Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 7 (3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094419--4559-3099355- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 256 Und dennoch hat auch Liebermann schwer kämpfen, hat um Anerkennung jahrelang ringen müssen. Ob sein Judesein mit daran schuld war, kann dahin gestellt bleiben. Er selber wollte es nicht, wahr haben, hatten doch andere mit ihm — und vielleicht noch mehr als er — gelitten. Und es war ergreifend, aus dem Munde des Max Liebermann. Haus in Wannsee, Radierung 1911 Achtzigjährigen in seinem Atelier zu vernehmen: „Ick hab* in meinem Leben viel leiden müssen, aber nieh weil ich Jude bin, sondern wel ihnen meine Malerei nich jefallen hat,- jetzt jefällt se ihnen!" — Solehe Objektivierung enthüllte die Freiheit und Größe seines Geistes — sie bedeutete keine Distanzierung vom Jude-sein. Er wusste wohl um jene geheimen Triebkräfte, die dem Blute entströmen: er kannte sie und anerkannte sie auch, wenn er von Jozef Jsraels sagen konnte: „Mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation (Holland) und seiner Rasse (Jude) versenkt sich Israels in die Natur, dorthin wo sich die Äusserungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen, in das Leben der Armen und Elenden", — und wenn er Frau Felicie Bernstein charakterisierte: „Sie hatte diesen Zug ihrer Rasse, daß sie Differenzierungen, feinste Nuancen des Verstandes wie des Gemütes verstand". — Keine Frage, daß auch Liebermann solche Züge besass; (sie sind aber auch Wesenszüge des echten Berliners.) Geistige Beweglichkeit, Witz, Verstandesschärfe, Selbstironie, sicheren Blick für feinste Nuancen des Charakters — die große Mannigfaltigkeit seiner Porträts verrät dies, von Fontane bis Dehmel, von Virchow bis Hindenburg und mehr noch die erhebliche Zahl seiner Selbstbildnisse. Die Selbstbildnisse enthüllen namentlich in dem letzten Jahrzehnt das Tiefste seines Wesens, sind Dokumente einer rücksichtslos ehrlichen Selbstschau, sind Bekenntnisse. Menchenschicksal und eigenes Leid schmelzen — wie in Rembrandts Spätwerken — zusammen und formen Gestalten von tragischer Größe. Aber keine zermürbte Ahasvergestalt, die dem Dasein entflieht, sondern der Willensmensch, von Energie geladen, von der Pflicht zur Arbeit erfüllt. Er hat es gewusst und ausgesprochen, daß der Jude, will eiden Kampf mit dem Leben bestehen, ein Mehrfaches leisten muß, und er selber hat darnach zeitlebens gehandelt. Man wird sonst in seinem Werk vergebens nach jüdischen Zügen suchen. Er hat zahlreiche jüdische Persönlichkeiten gemalt, hat sie nicht tiefer als andere Menschen erfasst, er hat zwei biblische Szenen geschaffen (Jesus im Tempel, Simson und Dalila), die einst heiß umstritten waren, hat den schlichten Menschen bei Arbeit und Mühe gestaltet, wie Israels oder wie Millet; mehr als bei diesen war aber die malerische Erscheinung der eigentliche Anreiz zur künstlerischen Gestaltung. Denn letzten Endes war Liebermann . d i e künstlerische Persönlichkeit in Reinkultur. Malen war Grundbedingung seiner Existenz. Wie . er selbst seine Wesenheit stets als Verpflichtung empfunden, so gilt für uns seine unverlierbare Existenz als verpflichtendes Vermächtnis. Was er einst Hugo von Thsehudi nachsagte, das gilt nun von ihm selbst: „Er ist uns . auf ewig entrissen und nur in der Erinnerung an ihn werden wir schwachen Trost über seinen Verlust finden können. Aber sein Wirken wird unvergänglich bleiben, denn er war Förderer und Mehrer unserer Kultur!" #i/wy "7"?*?^;^ tu, Z>üAf~ »fr*,?*»" U^;^T^ fyt*j! frf&'rtß/'-'t^ym^2^ y ^iy/^^f^ <^c^*-V 4U>i^r Aus einem Briefe Max Liebermanns vom 6. 6. 1927 an Dr. A. Galliner, Frankfurt. (Die Abbildungen erscheinen mit freundlicher Erlaubnis des Bruno Cassirer-Verlags Berlin und entstammen dem Buche Max Liebermann von A. Galliner, J. Kauffmann-Verlag, Frankfurt a. M. 1927) Max Liebermann-Gedächtnisausstellung in Frankfurt am Main Für den Monat April ist eine Max Liebermann Gedächtnis-Ausstellung geplant, die vom Kulturbund deutscher Juden, Bezirk Rhein/Main, den drei Frankfurter U. 0. B. B. Logen, der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler und dem Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gemeinsam vorbereitet und veranstaltet wird. Besitzer von Werken (Gemälden, Pastellen, Aquarellen, Zeichnungen, Radierungen, Lithographien und Briefen) werden um Anmeldung ihres Besitzes gebeten. Anschrift: Museum, jüdischer Altertümer, Fahrgasse 146. .