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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-03-01 · 7 (3.1935) · p. Seite 257

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
7 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 257 (sequence 7)
Language
German
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Seite 257 Das Sdiriftwort Opfer Von Max Dienemann Das dritte Buch der Thora, das in den nächsten Wochen zu lesen begonnen wird, setzt ein mit den Vorschriften über die im Heiligtum zu opfernden Opfer. „Opfer" ist das Wort, mit dem in der Regel das hebräische Wort wiedergegeben ist. In der Wurzel dieses hebräischen Wortes schwingt nichts mit von dem, was im deutschen Sprachgebrauch mit Opfern, Opfer verbunden ist; in ihr kommt nur das Sich-Gott-Nahen zum Ausdruck und nicht das Sich-Entäussern, die Preisgabe eines eigenen Besitzes. Der Schwerpunkt liegt also auf dem Willen des Opfernden, sich Gott zu nahen, die Nähe Gottes sieh zu vermitteln. Vielleicht beruht es darauf, daß man in der alten Form der jüdischen Erziehung mit diesen Kapiteln den Unterricht, die Einführung des Kindes in die Thora begann. Im Midrasch (rabbah zu III. M. cap. 7) heisst es: „man beginnt den Unterricht der Kinder mit dem dritten Buche und nicht mit Bereschit." Dort wird als Grund dafür angegeben: „Kinder sind rein und unbefleckt, das Opfer mußte rein und unbefleckt sein, Rein und Rein gesellen sich zu einander." Indem hier die seelische Reinheit in den Vordergrund gerückt wird, spüren wir die Absicht durch: die Seele offen und bereit zu halten für die Nähe Gottes. Warum aber sich mit der Lehre von den Opfern überhaupt beschäftigen? Längst sind sie durch den Fall des Tempels unmöglich geworden, die Tatsachen haben sie ausser Kraft gesetzt. Der Midrasch antwortet: (cap. 7) „Israel soll nicht sprechen, einstmals konnten wir mit Opfern nahen, so beschäftigten wir uns mit ihnen, jetzt da Opfer nicht mehr möglich sind, warum sich mit ihnen befassen? Es spricht der Heilige, gelobt sei er: „weil ihr euch mit der Lehre der Opfer befasst, rechne ich es euch an als hättet ihr euch mit ihnen Gott genaht". In dieser Ässerung des Raw Chanina bar Papa birgt sich eines der großen Geheimnisse von Israels Kraft und seelischem Vermögen, seiner Erhaltung. Es verneint da, wo eine religiöse Praxis unmöglich geworden ist, diese Unmöglichkeit, es behandelt sie als ein Vorübergehendes, es redet von dieser Praxis und hält sie dadurch in der Erinnerung wach, es lässt sie als Forderung fortleben, so daß der in der Forderung lebendige Geist nicht erstirbt, und mitunter so lange, bis gewandelte Zeiten die Praxis wenn auch in anderer Form, wieder möglich machen. So ist's z. B. mit dem Gesetz über die Entrichtung des halben Schekels, das in diesen Wochen vorgelesen wurde, man kann es nicht mehr ausführen, aber es bleibt durch die Einrichtung des Schabbat Schekalim, an dem man das Gesetz mit betontem Nachdruck verliest, lebendig, und es kann, wenn die Umstände es gestatten oder erfordern, jederzeitwieder in Kraft gesetzt werden. Die Alten konnten sich garnicht genug tun in der Betonung der engen Verbindung von Opfer und Thora. Weil ihnen im Opfer das Sich-Gott-Nahen das Entscheidende war, fanden sie in jeder Tätigkeit, die den Willen zu solchem Sich-Nahen einschloss, eine Parallele zum Opfer. So heisst es z. B. (Menachot 110): „Raba sagte: wer mit der Thora sich beschäftigt, bedarf nicht des Ganzopfers und des Speiseopfers, nicht des Sünd- und nicht des Schuldopfers." Oder (Abot de Rabbi Nathan IV): „Der Weise, der in der Gemeinde die Thora vorträgt, ist anzusehen, als hätte er das Fett und Blut eines Opfertiers dem Altar zugeführt." Mit Liebe und sorgsamer Aufmerksamkeit wird im Midrasch jede Einzelheit der biblischen Verordnung über die Opfer beachtet, jeder einzelne Satz gedeutet. Zwei Gedankengruppen leuchten vor allem auf, der Gedanke zu erweisen, daß mit dem Opfer nichts Unrechtes verbunden sein darf, und der Gedanke, daß, wenn nur jeder nach seinen Kräften im Opfer sich Gott genaht hat, der Unterschied von reich und arm schwindet. „Wenn ein Mensch unter euch ein Opfer zuführt Gott", (cap. 1, V. 2) so beginnt die Reihe der Verordnungen. Warum, so wird die Frage gestellt, ist hier das Wort „ein Mensch" gebraucht und nicht, wie sonst zumeist bei den Geboten das Wort .Mann"? Antwort: „in dem Gebrauch des Wortes D"TX -Mensch soll die Parallele zu Adam, dem ersten Mensehen, gezogen werden. Man muß im Opfer ihm gleichen. Adam gehörte, weil er der einzige Mensch auf Erden war, alles. Was er dem Altar zuführte, war unbestritten sein Eigen. Nichts von Raub und ungerechtem Gut konnte da sein. So darf auch jedes Mensc/ten Opfergabe nichts zu tun haben mit Raub und Gewalttat und Unrecht." Wenn ein Vogel auf den Altar gelegt wird, dann soll, so lautet die Verordnung: (cap. 1, V. 16) „der Kropf vorher entfernt werden," nicht auf den Altar gelegt werden. Aher wenn ein Vieh dem Altar zugeführt wird, dana wird nichts mehr entfernt, alle Eingeweide gelten als würdig, mit ihnen sich zu nahen. Warum der Unterschied? „Raw Tanchuma bar Chanilai sagte: „ein Vogel fliegt überall umher, holt sich allerorten sein Futter zusammen, was er frisst, ist von Raub und Gewalt her; und weil sein Kropf voll des Geraubten ist, darf er nicht auf den Altar, darum: „entfernen soll er seinen Kropf." Das Vieh aber wächst heran an der Krippe des Herrn, frisst nicht von dem, was er sich hier und da erbeutet, darum kann es im ganzen auf den Altar gelegt werden, darum: „der Priester soll das Ganze auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen, (cap. 1, V. 9)." Wir werden nicht fehl gehen, wenn wir als den Sinn dieser und ähnlicher Deutungen des Bibelverses nicht nur den Willen herausheben zu verhüten, daß irgendjemand mit einer Gabe Gott sich nahe, die aus Raub und Gewalttat stammt, sondern daß auch der Meinung vorgebeugt werden muß, man könne mit einer Gabe Gott sich nahen und seine Versöhnung, seine Gnade erringen, wenn die schenkende Hand und die sich nahende Seele überhaupt mit Raub und Gewalttat befleckt ist. Die Gabe sühnt nicht die Gewalt, solange sie selbst nicht nach Kräften wiedergutgemacht ist. Photo-Apparate von EHRENFELD halten die schönsten Stunden fest. Es heisst (cap. 3, V. 17) unter den Vorschriften über die Behandlung eines Vogelopfers: „er zerreisse es an seinen Flügeln, trenne sie aber nicht ab, und der Priester lasse es in Rauch aufgehen auf dem Altar über dem Holz." Dazu im Midrasch: „Rabbi Jochanan sagte: wenn irgend ein Mensch den Geruch von verbrannten Vogelflügeln riechen müsste, gram müsste ihm davor werden, und trotzdem heisst es, der Priester solle das auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen? All das, damit von der ohnedies kleinen Gabe nichts verloren gehe, und der Altar geschmückt bleibe von dem Opfer des Armen. König Agrippa wollte eines Tages ein Opfer von tausend Vögeln bringen. Er Hess dem Hohepriester sagen, heute darf keiner ausser mir Opfer bringen. Da kam ein Armer-, und in seiner Hand hatte er zwei Turteltauben, er sprach zu dem Priester: „bringe diese dar." Der wandte ein, der König hat befohlen, heute dürfe ausser ihm keiner ein Opfer bringen. Der Mann erwiderte: „Herr Hohepriester, vier solcher Vögel fange ich täglich, zwei bringe ich als Opfergabe, von den zwei anderen ernähre ich mich, wenn Du meine Gabe nicht darbringst, schneidest Du mir meine Nahrung ab." Da nahm sie der Hohepriester und opferte sie. Der König Agrippa hatte nun einen Traum, in ihm wurde ihm eröffnet: des Armen Opfer geht dem Deinigen voran. Er schickte zu dem Plohepriester und liess fragen: „Habe ich Dir nicht ausdrücklich befohlen, heute darf ausser mir keiner ein Opfer bringen?" Der Hohepriester berichtete die Ge-

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