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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-07-01 · 11 (7.1935) · p. Seite 420

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
11 (7.1935)
Date
1935-07-01
Page
Seite 420 (sequence 6)
Language
German
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Seite 420 nichts anzusehen, als sie die sieben fetten Kühe verschlungen hatten? Ein Kaufmann zeigt dem Fragenden darauf seine mächtigen Geschäftsbücher und sagt: „Meine Frau hat ein ganz kleines Wirtschaftsbuch — dem sieht man auch nicht an, daß es dies alles verschlingt" Das Lachen, das solchen Wörtchen folgte, war anders, als das auf Witze einzusetzen pflegt —: ein gerührtes Entzücken, eine unverkennbare Zärtlichkeit lag darin. Es war ein Wiedererkennen des Verwandten, unbewußt Ersehnten und Langentbehrten. Jetzt, wo dieser Mund für immer verstummt ist, empfinden wir doppelte Dankbarkeit dafür, daß er uns in seinen Erinnerungen ein so wunderbar reiches, tiefes und wahrhaftiges Bild seines Lebens hinterlassen hat. Man könnte dies Buch die „Lehr- und Wanderjahre eines jüdischen Meisters'4 nennen. Als Schmarya Levin vor wenigen Wochen im Oneg Schabbath in Tel Aviv sprach, ging bei seinem Erscheinen ein Raunen durch den Raum „Schmarya", einfach „Schmarya", und alle Gesichter strahlten in froher Erwartung. Wer diese Liebe, die ihm entgegenflog, gesehen hat, der kann ermessen, was es für Palästina bedeutet, daß er ihm genommen wurde. Der Tod hat ihn plötzlich ereilt. Doch wußten seine Freunde schon seit langem, daß er ein Gezeichneter war. Ob er selbst es ahnte, daß seine Tage nur noch kurz waren? Menschen, die ihm nahestanden, als er vor Jahren in Berlin die ersten Anzeichen der schweren Herzkrankheit erlitt, glauben, daß er es damals schon wußte. Vielleicht hat er darum nicht gerastet, wie man es ihm anriet, weil er wußte, er kann nicht lange mehr für sein Volk arbeiten? Alle die Menschen, die Diener an dem großen Werke der Volkserneuerung sind, gehen vor der Zeit dahin. Nun auch er. In Palästina ruhte alle Arbeit zu der Stunde, da sie Schmarya Levin zu Grabe trugen. Tausende folgten seiner Bahre. Nun liegt er neben seinen Freunden und Mitstreitern — neben Achad Haam. Bialik und Arlosoroff. Sein Andenken sei gesegnet. Das Schriftwort Reine Rede! von Max Dienemann Zu dem Abschnitt der Thora, der die Vorschrift über die „rote Kuh" enthält, haben die Alten eine Fülle der Deurung gefügt. Es ist der Abschnitt, der die Herstellung des Reinigungswassers regelt, mit dem jeder, der mit einem Leichnam zu tun gehabt hatte, besprengt werden mußte, bevor er das Heiligtum wieder betreten durfte. Das Rätselhafte der ganzen Verordnung liegt außer in der Tatsache, daß solch ein Reinigungswasser überhaupt als notwendig erklärt wurde, darin, daß dieses Wasser die Unreinheit fortnehmen sollte, alle Personen aber, die mit der Herstellung zu tun hatten, zunächst als unrein galten. Rein und unrein sind Begriffe aus der Tempelsprache, aber sie wurden sehr rasch mit dem Sittlichen in Verbindung gebracht und ins Sittliche gewandelt. Auf diesen Ton der Wandlung ins Sittliche sind auch die Deutungen der Alten abgestimmt. Eine der schönsten baut sich auf auf dem Psalmvers (12,7): „G o 11 e s Worte sind reine Worte", der mit dem Bibelkapitel in Verbindung gebracht wird, weil alle Deutung und Erklärung jener rätselhaften Vorschrift in dem Bekenntnis gipfelt, sie ist Gottes Geheiss und als solches entgegenzunehmen, auch wenn der Mensch in seiner Zeit sie nicht versteht. Rabbi Jehoschua ben Lewi sagte: „wir finden, daß der Heilige, gelobt sei er, zwei oder drei Mal in der Thora Worte umbog, um nicht ein Wort der Unreinheit aus seinem Munde ausgehen zu lassen; es heißt 1. M. 7,2 „von dem Vieh, das nicht rein ist" (nicht das „unrein" ist, obgleich es dafür ein festes Wort gibt). Raw Judan sagte: auch als er die Zeichen der unreinen Tiere angab, begann er mit dem Zeichen der Reinheit; es heißt 3. M. 11,4, man soll das Kamel nicht essen „obgleich es Wiederkäuer ist, weil es nicht gespaltene Klaue hat" (das Zeichen der Reinheit ist zuerst benannt und dann erst mit Bedanern das Zeichen der Unreinheit); und es heißt 3. M. 11,7 gleicherweise, man darf das Schwein nicht essen, obgleich es gespaltene Klaue hat und die Klaue ganz du rehgespalten ist, weil es aber nicht Wiederkäuer ist". Rabbi Jehoschua aus Sichnin sagte im Namen von Rabbi Lewi: „Die Kinder in den Tagen Dawids wußten, ehe sie. den Geschmack der Sünde schmeckten, die Thora so zu erklären, daß auf vielerlei Art das Reine und auf vielerlei Art das Unreine klar erkannt werden konnte, und darum betete Dawidfiirsie (Psalm 12,8) „Du, Gott, bewahre sie", bewahre ihr Wissen von der Thora in ihrem Herzen, bewahre sie von diesem Geschlecht her in Weltzeit. Warum aber geschah es, daß sie trotz all diesem Rühmen, als sie in den Krieg zogen, in ihm fielen? Weil unter ihnen Angeber waren. Das ist's, was Dawid meinte, als er sprach (Psalm 57,5): „meine Seele ist inmitten von Löwen, ich liege unter Menschen, die in Haß brennen, ihre Zähne sind wie Lanzen und Pfeile, ihre Zunge ein scharfes Schwert". Meine Seele ist inmitten von Löwen — damit sind Awner .und Amasa gemeint, die Löwen in der Beherrschung der Thora waren; ich liege unter Haßlodernden — damit sind Doeg und Achitophel gemeint, die nach Verleumdung lodernd gierten; ihre Zähne sind Lanzen und Pfeile — damit sind die Leute von Keila gemeint (2. Sam. 23,11): „werden die Männer" von Keila mich in seine Hand liefern"?; ihre Zunge ist ein scharfes Schwert — damit sind die Leute von Siph gemeint, die zu Schaul kamen, um ihm Dawids Versteck zu verraten. Damals sprach Dawid (Psalm 57,6): „erhebe Dich über die Himmel, Gott", hebe Deine Gegenwart fort aus ihrer Mitte. Aber das Geschlecht Achabs, das doch ganz und gar in Götzendienst versunken war, war trotzdem im Kriege siegreich, weil es in ihm keine Angeber gab. Woher wissen wir das? Obadja sprach zu Elijahu (1. Kg. 18,13): „meinem Herrn ist wohl gemeldet worden, was ich getan, als Isebel die Künder Gottes umbrachte, wie ich von den Kündern Gottes hundert Mann, je fünfzig, fünfzig in einer Höhle, verbarg und sie mit Wasser und Brot versorgte"; und Elijahu sprach laut aus auf dem Karmel (1. Kg. 18,22): „ich allein bin übrig geblieben als Künder Gottes"; alles Volk hatte davon gewußt, und niemand hatte es dem König angezeigt. Raw Schmuel bar Nachmani sagte: man fragte die Schlange, warum hältst du dich zwischen den Zäunen auf? Sie antwortete, weil ich den Zaun der Welt einriß. Und warum hängt deine Zunge heraus und schlürft den Staub, während du kriechst? Sie antwortete, sie hat mir doch all die Strafe eingetragen. Warum beißt du? Was hast du für Nutzen davon? Der Löwe tritt und frißt dann, der Wolf reißt und frißt dann? Du aber beißt und tötest nur? Sie antwortete: So heißt es (Kohelet 10,11) vbeißt die Schlange ohne Beschwörung, und keinen Vorteil hat der Herr der Zunge." Könnte ich etwas tun, wenn es mir nicht von oben anbefohlen wäre? Warum ist's so, dass du in ein Glied beisst, und dein Gift geht durch alle Glieder und alle Glieder spüren's? Sie antwortete: mich fragt ihr, fragt doch den Mann der Zunge!, so heisst es ja auch: „keinen Vorteil hat der Herr der Zunge"; er sitzt hier und tötet in Rom, er sitzt in Rom und tötet in Syrien. Und warum wird der Verleumder „Dritter" genannt; und die Verleumdung „dreifache Zunge?" Weil der Verleumder dreien den Tod bringt: dem, der die Verleumdung aufbringt, dem, der sie willig entgegennimmt, und dem, über den sie aufgebracht wird. So geschah es in den Tagen Schauls, da schlug Gott den Doeg, der verleumdet hatte, Schaul, über den die Verleumdung aufgebracht war, wurde getötet, und Achimeleeh, der die Verleumdung aufgenommen hatte, fand den Tod. So der Midraseh in seiner Geschlossenheit und Komposition. Er hat drei Hauptstücke, und ein jedes hat seinen Inhalt für sich und seine besondere Bedeutung. Das erste Stück ist scheinbar nur eine Anleitung formaler Art, aber nur scheinbar. Es ist noch nicht viel getan, wenn man sich in Rede und Schrift einer vor-

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