Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 5 (1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 173- Der Sinn der Pädagogischen Woche von Oberstudiendirektor Dr. Otto Driesen I. Zwischen Traum und Wirklichkeit ziehen unsere Tage. Noch leuchtet die Sonne! Aber wir sind darauf gefasst, daß sie, ganz plötzlich, verschwindet. So traumhaft ist unser Dasein geworden, inmitten all des greifbaren Alltags. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, wir vermögen sie nicht mehr zu erkennen! Was uns gestern fantastisch anmutete, ist heute Selbstverständlichkeit. Und was heute selbstverständlich ist, wird morgen als Fantasie und Hirngespinst verlacht. Sollen wir mitlachen, oder sollen wir mitweinen? Wir dürfen beides nicht. Denn wir tragen eine große Verantwortung. Das Schicksal hat uns .eine schwere Pflicht auferlegt: Inmitten eines seelischen Erdbebens, dessen Stösse durch die ganze Welt zittern, sollen wir „fuhren". Täglich sind die Augen von 1200 Kindern auf uns geöffnet, wie nur Kinderaugen offen sein können, abgrundtief in unerbittlichem Vertrauen. Täglich trösten sich über tausend" Eltern, durch die Not des Tages hindurch, mit dem Glauben an unsere Führerschaft. Täglich beruhigt eine ganze Gemeinde ihre unheimliche Sorge um ihre wirtschaftliche Existenz durch den Gedanken an unsere seelische Arbeit für die Zukunft ihrer Mitglieder. Täglich besinnt sich die große, schrill aus ihrer Kuhe aufgescheuchte gesamte deutsch-jüdische Gemeinschaft auf die jüdische Schule und verlangt, mit Kecht, von ihr Führung und Leistung. Täglich lesen wir, in der jüdischen Presse, die eindringliche Schlagzeile:" „Die jüdische Schule". So erlebten wir das Jahr 1934. Mit ihm vollendet unsere Anstalt, die allerälteste und größte aller deutsch-jüdischen Schulen, ihr 130. Lebensjahr. Mit seinem Beginn haben wir, im Januar 1934, einen kurzen Rechenschaftsbericht unserer Haltung in dieser schwersten aller Krisen herausgegeben: Das „Merkblatt 193 4" zeigt das Philanthropin, wie es heute lebt und arbeitet. Es lautet: „Geistige Grundlagen des Philanthropins" und besteht aus zehn Leitsätzen, von denen ich die drei ersten und die beiden letzten hier wiederhole: 1. Das Philanthropin gibt durch Führen und Verstehen seinen Schülern die Kraft, in Pflicht, Arbeit und Leistung von Leib und Seele sich die Freude am Dasein in der Gemeinschaft zu erhalten, die Grundlage jedes würdigen Lebens. 2. Das Philanthropin erzieht seine Schüler und Schülerinnen zu bewußten und selbstbewußten Juden deutscher Kultur. 3. Das Philanthropin wird, ohne jeden Gewissenszwang, als Schule innerer Einheit erlebt. 9. Auch heute — und morgen — soll unsere Schülerschaft, als lernende, wissende und könnende Erbin eines Jahrtausende alten, einzigartigen, zu Charakter, Haltung und Vorbild verpflichtenden Stammbaumes und eines in der Schule täglich erlebten religiös-geistigen Gutes, ohne jede Tarnung, aber auch ohne Überbetonung, natürlich, frei, stark an Körper und Seele, der heimatlichen Gegebenheiten in Ehre, Würde und Ruhe sich bewußt bleiben. Die im Unterricht dargebotenen Gegebenheiten Palästinas dürfen ihr jedoch nicht verblassen, etwa als ältere Geschichte und neuere Wirtschaft: Sie müssen, und zwar jeweils in ihrer neuesten Gestaltung, als Realität wie als Idealität, ihr ganz bewußt und ganz klar sein. 10. So soll jeder unserer Schüler und jede unserer Schülerinnen sich persönlich verantwortlich fühlen lernen. Sie müssen dereinst mitarbeiten, als Arbeiter der Hand und des Geistes, an der schweren Aufgabe, der deutschen Judenheit einen lebenswürdigen und lebensmöglichen Platz zu gestalten in dem weltpolitisch wieder freien heimatlichen Deutschland, und dem Judentum, im Bewusstsein seiner religiösen Menschheitsaufgaben, eine Möglichkeit zu schaffen, innerhalb des Raumes und des Geistes der Menschheit. Nach wie vor leben wir, die Zukunft zwingend, der dreifachen Liebe, das ist: der dreifachen Pflicht: Heimat, Glaube, Menschheit. Und doch — auch ein Merkblatt ist nur ein Blatt. Ein Blatt, vom Wind verweht, vom Lärm des Tages verschwiegen. Ob der pädagogische Organismus seinen Worten entspricht, das kann nur ein Miterleben erhärten. Und darum haben wir, am Ende dieses Schicksalsjahres 1934, eingeladen zu einem Miterleben: Eine ganze Woche lang sollen alle, die es angeht, Lehrer, Eltern, Schüler, jüdische Schulverwaltungen und jüdische Bildungsgemeinschaften, Gelegenheit haben, uns bei der Arbeit zu sehen. Natürlich kann auch diese Pädagogische Woche nicht die ganze Fülle je eines laufenden Arbeitstages in ihrer verwirrenden Buntscheckigkeit einfach kopieren und ausbreiten. Die Pädagogische Woche kann nur einen Ausschnitt bieten. Und dieser Ausschnitt muß sich auf das Charakteristische beschränken. Sonst reicht auch eine ganze Woche nicht, um aus der Menge des Möglichen gerade das Notwendige des Wesentlichen zu erkennen und zu erleben. II. Was möchten wir nun als das Haupterlebnis dieser Pädagogischen Woche in unser aller Herzen haftend wünschen? Nichts anderes als die Freude der älteren Generation über die Schul-Freude der jüngeren. Nichts anderes als einen Trost in der Dämmerung von heute und eine Hoffnung auf die Sonne von morgen. i Wir dürfen diese Erwartung hegen, nicht als pädagogische Ausflucht und als Notbehelf von heute. Wir leben dieses Geistes seit gestern und vorgestern. Haben wir doch unsere Jugend bewusst stets in diesem Sinne geführt! Und haben wir im Jahre 1929 zum hundertf iinfundzwanzigsten Geburtstage der Anstalt in unseren „Bausteinen praktischer Pädagogik" an die Spitze gestellt: „Erziehung zur Freude als sittlicher Grundhalt u n g." Für uns, das Philanthropin als alte Erziehungs- und Lebensgemeinschaft, hat es also nicht erst der Erfahrung der letzten Monate bedurft, um die Fr e u d e als stärkste Quelle der Kraft, der sittlichen Kraft, zu erkennen und zu bewähren. Trotzdem verkennen wir nicht: Erziehung zur Freude ist immer etwas sehr Ernstes. Und um so ernster, je drückender auf die Seele der äußere Alltag preßt. Nun ist unserer Anstalt schon immer durch ihre Eigenart eine pädagogisch ebenso reizvolle wie schwierige Sonderaufgabe zuteil geworden. Das Philanthropin ist und will gern sein: Die Gemeinschafts-Schule der Juden deutscher Sprache Die Juden deutscher Sprache sind keine Einheit. Aber sie sind eine Gemeinschaft, die Gemeinschaft deutscher Sprache und aller kulturellen Folgen und Werte und Beziehungen, die sich aus dieser Sprachgemeinschaft als Kulturgemeinschaft ergeben. Das Philanthropin, in der Vielgestaltigkeit seiner Elternhäuser und ihrer Kinder, ist das getreue Spiegelbild des deutschen Ju dentums als Gemeinschaft der deutschen Sprache. Das verpflichtet uns Lehrer zu vielseitigem Verständnis, ich möchte sagen: Zu der Humanität auch innerhalb des deutschen Judentums, die wir nach aussen stets gepflegt haben, und die wir nie verleugnen werden. Und erst durch diese inner jüdische Hu-