; er knüpft an ihn an und erzählt, in der selbstverständlichen Erwartung, daß seine Hörer das Vernommene selbständig weitertragen werden, daß sie die tieferen Erkenntnisse, die im eigenen Denken zu gewinnenden Lehren schon finden werden, und auf die zielt er hin, Wenn wir so an diesen Midrasch herangehen, was gewinnen wir? Zuerst Zerürocliene FgnsferscBeilien? Bildereinrahmungen Dann nur Glaserei Rechneigrabenstr.10 ClemensKahn t<ä achte man auf das am Beispiel der Ameise gezeigte Ineinanderklingen von Vorsieht und berechnender Vorsorge auf der einen und von Gläubigkeit und Vertrauen auf der anderen Seite. Sie wird geschildert als zugleich in höchster Vorsicht arbeitend und dabei doch von einem unbegrenzten Glauben getragen. Daran soll der Mensch sich ein Muster nehmen. Er muß auch nach all seinen menschlichen Möglichkeiten Vorsorge treffen, aber zugleich muß er wissen, daß alles Leben im letzten doch ein Unberechenbares ist, und daß die einzige wahrhafte Stütze eine innere Haltung des Vertrauens und des Glaubens ist. Mit. dem Berechenbaren entgöttlicht sich das Leben, artet der Mensch in einen Souveränitätsdünkel aus, als hänge wirklich alles nur von ihm und seiner Klugheit ab; und allzusehr haben wir alle mit unseren Bemühen, die Bedrohtheiten des Lebens auszuschalten, Schiffbruch gelitten. Gläubigkeit allein ist auch nicht die rechte Haltung. Beides muß sein, die Haltung des Glaubens und das eigene Tun. Die Ameise wird hier zum Beispiel des unbegrenzten Glaubens erhoben. Wenn sie Bewusstsein hätte im Sinne des menschlichen Bewusstseins, so wüßte sie, es kann ihr keine längere Lebensdauer besehieden sein, und trotzdem spricht sie das große „Vielleicht" und handelt so, als ob sie doch möglich wäre. Sie hält sich nicht an die physischen Gegebenheiten, an das Tatsächliche und Unabänderliche und handelt so, als ob jede Wandlung möglich sei. Beispiel für den Menschen. Er muß auch e«\-Si Reparaturen in eig. Werkstätte Alle nnmod. Iren nehme fcb bei Neokaul In Zahlung .------------* in allen seinen Entschlüssen, so sehr er dem Augenblick gehorchen mag und muß, in sich einen Glauben tragen, daß Schicksalswandel immer möglich ist, wenn Gott will. Und er muß für für solchen möglichen Wandel die Ausrüstung vorbereiten. Und! mit klugem Sinn weist der Autor dieses Midraseiis darauf hin., daß der Mensch sich nicht sklavisch an das Beispiel* der Ameise? halten darf, sie mag materielle Grundlagen schaffen, e'r muss; geistige Grundlagen schaffen. Auf diese geistigen Grüfidi'agen einer neuen Lebensmöglichkeit, eines ungebrochenen Löffßns-- willens kommt es an. Die Ameise wird zum Beispiel der Rücksicht des Respekts vor dem Besitz des anderen hingestellt. Natürlich ist auch, das der Wille", deri Hörer zu solcher Ehrlichkeit zu erziehen; wann hätte je die Erzieliung zur unbedingten Ehrlichkeit, zur Achtung vor dem Besitz des änderen aufgehört? Aber wenn nur das erzielt werden sollte, das hätte' äuch einfacher gesagt werden können".- Am Midrasch soll der Hörer selbst weiterdenken. Und das-Gewollte' ist der „Schluß vom Geringeren aufs. Größere", wie er daHn in! anderer Richtung angedeutet ist. Wenn selbst die Ameise Um Besitz achtet, dann muß der Mensch nicht nur das Recht am Besitz achten, sondern auch das Lebensrecht im ganzen, muß er .den Respekt und die Achtung vor dem Menschen in seinem ganzen Lebensanspruch haben. Schon von hier aus knüpft sich ein Faden zu dem H y m n tt § - auf den Frieden, mit dem die Midraschsammlutfg den? Wochenabschnitt beschliesst. Die Haggadah lehnt sich hie'*' äi* die Bestimmung der Bibel an, daß im Falle des Krieges die Feind'-' Seligkeiten gegen eine Stadt nicht eröffnet werden sollen, ehtf man in allem Ernst Frieden angeboten habe. Hier erscheint dem Ausleger des Bibeltextes der geeignete Ort zu sein, um vom Wert des Friedens zu sprechen. Er tut das, indem er allerhand Aussprüche aneinanderreiht, die unter sich keinen anderen Zusammenhang haben als deUj daß das Lob des Friedens gekündet wird. Einige dieser Aussprüche seien wiedergegeben. Sieh, wie gross die Göwält des Friedens ist! Wenn eitf Mensch weiss, daß jemand ihn! hasst, so hält er Umschau, wie' er ihm begegnen könnte. Und was tut ef? Er erweist einem Mächtigen Ehre, daß der seinem Hasser Böses antue. Nicht $o der Heilige, gelobt sei er. Alle Anbeter der Sternbilder erzürnen ihn, und sie schlafen in Ruhe, und ihre Seelen steige« empor zu Gott — denn so heisst es (Jjob 12,10) „in seiner Hand; sind die Seelen aller Lebenden" — und am Morgen gibt er jedem" seine Seele wieder zurück — denn so heisst es (Jeschaj. 42,5) ,-,er gibt die Seele allem Volk auf der Erde"; eineandere Beobachtung: wenn ein Mensch seinem Nächsten etwas Böses antut,- so weicht die Erinnerung daran nie aus seinem Herzen, ändert der Heilige, gelobt sei er; Israel war in Ägypten gewesen,- und die Ägypter hatten sie fronen lassen in Lehm und Ziegel»^ trotz all dem Bösen, das sie Israel angetan hatten, nimmt die" heilige Schrift Rücksicht auf sie und gebietet (5. M. 23,8) „du sollst den Ägypter nicht verabscheuen, denn Gast warst du in seinem Land", sondern du sollst ihm mit Frieden nachgehen, wie es heisst (Ps. 34,15) „suche Frieden und jage ihm nach". Rabbi Lewi sagte, groß ist der Frieden, denn die Bibel lässt unwahre Worte reden, um Frieden zwischen Josef und seinen Brüdern zu stiften, denn als ihr Vater starb, fürchteten sie sich, daß er nicht jetzt Rache an ihnen nehme, und was . sprachen sie - zu ihm (1. M. 50,17)? „Dein Vater hat vor seinem Todö befohlen, so sollt ihr sprechen zu Josef, verzeihe doch den Frevel deiner Brüder u. s.w.", und nirgends finden wir, daß Jaakob so etwas geboten (und damit dem Josef Rachegedanken unterstellt) hätte. Die heilige Schrift lässt also hier Unwahres reden, all das wegen des Friedens. Dazu sagen unsere Weisen, ihr Andenken sei gesegnet: Wieviel Federn , sind zerbrochen worden, wieviel Tinte verspritzt, um diese Worte zu schreiben, die nie gesprochen: wurden? Warum? Nur um des Friedens willen. Rabbi Eleasar hakappar sagte im Namen Rabbis: Groß ist des Friedens Macht; wenn Israel eine Einheit bildet, dann mag sogar Götzendienst unter ihnen sein, trotzdem rührt die strafende Gerechtigkeit Gottes nicht an ihnen, denn so heisst es (Hoschea 4,17)

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