Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 11 (7.1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 422 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 422 preussen. Fand das Philippsonsche Blatt in Mittel- und Westdeutschland seine wesentliche Stütze, so Hamaggid unter den Juden der Ostprovinzen, die des Hebräischen länger mächtig blieben als die links der Elbe wohnenden. Die religiösen Kämpfe um die Mitte des 19. Jahrhunderts führten zur Gründung des „Israelit". Der Rabbiner und Schriftsteller Dr. Marcus Lehmann in Mainz rief ihn im Jahre 1860 ins Leben. Dieses Wochenblatt der -Austritts-Orthodoxie ist wohl das einzige jüdische Organ, das in jenen Jahren entstand und heute noch erscheint. Es konnte im vergangenen Halbjahr seinen 75. Geburtstag feiern. Der Begründer hat es bis zu seinem Tode 1890 geleitet. Es wäre interessant zu wissen, wie groß eigentlich der Leserkreis war, der sich um diese Blätter scharte. Da das Zeitunglesen in jener Zeit noch nicht in Mode war, da ferner ein erheblicher Prozentsatz der deutschen Juden — im Besitz emanzipatorischer Errungenschaften geistig saturiert — wenig oder gar kein Interesse an den Vorgängen in der jüdischen Welt aufbrachte, darf angenommen werden, daß die Abonnentenzahl verhältnismässig klein geblieben ist; jedenfalls klein, gemessen an den Auflageziffern unserer gegenwärtig führenden jüdischen Zeitungen in Deutschland. Selbst die die Gemüter aufs stärkste erregenden antisemitischen Intermezzi, wie die Ritualmordprözesse und der Dreyf ussskandal vermochten es nicht, der jüdischen Presse einen spürbaren Auftrieb zu geben. Da trat Theodor H e r z 1 auf den Plan und inaugurierte die zionistische Bewegung, die sehr bald namentlich die akademische Jugend mit Allgewalt ergriff, und die die seit langem stagnierende Entwicklung des Judenschicksals in lebhaftesten Fluß brachte und die Geister zu leidenschaftlicher innerjüdischer Auseinandersetzung mobilisierte. Herzl schuf sich in der „W e 11" im Jahre 1897 sein publizistisches Organ; sie erschien bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Bereits 1896 war die Jüdische Rundschau begründet worden, so daß den deutschen Zionisten zwei Blätter zum geistigen Kampf, zur Verfügung standen. Ihnen gegenüber vertraten die Anhänger des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ihre Anschauungen in der 1895 ins Leben gerufenen Monatsschrift „Im deutschen Reich", die gleich der Allgemeinen Zeitung des Judentums 1922 von der C. V. Zeitung abgelöst wurde, sowie sehr viel später der religiöse Liberalismus in der „J ü - d i s c h-1 iberalen Zeitun g". Als das 20. Jahrhundert begann, gingen die Wellen des Kampfes zwischen den verschiedenen jüdisch politischen, aber auch den religiösen Richtungen recht hoch. Es war nur zu natürlich, daß die kampfentwöhnten und kampfscheuenden kleinbürgerlichen Massen in den kleinen Städten und auf dem flachen Lande den Wunsch hatten, in einer seelischen Zone der Gefahrlosigkeit und Behäbigkeit zu verharren. Dem inzwischen stärker gewordenen Lesebedürfnis kam der Hamburger Verleger Lessmann durch die Begründung des „Israelitischen Familienblattes" entgegen. Dieses Blatt kam im Jahre 1900 zum ersten Male in die jüdischen Häuser, und in kurzer Zeit hatte es sich durch seine neutrale Haltung, noch mehr aber durch seinen ausserordentlich volkstümlich aufgebauten Inhalt und durch den wirtschaftlich und für die Anknüpfung familiärer Beziehungen wichtigen Anzeigenteil eine erhebliche Zahl von Beziehern erobert. Es ist eine oft bestätigte Erfahrung, daß die Auseinandersetzungen im öffentlichen Leben die wenigen kompakten Richtungen sehr bald aufspalten und in kleinere Gruppen zerfallen lassen. Die drei letzten Jahrzehnte haben denn auch, namentlich unter dem dauernd stärker werdenden Druck der Umwelt, die deutsche Judenheit zusehends politisiert und in immer zahlreicher werdende Fraktionen zerklüftet. Denkt man daran, daß in der gleichen Zeitspanne die Bedeutung der Presse enorm gestiegen ist, so wird man es begreiflich finden, wenn auch im jüdischen Lager das Zeitungswesen einen großen Aufschwung nahm. Neben die paar führenden Blätter, die fortgesetzt miteinander wetteiferten, technisch und inhaltlich vollkommener zu werden, traten Dutzende von Zeitungen, die teils lokalen Interessen dienten, teils die Anschauungen der immer vielschichtiger werdenden Organisationen zu vertreten sich bestrebten. Sie hielten sich eine Weile, gingen dann aus mancherlei Gründen ein, erschienen wieder und führten im großen und ganzen ein ruheloses Dasein. Hierbei darf abgesehen werden von den offiziellen Organen der größeren Gemeinden, von den Blättern bedeutender Organisationen. Sie konnten unter mancherlei Wandlungen kritische Zeiten überstehen und üben noch heute, und gerade heute, großen EinflLß auf die inner jüdische Entwicklung aus. Versucht man, den Aktionsbereich der jüdischen Zeitungen bis zur Zeit des politischen Umschwungs zu umreissen, so darf man sagen, daß sie alle ohne Ausnahme mitzuarbeiten versuchten an einer Wiederbelebung der matt und träge gewordenen jüdischen Welt, dass sie aber darüber hinausgehend nach aussen hin aufklärend und angriffabwehrend wirken wollten. An bedauerlich hässlichen Missklängen intramuros hat es dabei nicht gefehlt, und allzuoft wuiden die Grenzen des guten Tones überschritten. Wer einmal alte Jahrgänge von ausgesprochen kämpferischen Organen durchblättert, wird leidenschaftlich geführte Polemiken finden aus Anlässen, deren lächerliche Unwichtigkeit uns erst heute, angesichts der wirklich ans Letzte greifenden Probleme unserer Tage recht zu Bewusstsein kommt. Die Schwere der Zeit hat von selber die notwendigen Korrekturen nach dieser Richtung hin vorgenommen. Heute, da es ums Ganze der Existenz geht, sind sich die jüdischen Publizisten ihrer Verantwortung bewusst. Das Ringen um jüdisch politische und jüdisch religiöse Fragen hat an Stärke nicht eingebüsst: die Leidenschaft bei ihrer Behandlung ist geblieben, aber sie zielen auf grosse Gesichtspunkte hin und, man erörtert sie in Sachlichkeit, mit besonnenem Masshalten. Die Weise, in der unsere Zeitungen, die grossen und die kleinen, auf das Geschehen um uns her und in unserer Mitte reagiert haben, in der sie die jüdischen Menschen aufgerüttelt, angeklagt, ermahnt und ermutigt haben, wird stets ein glanzvolles Zeugnis für die Kraft bilden, die uns geblieben ist. Die Zeitungen selber aber, die die Situation mit feinem Spürsinn für das Angemessene eines jeden Tages zu meistern unternehmen, in deren Spalten alle Wirrnis und alles Ungemach, aber auch alles Grosse und Heldische unserer Generation sichtbar Ausdruck findet, werden diesen Abschnitt unserer vielbewegten Geschichte denen getreulich wiederspiegeln, die irgendwann und irgendwo in anderen Zeitläuften den Spuren des Schicksals nachgehen. DEUTSCHE EFFECTEN*UND WECHSEL,BANK Konstabier Wache Allerhelligenslrasse 89 Osthafen . Hanauerlandstrasse 125 Bockenheim Laipzlgerstrasse 50 vormals L. A. 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