Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-04-01 · 8 (4.1935) · p. Seite 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
8 (4.1935)
Date
1935-04-01
Page
Seite 302 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094420--4610-3099407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 302 Dr. jur. Hugo Hpffmann Generalvertreter der Victoria-Versicherung Kalserslrafje 2 ♦ Fernsprecher 24841/2 dieser Dinge oder ihre Einzelheiten nicht den Rang eines Glaubenssatzes; man soll sich mit den Erzählungen darüber nicht beschäftigen und sich nicht lange bei den Auslegungen aufhalten, die mit diesen Themen und mit ähnlichen sich befassen, und man mache aus ihnen keinen verbindlichen Glaubenssatz, denn sie führen weder zur Furcht noch zur Liebe; auch gebe man sich nicht ab mit der Berechnung der Endzeit der Erlösung; die Weisen haben gesagt: verhauenen möge die Seele derer, die sich abgeben mit der Berechnung der Endzeit der Erlösung; vielmehr harre man gläubig der grundsätzlichen Erfüllung entgegen, wie wir es erklärt haben. 3) In den Tagen des Königs Messias, wenn seine Herrschaft sich befestigt haben und ganz Israel sich zu ihr hin gesammelt haben wird, werden sie alle sich auf seinen Entscheid dank dem heiligen Geist, der auf ihm ruhen wird, in die Geschlechtsregister eintragen, so heisst es (Maleachi cap. 3, V. 3): „er setzt sich, ein Schmelzer und Silberreiniger und reinigt die Söhne Lewis"; und die Söhne Lewis wird er zuerst reinigen und sagen, der kommt in das Geschlechtsregister der Kohanim und jener kommt in das Geschlechtsregister der Lewiten; und wer nicht in eins dieser Gesehlechtsregister eingetragen werden kann, den verweist er unter die als Israeliten schlechthin zu Bezeichnenden, so heisst es auch (Esra cap. 2, V. 63): „und der Tirschata (Amtsbezeichnung für den damaligen Statthalter) sprach zu ihnen, daß sie nicht von dem Hochheiligen essen dürften, bis aufsteht ein Priester, der Urim und Tumim tragen kann" (und mit ihnen entscheiden kann); daraus kannst Du lernen, daß mit Hilfe des Heiligen Geistes man die, die man als Kohanim oder Lewiten gehalten hat, in die Geschlechtsregister eintragen wird und kund tun wird, wer mit Eecht in das Geschlechtsregister gehört. Und die Israeliten werden nur nach der Zugehörigkeit zu den einzelnen Stämmen in die Geschlechtsregister eingetragen, daß kundgetan wird, dieser gehört zu diesem Stamm und jener kommt von;:enem Stamm her, aber nicht wird man sagen, auf die, die in der unbestrittenen Annalune unbemakelter Herkunft stehen, der sei ein Bastard oder jener stamme von Sklaven ab, denn es gilt die Bestimmung: „was in einer Familie aufgegangen ist, bleibt aufgegangen" (Kidduschin71a). 4) Die Weisen und Propheten haben sich nicht nach den Tagen des Messias gesehnt, weil dann eine Herrschaft über die Welt sein würde oder daß sie herrschen würden über die Heiden, oder weil dann die Völker sich hoch erheben würden, auch nicht um zu essen und zu trinken und Freude zu haben, sondern damit sie dann frei seien zur Thora und ihrer Weisheit und niemand da sei, der sie bedrückt und davon abhält, damit sie würdig werden des Lebens der künftigen Welt, wie wir es erläutert haben in den „Vorschriften über die Umkehr". 5) In dieser Zeit wird nicht Hunger sein oder Krieg, nicht Neid und Eifersucht, denn das Gute wird in reicher Fülle ausgegossen sein und alle Köstlichkeiten werden so leicht zu erreichen sein wie der Staub der Erde; und das Anliegen der ganzen Welt wird nur sein: Gott zu erkennen; daher wird Israel sehr weise sein und wird die verborgenen Dinge verstehen und in die Absieht des Schöpfers eindringen, soweit menschliche Kraft reicht „denn voll wird die Erde sein der Erkenntnis Gottes, wie Wasser das Meerbett bedecken". (Jeschajahu cap. 11, V. 9)". Es ist diesen Worten des großen Meisters, in denen er Worte der Bibel und aggadische Stellen mit einander verwebt, kaum etwas hinzuzufügen, sie sprechen für sich selbst und sind reizvoll in der Eigenart und Geschlossenheit des Bildes, das sie entwerfen. Wir finden in ihnen die mancherlei Züge wieder, die auch sonst das Wirken und die Art des Maimonides charakterisieren. Deutlich tritt sein Bemühen vor, die Worte der Aggada nur als Bild aufgefasst zu wissen, und sie nicht in ihrer Wörtlichkeit kanonisieren zu lassen. Zugleich geniessen wir hier die mit tiefer Gläubigkeit gepaarte Selbstbescheidung, die um die Grenzen des Erkennens und Wissens wohl weiss, um so beachtenswerter bei einem Manne, der so die Erkenntnis zum Mittelpunkt machte. Wir sehen auch hier die tiefe Friedensliebe, die keine Verketzerung und kein Abwerten irgend eines Menschen aufkommen lassen will, Gewordenes und Zur-Rulie-Gekommenes nicht aufrühren' will. Dann wieder das Bemühen, auch diesen spröden Stoff in das System und in die Ordnung des Gesamtgebäudes Judentum einzugliedern. Und über dem für Maimonides Charakteristischen hinaus bleibt wichtig die Unterstreichung des Gedankens, daß das Messianische im Denken und in der Hoffnung Israels nicht mit Herrschaft und Anerkennung verknüpft ist, sondern nur mit erhöhter Verantwortlichkeit und vermehrter Pflicht der Zuwendung zur Thora. Pessach 5695 von Rabbiner Dr. Heinrich Lemle Unsere Festzeiten haben nicht ihren Sinn erfüllt, wenn ihre Kraft sich erschöpfen würde in den Tagen der Feier. Sie haben die Probe ihrer Kraft in besonderem Masse zu erweisen in der Auswirkung hinaus in das ganze Jahr. Es soll niemand aus einer Festwoche als eben Derselbe scheiden als der er in sie eintrat. Das Gespräch seiner Seele soll nachklingen, sein Bild von der Welt — denn in ihrem Begreifen wurzeln alle unsere Festtagsgespräche— soll ein anderes geworden sein. Ein weiteres, ein reicheres. Pessach ist das Fest, das wie kaum ein anderes an Seele and Weltbild des Juden gebaut hat und auch an uns wieder zum Bauen gebracht werden soll, weil gebracht werden kann. Pessach ist mit den Klängen seiner Lieder d e m Juden ans Herz gewachsen, der von Kindheit an mit all seinen Lieben singen und feiern durfte. Pessach kann mit den Klängen seiner Weisungen Dr. jur. Julius Sonn Steueru. Rechtssachen Umwandlung von Aktienges. u. G. m. b. H.'s / Verträge Horst Wesseiplatz 14, I — Tel. 22798 wachsen an das Herz auch des Juden, der — und wann immer er es tut — hineinfinden will ins Judesein. Ein Dreiklang ist's und sein Klingen hebt an mit der Weise und Weisung der Freiheit. Wohl passt es für den Mann und das Volk, die wuchsen und wurden, die leben und stehen im Licht der Freiheit, von ihr zu singen. Wir sind aber ein Volk, das wachsend erst die Freiheit sich errang. Ein Volk, das lebend immer wieder am Rande wohnte, wo der Abgrund ewig wiederholter Sklaverei gähnt. Und Erinnerung und dauernde Gegenwart verschmelzen zu Erbe und Sehnsucht. Wann immer wir aus Freiheit ins Leid zogen — da tauchte sie auf, die nie vergessene Angst vor ägyptischer Zeit, eingetan der Seele als Trauma und Qual. Und aller Hoffnung innigster Gehalt nimmt in dem Bilde Gestalt: so wie damals aus Ägypten, so befreie uns aus jeder drohenden Zeit der Versklavtheit. Messias' Tat soll nichts anderes sein als Wiederholung jener ersten Tat der Befreiung, Heimführung aus dem bejth awadim der Völker der Welt. Eingetan der Seele als Traum und Ziel. Freiheit ist ein Wert, den man nur im Leben mit anderen leben kann. Wie man nur das beanspruchen kann, was man dem anderen zugesteht, so hat jeder nur soviel Freiheit, wie er am anderen sieht. Wenn Menschen für sich Forderungen aufstellen, so kann die Reife dieser Forderungen nur daran erkannt werden, ob und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.