Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 11 (7.1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 421 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 421 sichtigen Ausdrucksweise bedient und das Unangenehme umschreibt. Der Sinn des Midrasch geht auf ein Wichtigeres. Er will erzielen, daß man auch innerlich, in der Seele jedesmal dann, wenn man etwas Schlechtes schlecht, etwas Unreines unrein zu benennen hat, sich von jeder Brutalität fernhalten soll. Daß man da, wo man zu kämpfen hat, wo man einem Gegner gegenübertreten muß, sich von jeder nicht unbedingt gebotenen Schärfe fernhalten muß; nicht nur um des guten Tones willen, sondern als Erfüllung einer sittlichen Haltung, als Nachfolge Gottes. Diese Forderung ist angesichts der Tatsache, daß eine Mannigfaltigkeit der Anschauungen und demzufolge innere Auseinandersetzung immer da war und ist, wo Judentum in lebendiger Entfaltung ist, nicht nur eine aktuelle sondern eine zeitlose, immer notwendige und immer zeitgemäße. Das zweite Stück kann man nicht ohne Schmerz und innere Bewegtheit lesen. Der Träger dieser Deutung hat etwa ums Jahr 300 in Erez Israel gelebt. Wie schwer muß man damals dort unter dem Denunziantentum aus den eigenen Beihen gelitten haben, wenn man zu solch einer Ausspinnung des Bibelwortes gelangen konnte! Wenn man die Tage Achabs, des Königs, unter, dem der Abfall von dem einen Gott die schlimmsten Formen angenommen hatte, unter dem nur ein karger Rest von Israel in alter Treue verharrte, über die Tage und die Menschen der Zeit Dawids stellte. Wie tief bedroht muß sich das Israel jener Zeit von dem Angebertum gefühlt haben! Dieser Midrasch hat eine zeitgeschichtliche Bedeutung und muß aus ihr und den Zuständen im sinkenden Römerreich verstanden werden. Zugleich aber muß beachtet werden, daß kein Wort des Hasses gegen den Angeber selbst gesprochen wird, es wird nichts anempfohlen von Mitteln, ihm zu begegnen, ihn unschädlich zu machen, es wird alles in Demut Gott anheimgestellt. Und nur das eine wird gesagt, daß um des einen Schlechten willen bei dieser Sünde die Gesamtheit zum Untergang verurteilt ist. Mit diesem Stück hängt das dritte innerlich zusammen. Hier wird vor allem auf die Fernwirkung der Verleumdung hingewiesen, auf die Gefährlichkeit dieser Handlung, daß man den verborgenen Feind gar nicht kennt und sieht und doch von seinem Pfeil getroffen hinsinkt, und daß man gegen Verleumdung im Grunde wehrlos ist. Und besonders gut beobachtet ist es, wenn darauf hingewiesen wird, daß der Verleumder meist aus bloßer Lust am Vernichten handelt, daß er keinen persönlichen Vorteil sucht, sondern eben nur treffen will. Die jüdische Literatur, das religiöse Schrifttum ist voll von Aussprüchen, die die Schwere des Verbrechens der Verleumdung geißeln. Aus der Fülle sei nur die eine hervorgehoben, daß der Aussatz, jene entsetzliche Krankheit, die den Betroffenen aus der Gemeinschaft auf Lebenszeit ausschliesst, die Strafe für eine irgendwann aufgebrachte Verleumdung ist. Mit besonderem Nachdruck ist gesagt, daß nicht nur der schuldig ist, der selbst verleumdet, sondern auch der, der die Verleumdung mit willigem Ohr und Herz aufnimmt, ohne mit Ernst und Gewissenhaftigkeit zu prüfen. Auch diese Deutung eine zeitlose, denn der Wille zur Verleumdung ist zu allen Zeiten und in allen Zonen vorhanden gewesen. Das Mittel, mit dem hier gegen ihn vorgegangen wird, ist der Ruf an das Gewissen, der Hinweis darauf, wieviele der Verleumder ins Unheil reißt, und daß er am Ende sieh selbst auch ins Unheil hineinreißt. Das Ganze knüpft an an den Bibelvers: „dies ist die Satzung der Thora". Ist nur dies die Satzung? Gibt es nicht viele andere noch und große und wichtige? In diesem „tues" liegt eine ernste Mahnung, daß alle Frömmigkeit ihren Wert verliert, wenn ihr Grundzug nicht die Achtung des Nebenmenschen und die Ehrfurcht vor seiner Ehre ist. Jüdische Zeitungen einst und jetzt von Dr. Siegfried Braun, Köln Zeitungen sind machtvolle Organe der öffentlichen Meinung; - sie helfen diese bilden und sie werden selber in weitem Ausmass von ihr mitgestaltet. Was immer das verwirrende Getriebe der Menschheit an Geschehen aus sich hervorbringt, von der hohen Politik bis zum diskret sich vollziehenden Schicksal in der Familie, ja im Einzelwesen — es erfährt seinen Niederschlag in den Spalten dieses geradezu magisch anziehenden bedruckten Papiers, dessen Geltung kein technischer Fortschritt bis heute hat beeinträchtigen können. Aus der Zeitung schöpft ein unübersehbar großer, für den Hervorbringer anonym bleibender Kreis tagtäglich Belehrung, Unterrichtung, Unterhaltung und Zerstreuung, Iässt sich seine kritische Stellung zu den Dingen bestätigen und korrigieren; es ist keine Uebertreibung, wenn gesagt wird, der zivilisierte Mensch werde zu einem sehr erheblichen Teil geistig von der Presse geformt. Zeitungen sind aber auch die Mittel zur Verbreitung von Mitteilungen, die jeweils an eine umgrenzte Auswahl von Lesern gerichtet sind, und die vorwiegend den Sinn haben, irgendwie werbend zu wirken. Im Anzeigenteil, der hier gemeint ist, wiegt Sachlichkeit vor und Prägnanz, und dennoch kündet er dem Verstehenden zuweilen einprägsamer als der Textteil von der Poesie und Tragik des menschlichen Lebens, von Beharrlichkeit und vom Wechsel in seinem Ablauf. Es ist reizvoll und belehrend zugleich, den ewigen Gestaltwandel der Zeitung in seinem Werden zu verfolgen. Doppelt aufschlussreich aber ist es für uns zu sehen, wie die jüdische Presse sich entwickelt und gewandelt hat, so gewandelt wie unser jüdisches Schicksal. Es würde zu, weit führen, das im einzelnen und im Hinblick auf die jüdischen Zeitungen der ganzen Welt aufzuweisen. Es genüge deshalb, hier einiges über die jüdische Presse Deutschlands zu sagen. Ihre Anfänge können bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgt werden, doch lässt sich von einer eigentlichen Publizistik deutscher Juden erst seit dem Beginn der Emanzipation reden. 1784 erschien das erste Heft der hebräischen Zeitschrift „H a m e a s s e f", herausgegeben von Anhängern Mendelssohns. 1811 ging sie ein. Es war eine Monatsschrift, wie denn überhaupt in jener ersten Periode der Emanzipation nur ein Blatt den Versuch gewagt hat, in kürzeren Abständen zu erscheinen; das war die in deutscher Sprache, aber in hebräischen Lettern gedruckte Dyhernfurther Privilegierte Zeitung, die etwa ein Jahr lang halbwöchentlich herausgegeben wurde (1771/72). Alle anderen erschienen monatlich, in zwangloser Zeitfolge oder gar nur halbjährlich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden unter dem Eindruck der heftigen religiösen Auseinandersetzungen der Juden Dutzende von jüdischen Zeitungen, die zumeist keine lange Lebensdauer hatten, deren eines das andere ablöste, und unter denen die Allgemeine Zeitung des Judentums in deutscher und „Hamaggid" in hebräischer Sprache hervorragten. Die Allgemeine Zeitung des Judentums wurde als Wochenschrift im Jahre 1837 von dem Prediger, Lehrer und Schriftsteller Ludwig Philippson in Magdeburg begründet. Dieser ausgezeichnete und vornehme Journalist führte sein Organ auf eiae beträchtliche Höhe. Es nahm von hoher Warte zu allen Vorgängen, die die jüdische Welt berührten, Stellung und erfreute sich des Ansehens der wohlhabenden, gebildeten Schichten, bis in die Zeit hinein, die das ältere Geschlecht von heute noch miterlebt hat. Der Begründer selber hat bis zu seinem Tode (in Bonn 1889) das Blatt in hervorragender Umsicht geleitet. 1922 erst, zu einem Zeitpunkt, da es allerdings andere publizistischer Methoden bedurfte, ist die allgemeine Zeitung des Judentums in die C. V. Zeitung aufgegangen, in deren Kopf der Titel des einst einflußreichsten Blattes pietätvoll auf genommen wurde. Hamaggid (Der Künder) kann als die orthodoxe hebräische Allgemeine Zeitung des Judentums bezeichnet werden. Sie ist 1857 von dem russischen Juden L. Silbermann begründet worden und erschien bis 1892 allwöchentlich in Lyck in Ost-