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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 171

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 171 (sequence 5)
Language
German
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Seite 1T1 Die Pädagogische Woche des Philanthropins Wir haben in der letzten Nummer unseres Blattes vom Verlauf des ersten Tages der Pädagogischen Woche (25.—30. November) berichtet. Der nachhaltende' Erfolg, der dieser Veranstaltung in der jüdischen Öffentlichkeit zu Teil geworden ist, lässt es berechtigt erscheinen, dem Verlauf der Pädagogischen Woche und dem Inhalt einiger ihrer markantesten Darlegungen im Rahmen des Frankfurter Israelitischen Gemeindeblattes grösseren Raum zu gewähren. Wir haben einen auswärtigen Besucher der Pädagogischen Woche gebeten, uns seine Eindrücke von ihrem Verlauf in kritischer Form zur Verfügung zu stellen. Herr Prof. Dr. Marx in Karlsruhe hatuns freundlicherweise nachstehende Betrachtungen übermittelt. Eindrücke eines Teilnehmers von Professor Dr. Ludwig Marx, Karlsruhe Lernwoche! Gibt es ein ernsteres deutsch-jüdisches Wort als „lernen"? Wir lernen im Gedenken eines Toten, wir lernen bei der Weihe eines Hauses. Immer ist es beste jüdische Tradition gewesen, das Überkommene nicht nur als Gabe dankbar hinzunehmen, sondern als Aufgabe zu erwerben und weiterzugeben. Daher muß mani es als eine glückliche Idee bezeichnen, wenn der verdienstvolle Leiter des Philanthropins, Oberstudiendirektor Dr. Driesen, der Feier des 130jährigen Bestehens der Anstalt die Form einer Pädagogischen Woche, einer Lernwoche, gegeben hat. Er hat zu dieser Veranstaltung die jüdischen Pädagogen aus allen Teilen des Reiches eingeladen, und sie sind freudig seinem Ruf gefolgt. Wussten sie doch, daß hier ein Mann am Werk ist, der immer lebendig, immer zugänglich allen Fragen der Gegenwart, mit bewundernswerter Jugendlichkeit und bewusster Betonung der Freude sein verantwortungsvolles Amt führt. Wussten wir doch, daß er umgeben ist von einem Stab von Mitarbeitern, deren wissenschaftlicher Ruf und pädagogische Fähigkeiten weit über Frankfurt hinaus bekannt sind. Und wir alle standen unter dem Eindruck, daß hier an einer großen jüdischen Bildungsanstalt von Leiter, Lehrern und Schülern Großes geleistet wird. * Und das war das Beglückende an dieser Tagung: Wir alle, die wir gekommen waren, spürten die Einheit jüdischen Bildungs- 'willens. Wir fühlten: Alle diese Menschen, die der schönste Beruf, zu dem man berufen sein kann, hier zusammenführte — manche von ihnen müssen heute leider feiern — einte die gleiche brennende Not, das gleiche glühende Wollen: zu helfen, aufzubauen, Wege zu weisen. Und bei aller geistigen Mannigfaltigkeit, bei aller Verschiedenheit der religiösen und weltanschaulichen Richtungen: Der gleiche Strom, das gleiche feu sacre durchflutete alle und leuchtete als Flamme auf, und in allen lebte und glühte die gleiche, um das Ewige wissende, jüdische Seele. Was in der Lehrertagung am Sonntag als Forderung erhohen ward, die Einheit des gesamten jüdischen Lehrerstandes, sah man hier verwirklicht. Gibt es wirklich noch Sonderinteressen angesichts der Notwendigkeit, die Not zu wenden, der Jugend, unseren Mitmenschen zu helfen? Macht es einen Unterschied, ob einer an der Religionsschule, an der Volksschule oder an der höheren Jüdischen Schule wirkt? Wenn wir selbst demütig und ehrfürchtig vor jüdischem Schicksal wie vor dem Wunder des im Kinde sich erneuernden Lebens stehen, dann stellen wir unsere kleinen Wünsche und Eitelkeiten zurück und schliessen uns wahrhaft zusammen, äusserlich als Organisation, innerlich in der Verantwortlichkeit unserer, hohen Aufgabe: Erbe zu sein einer grossen Vergangenheit und Verwalter des köstlichsten Gutes, das man uns anvertrauen kann: der Kinderseele. * Wir können, nur von der Fülle mitteilen, von der wir selbst erfüllt sind, und nur das ist uns Besitz, von dem wir wahrhaft besessen sind. Erst wenn uns Kenntnis zum Bekenntnis wird und Wissen zum Gewissen, wird aus dem toten Wort die lebendige Tat. Und diese lebendige Tat ist von den Lehrern geleistet worden, die uns während dieser Woche Proben ihres Könnens und Wissens gaben. Dabei war es überaus reizvoll, dem lebendigen Spiel der Vielfalt pädagogischer Richtungen und Veranlagungen zu folgen. Nicht jedem ist es gegeben, mit dem Temperament und der Vitalität des Leiters der Anstalt zu arbeiten. Mancher tritt ganz hinter seinem Werk zurück, ohne dabei das Ziel aus dem Auge zu verlieren. Man mag es Arbeitsgemeinschaft nennen (wobei es vor allem darauf ankommt, daß sich die Schüler den Stoff unter behutsamer, zurückhaltender Führung des Lehrers induktiv erarbeiten,) oder Gesamtunterricht, der nichts anderes sein will als „eine Einrichtung, um dem werdenden Menschen in der Bildungsstätte der Schule die Bildungsstätte der Familie in ihren urtümlichen Bildungswerten auch fernerhin zu garantieren"*), man mag den Sprachunterricht nach der vermittelnden Methode geben oder nach der auditiven: Der Erfolg aller pädagogischen Arbeit liegt letzten Endes im Geheimnis der Lehrerpersönlichkeit, die es versteht, Kräfte im Schüler zu entbinden, die selbsttätig weiterwirken. Die pädagogischen Qualitäten von Oberstudiendirektor Dr. Driesen sind bekannt genug, als daß hier ein Wort darüber gesprochen zu werden braucht. In der Arbeitsgemeinschaft „Probleme des Judentums" behandelte Dr. Driesen den Fall Dreyfuss, in der Gemeinde den Berliner Kongreß, im Gesamtunterricht die „Pädagogische Woche". Fräulein Dr. Gump eröffnete die Unterrichtsproben mit einer Stunde „Mundart". Ihre kluge und freundliche Art, ihre wissenschaftliche Befähigung und Beherrschung der Materie, wobei sie ihre schwäbische Heimat durchaus nicht verleugnet, gaben dieser Stunde ein sehr lebendiges Gepräge. Lehrer Speyer zeigte in seinem „Lebendigen Hebräisch", daß man auch Hebräisch nach Art der modernen Sprachen unterrichten kann, wobei, es ihm vor allem auf das psychologische Erfassen und die Freude am Unterricht ankommt. Sehr temperamentvoll unterrichtet Rabbiner Dr. Neu haus „Iwrith". Dass er dabei aus seinem reichen Wissen den Kindern die Anfänge der vergleichenden Sprachwissenschaft beizubringen versucht, ist ein besonderer Vorzug seiner Methode. Fräulein Schleifer behandelte Biblisehe Geschichte klar und kindertümlich, und man fühlte, daß sie durchaus Kontakt mit den Kindern hatte. Die „Palästinakunde" von Dr. S. Rothschild war in ihrer sachlichen Art eine Geographiestunde, aufgebaut auf den tradionellen Methoden des Erdkundeunterrichts. Die Propheten-Interpretation von Rabbiner Dr. Lemle: Wie hier ein Geistlicher, der selber jung, begeistert und begeisternd in lebendiger Berührung mit der Jugend steht, die Propheten (Jeremia) nicht nur seinen Schülern, sondern uns allen nahe brachte, sodaß sie geradezu in ein persönlich-menschliches Du-Verhältnis zu uns traten, das war in Form und Inhalt eine Meisterleistung. Die Pentateuch-Interpretion des bekannten Herausgebers zahlreicher jüdisch - pädagogischer Bücher, J. B. L e v y, stand auf der gediegenen Höhe seiner wissenschaftlichen Leistungen. Darbietung und Vertiefung ließen den erfahrenen Schulmann und abwägenden Methodiker erkennen. — Zu welch hervorragenden, Ergebnissen der moderne französische und englische Sprachunterricht gelangen kann, zeigten die Unterrichtsproben der Studienräte W. Rothschild (Franz.) und Dr. Plaut (Engl.). In beiden Fächern ergab sich auf verschiedenen methodischen Wegen das gleiche Resultat eines gespannten und spannenden Unterrichts, einer tadellosen Aussprache, einer sorgfältigen grammatikalischen Schulung. Wie diese Kinder das französische Lesestück erlebten und spielten (Rothschild), was diese Untertertianer bereits an englischer Synonymik beherrschen (Plaut), ist erstaunlich. Interessante Ausschnitte aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht gaben Dr. Weil (Chemie des Haushalts) und Professor Dr. Schaumberger (Wechselstrom- Radio). Eine Stunde „Wirtschaftskunde" (Buchführung), von Stud.-Ass. Dr. Stern klar und anschaulich durchgeführt, beschloß die Unterrichtsproben. * Eine Reihe von Referaten ergänzte glücklich die Lektionen. Das Referat von Studienrat Dr. S. Hirsch ,J3er Geist des Philanthropins im Lichte der Schriften seiner Lehrer" zeigt *) Vgl Driesen, Erziehung zur Freude als sittlicher Grundhaltung, in „Bausteineprakt. Pädagogik" Frankfurt a. M. 1929.

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