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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 170

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 170 (sequence 4)
Language
German
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Seite 170 Zählung ausschmückend und vertiefend, dichtend und erzählend begleitet. „Es heifit: siehe ich lasse euch Brot regnen vom Himmel!" (2. M. 16, 4); das ist's, was geschrieben steht: Du öffnest Deine Hand und sättigst alles Lebende in Wohlgefallen (Ps. 145, 16). Komm und sieh, nicht wie Gottes Art ist die Art des Menschen. Art des Menschen ist: er hält einen Schwamm in der Hand, öffnet er sie, fällt kein Tropfen, schließt er die Hand, so läßt er Wasser herniederströmen. Nicht so der Heilige, gelobt sei er. Er hat — gleichsam — den Schwamm in seiner Hand; denn so heißt es: Gottes Bach ist voller Wasser (Ps. 65, 10) und ferner heißt es: Wer hat mit seiner Faust die Wasser gemessen? ( Jeschajahu 40,12). Schließt er die Hand, so fließt kein Wasser hinunter, denn so heißt es: „siehe, er verschließt das Wasser und alles Land trocknet aus (Hiob 12, 15); und ferner: er verschließt den Himmel und es gibt keinen Eegen (5. M. 11, 17); öffnet er seine Hand, strömt der Kegen, denn so heißt es: Gott wird Dir öffnen seinen guten Speicher, den Himmel, daß er Deinem Lande Kegen gebe zu seiner Zeit (5. M. 28,12). Und ferner heißt es: Du öffnest Deine Hand und sättigst alles Lebende in Wohlgefallen" (Ps. 145,16). Ehe wir im Midraschtext weiter fortfahren, ist jetzt ein Wort der Erklärung vonnöten. Der eben angeführte Psalmvers schließt ab mit dem Worte das heißt: „Wohlgefallen". Dann bezieht es sich auf Gott und] der Sinn ist: Gott sättigt den Menschen aus seinem, Gottes, Wohlgefallen, Wohlwollen. So ist es auch gemeint. Aber das Wort heißt auch „Willen", dann bezöge es sich auf den Menschen und der Vers bedeutete: Gott sättigt den Menschen' nach seinem, des Menschen, Willen. So kann man auch übersetzen, wenn man in voller Freiheit, um nicht zu sagen Willkür, den Vers auffaßt. Der Midrasch nimmt solche Freiheit für sich in Anspruch. Das mußte gesagt werden, um die Fortsetzung verständlich zu machen. „Es heißt hier nicht, er gibt allem Lebenden Nahrung, sondern: er gibt allem Lebenden den Willen; denn er gibt jedem nach seinem Willen, wonach er verlangt. Und auch in der künftigen Zeit, der Zeit des Messias, wird Gott jedem geben nach seinem Willen, wonach er verlangt. Verwunderst Du Dich darüber, so schau,' was er an Israel getan hat in dieser Welt, er hat ihnen das Manna herunterregnen lassen, in dem alle möglichen Geschmackstönungen waren, und jeder empfand den Geschmack der Speise, die er schmecken wollte, denn so steht geschrieben: «Ii diese vierzig Jahre war Adonaj dein Gott mit Dir, Du hattest keinen Mangel an irgend etwas. Was heißt das? Wenn jemand irgend etwas essen wollte und er sagte, ich möchte jetzt gern etwas Gemästetes essen, so erhielt in seinem Mund das Manna den Geschmack von Gemästetem. Sie sprachen ein Wort und der Heilige, gelobt sei er, tat ihnen ihren Willen. Kaw Abba sagte, er brauchte das Wort nicht einmal mit seinem Mund zu benennen, er brauchte nur in seinen Gedanken dem nachzusinnen, was er gern schmecken wollte, und er hatte den Geschmack, nach dem er Begehr trug, und der Heilige, gelobt sei er, tat ihm seinen Willen. Ein Beweis, daß dem so war: Jecheskel sagte: „mein Brot, das ich Dir gab — Kerngrieß, öl und Honig gab ich Dir zu essen" (Jecheskel 16,19); in einem anderen Worte heißt es: „siehe ich lasse Euch Brot regnen vom Himmel" (2; M. 16,4); und wieder in einem anderen Verse heißt es: „es schmeckte wie Kuchen und Honig" (2. M. 16,31);. und abermals in einem anderen Verse heißt es: „und sein Geschmack war wie der Geschmack von leckerem ölgebäck" (4. M .11,8). Wie können die Verse nebeneinander bestehen? Die Kräftigen schmeckten den Geschmack von Brot, die1 Alten den von Honig, J^e Kinder den von feinem ÖL . SoJ^er Midrasch. In ihm sind in einem hohen Masse schon im Äüsserlichen wesentliche Elemente seiner Eigenart in der Auslegung und Ausschmückung der Bibel enthalten. Die Souveränität in* der Auslegung, und dem Verständnis eines Bibelverses, die reizvolle Art, Bibelverse aus allerhand Büchern der Heiligen Schrift mit einander in Verbindung zu bringen, die blühende Phantastik, mit der er sich so oft über die Widrigkeiten des Alltags'erhebt, der Wille, einer Erzählung in allen, scheinbar nebensächlichen Einzelheiten bis in die letzten Tiefen nachzugehen und verborgene Geheimnisse zu finden, die dem oberflächlichen oder nur sachlichen Leser verborgen bleiben, die Belebung, die den Dingen und Personen von ihm verliehen wird. Über das Äusserliche und über die Form hinaus lohnt es sich sehr, den Gedanken nachzusinnen, die in der eigenartigen Form der Darstellung zum Ausdruck kommen. Was hat der gewollt, der an den Bibeltext solche, nicht im Text gegebene und nicht an der Oberfläche liegende Gedanken anlehnte? Als er den Unterschied zwischen Gott und Mensch in dem Gleichnis vom Schwamm darzulegen versuchte, wollte er nicht nur dieses Eine sagen, -er wollte seinen Hörern ganz allgemein und für die gesamte Betrachtungsweise der Weltdinge klar machen, daß man nicht vom Menschen ausgehen dürfe in der Prägung der Eigenschaften und Handlungen; er' wollte das grundsätzliche Anderssein Gottes lehren. Dieses Anderssein, dieses So-sein, daß ein Vergleich vom Menschlichen her gar nicht möglich ist, ist das, was den Begriff der Heiligkeit, das Heiligsein Gottes begründet. . Als er jene, beinahe schon ins Amüsante gehende Schilderung von der Eigenart des Mannas gab, das jedem Geschmack sich anpasste, kam es ihm wohl auf das im wesentlichen an, was im Schlussatz sich birgt, daß nämlich jeder nach seiner .Eigenart die Dinge erfassen muß, daß keiner mit den Sinnen des Anderen fühlen kann, so wie es 'einmal bei der Öffenbarung am Sinai heisst, daß jedes Alter und jedes Geschlecht sie nach seiner Art erfasste und verstand. Er wollte die innere Mitarbeit jedes Einzelnen aufrufen, an sein Mitdenken appellieren, ihn zum Tun und nicht nur zum Empfangen aufrufen. Und zugleich wollte er, indem er Gott als den unendlich Schenkenden, jedem Gewährenden zeichnete, das Vertrauen des Hörers stärken, ihn dazu anleiten, daß er demütig in vollem Vertrauen alle seine Last, alle seine Sorgen auf Gott werfe. Zu dem unbedingten, auf jeden Zweifel verzichtenden Gottvjr-, trauen will auch eine andere Deutung einer Episode der Manna- Erzählung hinführen. Berichtet ward (V 20), daß manche dem Gebot, nur den Tagesbedarf zu sammeln, nicht gehorchten und an der Zusicherung, es werde morgen, an jedem Tage wieder frische Nahrung vorhanden sein, zweifelnd mehr sammelten als vonnöten war und für den nächsten Tag übrig Hessen. Dazu heisst es im Midrasch: „das waren die in Israel, denen es an Glauben und Vertrauen fehlte". Die Mechilta, der halachische Midrasch zum zweiten Buch der Thora führt das noch weiter aus, in ihm findet sich zu diesem Bibelkapitel die folgende Bemerkung: „Rabbi Elasan aus Modiim sagte: „W er heute zu essen hat und fragt, wovon werde ich morgen haben? ist bar des Glauben s." Selbst wenn man diese Bemerkung nicht absolut wörtlich nimmt, bleibt eine kräftige Absage an ein Denken, dem ein Leben nur lebenswert ist in vollendeter Sicherheit, in weit ausschauender Vorsorge, in der Sicherung vor jedem möglichen Wechselfalle; von uns aus gesehen, eine Absage an das Sicherheitsdenken der vergangenen Epoche. Das Leben, will Rabbi Elasar sagen, ist immer lebenswert; in dem Fehlen der Sicherheit steigern sich die Kräfte, entdeckt man neue Wege, findet man erhöhte Freude in jeder unerwarteten und unberechneten Erfüllung. Das Berechenbare verliert den Reiz. Es muß nur eine Grundlage sein, das gläubige Vertrauen auf die Hilfe Gottes, dessen Auge über jedem Sterblichen wacht und der jede mnahe ist. Könnte ein Zweifel sein, daß Haupterzählung und Midrasch- Deutung gerade für uns Heutige von gesteigerter Bedeutung sind? - . - äffßßifllßßßr t öie fcfc für unfere 3udent> tff eine aufe £ef?rfiefle! «L_l_ii£L___ heftet freie Siurtitötinsefleflen jeder Wxt für mmtnttd)e »erufMenfte an MbiWe :$eri!f0&eraftt!i0 nnb 3fr&eit*tuid)tt>ete Selefon 46164 fiönfaöWortcrWe UI.

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