Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 11 (7.1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 423 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 423 Wirtschaftskredithilfe Während die jüdischen Darlehenskassen durch Gewährung von Darlehen echte Wirtschaftskredite vermitteln, die ähnlich wie bei den Banken nur gegen Stellung von persönlichen oder sachlichen Sicherheiten ausgegeben werden, hat andererseits die Wohlfahrtspflege die Aufgabe, rein charitative Hilfe zu leisten, die wesentlich für solche Menschen in Frage kommt, die längere Zeit oder dauernd erwerbsunfähig sind. Mitten zwischen dem reinen Wirtschaftskredit und der sozialen Hilfe steht die Wirtschaftskredithilfe. Diese hat eine Gruppe von Menschen zu versorgen, die weder einen reinen Wirtschaftskredit'gemessen können, noch eine reine Unterstützung benötigen. Es handelt sich also um Menschen, die zwar nicht die von der Darlehenskasse verlangten Sicherheiten aufbringen können, aber doch anderseits nicht auf die Dauer fremde Unterstützung beanspruchen müssen. Für diese Menschen ist im Zusammenhang mit den Massnahmen für Hilfe und Aufbau in den letzten Jahren ein Hilfsprogramm aufgebaut worden, dessen Durchführung den in Deutschland lebenden Juden zu Gute kommt. Im zweiten Halbjahr 1934 wurden von den jüdischen Wirtschaftshilfsstellen in Deutschland insgesamt 35 000 Wirtschaftshilfsfälle bearbeitet. Die Menschen, die sich an diese Stellen wenden, dürfen mit Recht das Gefühl haben, daß sie keine „Wohlfahrtsfälle" sind und deshalb einer besonderen Behandlung bedürfen. Aus dieser psychologischen Situation der Gesuchsteller erklärt sich auch die Notwendigkeit einer Bearbeitung durch selbständige soziale Stellen die die Vergebung der Wirtschaftshilfskredite zur Aufgabe haben. Die Wirtschaftskredithilfe kommt nur für Menschen in Frage, die im Wirtschaftsleben stehen und sich dort erhalten können. So werden Geschäftsleute gern zur Erhöhung ihres Betriebskapitals, Reisevertreter zur Bestreitung einer Bezirksreisekarte und Handwerker zur Beschaffung von Werkzeugen und. Rohstoffen die Wirtschaftskredithilfe in. Anspruch nehmen. *) Durch Wirtschaftskredithilfe wird auch Angestellten und Kaufleuten die finanzielle Möglichkeit gegeben, ihr kaufmännisches Können durch Erlernen des Dekorierens oder anderer kaufmännischer Fähigkeiten zu erweitern. — Häufig wird, einem Geschäftsmann die Zahlung einer Anzeige im Gemeindeblatt ermöglicht, falls sie aus eigener Kraft nicht geleistet werden kann. Der Zweck der Wirtschaftshilfskredite wird noch an folgenden Beispielen aus der Arbeit der Frankfurter Wirtschaftskredithilfe deutlich: Einem Ingenieur wurde die jährlich fällige Gebühr für sein Patent bezahlt, damit er die Möglichkeit hatte, aus dieser Quelle den Nutzen seiner Erfindung zu ziehen. Einem Händler, der bisher mit großen Opfern an Zeit und Gesundheit seine Ware mit dem Handkarren vertrieb, wurde ein gebrauchter Rollfix gekauft; nachdem der Wagen mit Hilfe eines zweiten Wirtschaftshilfskredites repariert worden war, konnte er in den Dienst des Geschäftes gestellt werden. Einem Viehhändler wurde ein kleines Betriebskapital zur Verfügung gestellt, damit er auf dem Markt Einkäufe tätigen konnte. Einem Kaufmann wurde für die Beteiligung an einem Tischlergeschäft ein Betrag bewilligt. Dies sind nur einige Fälle aus der Praxis der Frankfurter Wirtschaftshilfe innerhalb der letzten Monate. Die Wirtschaftshilfe wurde jeweils in Form eines Darlehens gewährt und im Durchschnitt schon mit einem Fünftel im ersten Jahr der Darlehnshingabe zurückbezahlt. Die Beträge, die im Einzelfall gegeben wurden, schwanken etwa zwischen RM. 10.— und 300.—. Für die Bemessung der Höhe des einzelnen Darlehns ist die Be- *) Für die nächste Zeit ist auch an die finanzielle Hilfe für solche Handwerker gedacht, die auf Grund der Handwerkerverordnung ihre Meisterprüfung nachholen müssen. Vgl. Mitteilung unter den Bekanntmachungen der Beratungsstelle auf Seite 4S9 dieses Blattes. Zustellung des Gemeindeblattes Reklamationen wegen unpünktlicher oder unrichtiger Lieferung des Gemeindeblattes bitten wir stets direkt an unsere iiotenmeisterei (Verein Berufsberatung und Arbeitsnachweis für Juden E.V.), Königswarterstrasse 26, Fernsprecher 26164, zu richten. Diese wird bemüht sein, etwaige Unstimmigkeiten unverzüglich abzustellen. Frankfurt a. M., den 20. Juni 1935 FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Verwaltung Sonderheit des Einzelfalles massgebend. Obwohl im Ganzen die Mittel für die Wirtschaftskredithilfe nicht allzu groß sind, konnte doch in vielen Fällen eine wirksame Hilfe geleistet werden, sodaß die Menschen und ihre Familien nicht der allgemeinen oder jüdischen Wohlfahrtspflege zur Last zu fallen brauchten. In Frankfurt a. M. gibt die Jüdische Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe, Königwarterstrasse 24, Hand in Hand mit eingehender fachmännischer Wirtsehaftsberatung die Wirtschaftshilfskredite aus. Die Auszahlung erfolgt durch die Jüdische Leihkasse E. V., Frankfurt a. M., die auch die Rückzahlung der Darlehnsbeträge überwacht. R. St. Abschied vom Neuen Theater Was bis vor kurzem noch nicht als endgültig betrachtet werden konnte, ist jetzt zur unumstösslichen Tatsache geworden. Die Vorstellung „Minna von Barnhelm", mit der das Neue Theater seine Spielzeit 1934/35 abgeschlossen hat, bedeutet zugleich den Axtsklang einer wichtigen Epoche des Frankfurter Theaterlebens: Arthur Hellmer, der die Bühne im Jahre-1911 zusammen mit seinem Kollegen am Frankfurter Schauspielhaus, Max R e i m a n n, gegründet hat und der sie seit 1921 als alleiniger Bpsitzer künstlerisch leitete, verlässt Frankfurt, um in Wien ein anderes Privattheater zit übernehmen. Die städtischen Bühnen dehnen dagegen mit Beginn der neuen Saison ihren Arbeitsbereich auch auf dieses, dann als „Kleines Theater" bezeichnete Haus aus. Das für die Gestaltung des Frankfurter Kunstlebcns einschneidende Ereignis gibt Veranlassung des Seheidenden und des von ihm Geleisteten zu gedenken. Diese Leistung wiegt um sj schwerer, als sie ohne Zuschüsse, die den städtischen und staatlichen Instituten mit den zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten in immer steigendem Masse zuflössen, vollbracht worden ist. Wohl nahmen in dem Programm des Neuen Theaters moderne Unterhaltungsstücke einen breiten Raum ein, wohl schlössen sich ihnen, vorwiegend im Sommer, Operetten und Singspiele an; keineswegs fand aber der künstlerische Ehrgeiz Hellmers in deren Pflege seine volle Befriedigung. Immer wieder Hess ihn sein Verantwortungsgefühl die Verpflichtung erkennen, den Klassikern und den Dramatikern unserer Zeit zu dienen. Es dürfte in Deutschland neben den führenden Bühnen Berlins kein Privattheater gegeben haben, das in seinem Repertoire so oft wie das Neue Theater Werke von Shakespea r t\ Goethe, M o 1 i e r e geführt hat, das so oft für H a u p t m a n n, Strindberg, Ibsen, Björnson, Shaw eingetreten ist. Auf ein grosses und anhängliches Publikum gestützt, das auch den Problemen modernen Kunstschaffens zuganglich war, konnte Hellmer das Experiment so mancher Uraufführung noch nicht Pliolo Elraleld ist für Leica spezialisiert