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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-07-01 · 11 (7.1935) · p. Seite 419

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
11 (7.1935)
Date
1935-07-01
Page
Seite 419 (sequence 5)
Language
German
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Seite 41 & Schmarya Levin von Elfriede Bergel-Gronemann. Am 9. Juni starb in Haifa Schmarya Levin. Nun müssen wir diesen Namen mit Trauer nennen, dessen Klang allein genügte, die Gesichter aufleuchten zu lassen. Vielleicht charakterisiert nichts das Wesen dieses Mannes besser als dieses Leuchten, das er überall hervorrief . . . Sein Leben war mit einer seltenen Harmonie begnadet. Dieser Mensch, der niemals aufhörte zu lernen, zu forschen, der ganzen Fülle menschlichen Denkens imd Fühlens sich zu öffnen, ist dennoch einen einzigen, geraden und unbeirrbaren Weg gegangen. Schon als Vierzehnjähriger weiß er ihn. „Ich erkannte, daß ich für immer meinem Volke, meinem gehetzten Volke, verbunden war. Zwei sehnsüchtige Wünsche tauchten miteinander in mir auf: Der Wunsch nach meiner eigenen Befreiung und der Wunsch nach der Befreiung meines Volkes. Sie gingen zuerst parallel, dann kamen sie einander näher und schlössen sich schließlich zusammen." Das war sein Lebensprogramm schon in solch früher Jugend. Er ist ihm bis zuletzt treu geblieben. Ein solcher Mensch konnte wohl nur aus einem Hause hervorgehen, wo altjüdische Kultur der selbstverständliche Kähmen des Lebens war. In seinen Lebenserinnerungen hat er den Raum seiner Kindheit in wunderbarer Anschaulichkeit geschildert. In dem kleinen russischen Landstädtchen Swislowitz wächst er inmitten eines festgefügten jüdischen Volkstums auf, in seiner Enge und Begrenztheit, über der wie eine drohende Wolke die Gefahr von Pogromen schwebt. Er erlebt das alles mit, die Furcht und Verzweiflung — aber auch die religiöse Unerschütterlichkeit, die naive Gläubigkeit altjüdischer Frömmigkeit. Dem kleinen Knaben schien es, „daß Gott die Welt für sein Volk Israel geschaffen hatte". Die innige Atmosphäre des Elternhauses, der kluge, verständige Vater, die wundervoll zartfühlende, fromme Mutter Elke, die für das ganze Städtchen der gute Geist ist und für die, als sie einmal erkrankt, die Kirchenglocken läuten — das sind die formenden Kräfte seiner Kindheit, die er mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit zu schildern weiß. Es ist selbstverständlich, daß Cheder und Jeschiwah, durch deren strenge Geistesschulung so viele erlauchte Geister des Judentums gegangen sind, auch die Bildungsstätten des jungen Schmarya sind. Er ist ein frühreifes Wunderkind, der Stolz von Eltern und Geschwistern. Schon mit sieben Jahren hat er das Elementarpensum absolviert und darf mit dem Talmudstudium beginnen. So wächst er in einer „engen, aber festgefügten Welt" auf, „die ganz von jüdischem Geiste durchtränkt, aus jüdischen Interessen zusammengesetzt und mit jüdischen Sorgen und Hoffnungen ausgefüllt war". Und als ihm dann diese Welt zu klein wird, als er spürt, daß es ein Draußen gibt, als er Sehnsucht nach der Bildung Europas fühlt, da sind es nicht nur äußere Vorurteile und Schwierigkeiten, die er zu überwinden hat. Er, der zukünftige souveräne Beherrscher mehrerer Sprachen, der als Redner und Schriftsteller so außerordentliche Wirkungen ausüben sollte, hatte viele Jahre bitter zu kämpfen, bis er in einer andern als seinen beiden geliebten Muttersprachen — Jiddisch und Hebräisch — heimisch werden konnte. Die Art seines Denkens blieb immer an ihre Ueberlieferung gebunden. Köstlich seine Erzählung, wie er jeden seiner russischen Schulaufsätze mit dem Satz beginnt: „Unsere Weisen sagen . . bis ihm einmal sein Lehrer vorhält: „Schließlich bin ich ein russischer Lehrer, Levin. Was geht es mich an, was Ihre Weisen sagen? Haben wir nicht unsere eigenen Weisen?" Levin fügt hinzu: „Der Arme! Er begriff nicht, daß ich die gleiche unausgesprochene Klage vorzubringen hatte! Was gingen mich seine Weisen an? Hatten wir Juden nicht eigene genug?" Als er dann später nach Deutschland geht und mit dem geistigen Heißhunger des Jeschiwahstudenten sich auf die europäische Bildung stürzt — er promoviert in drei Fächern: Semitische Sprachen (Hebräisch, Arabisch, Syrisch), Philosophie und deutscher Literatur —, im Grunde ist immer noch sein Leitsatz „Unsere Weisen sagen". Das Judesein ist der Urgrund seines Wesens, ihm ordnet er alles andere ein. Nicht er assimiliert sich dem westlichen Geist, sondern dieser wird ihm assimiliert. Er ist nicht, wie oft gesagt wird, Jude und Europäer, als ob beide Elemente als gleiche geordnet nebeneinander in ihm existierten, sondern er ist Jude, nur Jude, der den fremden Geist in sich aufnimmt und verarbeitet, wie ein Strom, der alle Nebenflüsse in sich vereint und dadurch nur noch breiter und mächtiger wird. Seine Neigungen gehen zu wissenschaftlicher Forschungsarbeit. Bald aber „wurde es mir klar, daß zwei so anspruchsvolle Rollen wie die des Gelehrten und des Kämpfers nicht von ein und demselben Menschen gespielt werden können. Wissenschaft ist eifersüchtig: Der Beruf des Gelehrten erfordert ebenso wie der des Kämpfers für die Freiheit eines Volkes den ganzen Menschen." Er entscheidet sich dafür, Kämpfer für die Befreiung seines Volkes zu werden. Wo er auch wirkt, als Kronrabbiner in Grodno und Jekaterinoslaw.ais Prediger inWilna.als Schriftsteller und Redner— immer ist sein Leitsatz: „Ich gehöre meinem Volke". Als Abgeordneter der ersten Duma hält er eine berühmt gewordene mutige Rede gegen den Pogrom von Bialystock und für die Gleichberechtigung der Juden. Er kämpft für die Befreiung seines Volkes — nach außen und nach innen. Dieser inneren Befreiung aus geistiger Gedrücktheit und Enge, aus Mutlosigkeit und Entfremdung gilt seine Hauptsorge. In allen Erdteilen, wo Juden wohnen, sucht er sie auf, überall erweckt er ihr jüdisches Gefühl, überredet, entflammt, begeistert er sie für den Aufbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Mit dieser Arbeit für die innere Erneuerung des Judentums ist er Fortsetzer Achad Haams, der von all den bedeutenden Männern, mit denen Schmarya Levin zusammenrückte, den größten Einfluß auf ihn ausgeübt hat. Er darf als Achad Haams treuester Schüler, als der Vollstrecker seines geistigen Testaments angesprochen werden. Und es mutet wie eine Schilderung aus talmudischer Zeit an, in der jenes wunderbar demütige Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler herrschte, wenn Schmarya Levin in seinen Erinnerungen über sein Verhältnis zu Achad Haam schreibt: „Viele Jahrzehnte gemeinsamen Wirkens und intimer Freundschaft konnten die Distanz zwischen uns —^ die Distanz zwischen Schüler und Lehrer — niemals vermindern." Die Wirkungen, die Schmarya Levin ausübte, waren von ganz besonderer Art. Er erreichte sie ebensosehr durch seine Rednergabe wie durch die Macht seiner Persönlichkeit. Er war der ideale Typus eines Maggid, bis in die letzten Tiefen angefüllt mit jüdischem Wissen und jüdischer Weisheit. Philosoph und Menschenkenner, Metaphysiker und Logiker, Ekstatiker und Spötter — alles in einem. Wenn Schmarya Levin sprach, fühlte auch der volkstumentfremdete Jude, daß ihn hier etwas ansprach, was mit ganz Verschüttetem in ihm tief verwandt war und es zum Leben emporhob. Hier, ein Jeder fühlte es, war bestes, tiefstes Volkserbe. Levin war jene vielleicht nur dem Juden eigene Art gegeben: Tiefste Erkenntnisse durch witzige Gleichnisse ihrer Schwere zu entkleiden, ohne auch nur im mindesten ihrem Ernst und ihrer Folgerichtigkeit Abbruch zu tun. Was aber am meisten, auch den Lauen, hinriß, das war sein herrliches Temperament, die innere Leidenschaft, die immer wieder wie eine Elementarkraft aus ihm hervorbrach. Unbeschreiblich war sein Zauber im persönlichen Verkehr. Es gibt viele bedeutende Menschen, die im Privatleben enttäuschen — die allen Charme, allen Geist für ihr Schaffen aufbewahren. Schmarya Levin war ein Verschwender — aber er konnte es, denn er hatte unerschöpfbare Reserven an Geist, an Herz, an Mitgefühl und Humor. Er konnte nicht anders, als sich in der Unterhaltung mit allem Glanz seines Geistes und aller Wärme seines wahrhaft gütigen Herzens einzusetzen. Wenn er in einem Kreise von Menschen war, hing alles nur an seinen Lippen und die Gesprächspartner waren glücklieh, wenn sie ihm nur zuhören und sich darauf beschränken durften, ihm Stichworte zu geben, die die Unerschöpflichkeit seiner Gedanken und Einfälle hervorlockten. Oft verspürte man Bedauern, nicht all das niederschreiben zu können, was er im Gespräch so achtlos verschwendete und das zu kostbar schien, um mit dem Augenblicke zu vergehen. Auch viele seiner öffentlichen Reden sind nicht aufgeschrieben worden und leben nur im Gedächtnis der Hörer fort. Dort allerdings sind sie unverlierbar kostbare Erinnerungen. Wer von den Hörern könnte die Rede über Peter Schlemiehl vergessen, den Menschen ohne Schatten, der ihm das Symbol für den Menschen ohne Heimat, den Juden, erschien? Oder seine köstlichen „Bibelexegesen", die er in seine Vorträge einflocht? Wie etwa Jemand fragt: Wieso war den mageren Kühen

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