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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 172

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 172 (sequence 6)
Language
German
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Seite. 172 deutlich den hoben -wissenschaftlichen Ernst, der schon immer die an dieser Anstalt wirkenden Pädagogen beseelt bat. Studienrat Dr. Salomon sprach über „Jüdische Motive in der neuesten 3ranz. Literatur". Gerade der Neuphilologe wird ihm für seine •klaren, tiefgehenden Ausführungen besonders dankbar sein, und •es wäre zu wünschen, daß er die Ergebnisse seiner Forschungen in Form von Lesebogen dem Unterricht praktisch nutzbar machte. Studienassessor Dr. Weil, (der auch die Gesamtorganisation der Tagung leitete), hielt ein ausgezeichnetes Eeferat „Zur Psychologie der jugendlichen Aussage". Hier sprach ein Fachmann der experimentellen Psychologie, der Lehrern und Eltern viel Neues und Wertvolles zu sagen hatte. Seine Untersuchungen über die „Schullüge" waren überaus aufschlussreich. — Der Vortrag von Studienrat Dr .GaIiiner „Jüdische Motive in der bildenden Kunst war weit mehr als nur •ein Lichtbildervortrag. Es war eine Geschichte der jüdischen Seele, dargestellt am Ausdrucksmittel der Kunst. Man spürte das Mitschwingen der eigenen Seele am Leid der Jahrtausende. Das war ein tiefes Erlebnis. In einem vorzüglichen Eeferat „Zur, Soziologie der Juden der Gegenwart", hinter dem man das Verantwortliche einer Persönlichkeit verspürte, suchte Studienrat Dr. Seelig die jüdischen Grundeigenschaften, soweit sich solche feststellen lassen, aus der soziologischen Situation der Juden abzuleiten. Referent bezeichnet es als die weltgeschichtliche Mission des Diaspora-Judentums, ein Brückenvplk zu sein, zu bewahren, was „zwischen den Menschen" ist. Wie lebendig sein Erdkundeunterricht sein mag, Hessen die zahlreichen auf dem Gang ausgestellten Bilder von Nordamerika erkennen. Eine gute Ergänzung zu diesem Referat bildeten die Ausführungen von Studienassessor Baron über „Die rassische Gliederung der Juden". Er wies die beiden Bestandteile der vorderasiatischen und orientalischen Rasse im Judentum nach und zeigte an Hand von instruktiven Lichtbildern die Auswertung dieser Ergebnisse im Unterricht - Studienrat Dr. Albert Hirsch referierte über „Soziale Schuljugendarbeit". Aus seiner reichen Erfahrung gab er wertvolle Hinweise zur Berufsberatung, wie Fräulein Dr. T. Epstein zur Schulpflege. Was hier au Kleinarbeit geleistet wird, ist nicht Arbeit am Rand, sondern im unsichtbaren Mitelpunkt der Schule, weil hier die Fäden zwischen Elternhaus und Schule zusammenlaufen. Um so dankenswerter diese selbstlose Arbeit! * „Vom Nützlichen durchs' Wahre zum Schönen", mit diesem Goethewort möchte man den Weg bezeichnen, der im Philanthropin zum Kunstschaffen führt. Vom Tatsächlich-Gegebenen über die Wahrheit der Kinderseele zur Kunst — so werden hier die Kinder im Musik-, Zeichen- und Deutschunterricht geführt. Am Gelingen des „Schönen" der Tagung hat Studienrat Frank Rothschild mit seiner willigen Singschar wesentlichen Anteil. Mit echter Musikalität, führt er den Dirigentenstab und überträgt im Musikuntericht mit modernen Methoden sein großes Können auf die Schüler. Das Programm des „Kunstabends" „Jüdisches Erleben im deutschen Kulturkreis" war mit feinem Geschmack zusammengestellt. - Die Zeiehenausstellung und das abstrakt tiefgreifende Referat von Herrn Maure r, wirksam unterstützt von Herrn Reiss, der den Werkunterricht leitet, zeigte den Weg „über das Wahre zum Schönen". Die ausgestellten Arbeiten Hessen erkennen, daß die Schüler diesem Lehrer, der neue Wege weist, willig folgen. Und nun — last not least — Dr. E ps.iein und seine Spielschar! Wer so seiner Spielsehar künstlerischen Geist einzuhauchen vermag, muß selbst ein künstlc- 3^ch-schöpferischer Mensch sein. Die Aufführung des „Saul" war einer der, Höhepunkte der Tagung. Das Stück selbst, erwachseh aus dem Deutschunterricht, verfasst in tadellosem Deutsch, mit dramatischen Steigerungen, voll Gemüt und Seele, wurde von der Spielsehar mit heller Begeisterung dargestellt, und wenn sie zum Schluss ihren Dramaturgen, Regisseur und — Deutschlehrer auf die Bühne riefen, so dankte man ihm und den Jungen zugleich für diese prachtvolle Leistung. Man möchte nur wünschen, daß die, Anregungen, die Herr; Dr. Epstein, von Herrn Dr. Driesen seit^l?33 mit der Leitung der Spielschar betraut, in seiner klugen Broschüre über das jüdische Laienspiel gibt, auf fruchtbaren Boden fallen! Auch sein Deutschunterricht stand auf gleicher künstlerischer Höhe. Die feingewählte Legende von Herder, die Assoziationen, die hier geweckt wurden, das Ausklingealassen über die Stunde hinaus, — all das zeigt schöpferische Meisterschaft. Die Herausgabe seiner Schulspiele und die Schaffung von Leseheften als Vorbereitung für ein neues deutsch-jüdisches Lesebuch wäre eine dankenswerte Aufgabe für .Herrn Dr. Epstein. Schule und Bünde! Ein schwieriges Problem! Die Primaner L o r ge und I s a y gaben mit geschickten Worten und in erfreulicher Objektivität Ziele und Formen der Bünde bekannt Dabei betonten sie die Notwendigkeit gegenseitiger Achtung und moralischer Hilfe. Die Spannungen, die sich zwischen Schule, Elternhaus und Bünden, zeigen, sind im Grunde nichts anderes als Spannungen zwischen den Generationen, und wir Erzieher und Eltern werden nur dann zu einer glücklichen Lösung kommen, wenn, wir jung genug bleiben, um die Nöte, Seligkeiten und Lebensformen dieser Jugend zu verstehen, sie aber andrerseits zu dem erziehen, was Goethe in der „Pädagogischen Provinz" als Grundlage aller Erziehung fordert: zur Ehrfurcht. * Es wäre noch der ausgezeichneten Leistungen der Schüler in Turnen und Sport zu gedenken, die deutlich zeigen, daß am Philanthropin körperliche Ertüchtigung und geistige Schulung würdig nebeneinander stehen. Die Haltung der Schüler machte auch sonst durchweg einen guten Eindruck, sei es, daß sie als Gentlemen uns Gästen in liebenswürdiger Weise bei der Garderobe halfen oder als Wächter an der Türe zur Aula ihres Amtes walteten, zumal am Mittwochabend bei der Saul-Aufführung, wo sie den Erwachsenen ein Vorbild an Disziplin sein konnten! Auch die liebevoll zusammengestellten Ausstellungen verdienen Anerkennung. Sie gaben ein vorzügliches Bild von den wissenschaftlichen Leistungen des Direktors und der Anstaltslehrer, von der Arbeit der Bünde und den Veröffentlichungen der Verlage. — Die Tagung fand ihren Abschluss mit einer von Rabbiner Dr. Lemle und Lehrer S i 1 b e r p f en n i g geleiteten (etwas zu langen) Freitagabendfeier. („ Prinzessin Sabbat" und Th. Mann waren nicht am Platz.) ♦ All die Fülle zu bewältigen, den Stoff zu sichten, den Arbeitsplan zu entwerfen, dazu bedurfte es langer Vorbereitungen, mühevoller Kleinarbeit und eines so glänzenden Organisationstalents, wie es in Oberstudiendirektor Dr.. Driesen verkörpert ist. Was Dr. Driesen in diesen Tagen (auch physisch) von morgens bis abends! geleistet hat, wie! er die Tagung geführt und die Diskussionen geleitet hat, verdient unser aller aufrichtigen Dank! Nächst ihm danken wir seinen Mitarbeitern für all ihre Darbietungen und Anregungen, die sie uns gegeben haben. Unser Dank gebührt auch der Frankfurter Israelitischen Gemeinde für den am Sonntag gespendeten Imbiß und nicht zuletzt unseren freundlichen Gastgebern, die uns mit den körperlichen Grund- Lagen für die wahrhaft nicht geringen geistigen Anstrengungen versorgt haben. * Die jüdische Schule der Zukunft wird eine Volksschule sein. Sie wird nur mit sehr bescheidenen technischen und finanziellen Mitteln arbeiten können. Sie wird an den meisten Plätzen nur eine kleine Schule sein. Sie wird oft mit kombinierten Klassen („Gesamtunterricht" in anderer Form!) arbeiten müssen. Aber wenn sie auch eine andere Gestalt haben wird als die große Schule und sich vieles wird versagen müssen: Ihr Bildungsziel wird das gleiche sein: Menschen zu formen, die dem Menschlichen gewachsen und dem Göttlichen aufgeschlossen sind. Sie wird dabei reiche Anregung von den bereits vorhandenen Zentralen jüdischer Bildung, von den grossen Schulen erhalten. Und solche Impulse sind in hohem Masse von dieser Tagung am Philanthropin ausgpgangen. Man spürte es dankbar: Was hier geschafft und geschaffen wird, weist über den Tag hinaus. Hier geht es um die Grundlage alles Wissens und aller Wissenschaft, um das Erforschen und Weitergeben der Wahrheit.. Jener Wahrheit, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat und ihre Früchte in der Zukunft. Denn das ist jüdische Sendung: Die Fackel, die sich an der Ewigkeit hinter uns entzündet hat, weitertragen in die Ewigkeit vor uns. „An dir ist es nicht, das Werk zu vollenden, aber du darf st dich ihm nicht entziehen." ■ : .; . - jj .j Wir wollen uns nicht entziehen!

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